Monatsarchive: November 2021

Willi Lippens.

Willi Lippens. Eigentlich könnte dieses Kapitel nun beendet sein, denn Willi Lippens ist Entertainer in eigener Sache und somit trifft Inhalt Überschrift. Aber Willi Lippens gebührt einfach ein eigenes Kapitel, auch wenn seine Vita jedem Rot-Weiss Fan mit in die Wiege gelegt wurde und immer noch wird. Sechsundsiebzig  Jahre alt wird Willi Lippens  heute am 10. November 2021 und strahlt noch immer dieses spitzbübische aus, was ihn neben seinen fußballerischen Qualitäten auch menschlich so wertvoll macht.  Es ist nun schon ziemlich lange her, aber mir immer noch gut in Erinnerung: Die Fußballplaudertasche und Fließbandtastaturbetreiber Ben Redelings holte Willi Lippens am 16. Oktober 2008 im Riff Bochum auf die Bühne. Ein Scudetto Abend war angesagt. Nun ist ja Ben Redelings von Haus aus nicht auf den Mund gefallen, irgendwie muss man ja auch sein Dasein als VfL Bochum Fan kompensieren. Als aber Willi Lippens sich auf die Bühne begab und das Mikrofon zu packen bekam, da war es um und Zuhörer geschehen und konnte sich der gute Ben entspannt zurücklehnen…

Aus: 111Gründe, Rot-Weiss Essen zu lieben

….Willi Lippens plauderte aus seiner aktiven Fußballzeit, so dass es eine wahre Wonne war. Natürlich inklusive der allseits bekannten Anekdoten. Garniert mit vielen, vielen kleinen Geschichten am Rande. Untermalt mit viel Gestik, so dass es ihn kaum auf seinem Hocker hielt und das Auditorium nicht wirklich auf den Sitzen. Immer den Schalk im Nacken und ein Blitzen in den Augen. Hier erzählte einer von sich, der sein Leben als Fußballer mit Witz und gutem Verhandlungsgeschick erfolgreich gemeistert hat. Das war Entertainment vom Feinsten. Das Buch von Dietmar Schott signierte mir Willi Lippens natürlich auch noch mit einer persönlichen Note und der nötigen Zeit. Spätestens nach diesem Abend stellte sich Willi Lippens auf eine Stufe mit Helmut Rahn, geht es um den persönlichen Lieblingsspieler aller Zeiten. Und irgendwie lief man sich in den Folgejahren immer mal wieder über den Weg. Also er mir, denn da er mich nicht kennt, konnte es umgekehrt ja nicht der Fall sein. Und immer waren es Schlüsselerlebnisse auch für den Verein: Insolvenz und Richtfest Stadion Essen zum Beispiel. Einmal, es war gegen Preußen Münster, hat es sogar mal zu einem Foto gereicht. Willi Lippens hat mich so höflich gefragt, da konnte ich nicht nein sagen. Vielleicht war es aber auch andersherum.

Unter dem Strich sagt es aber aus, dass Willi Lippens sich im und um das Stadion Essen ohne einen Hauch von Starallüren bewegt. Er ist einfach immer mittendrin im Geschehen, frei von eigener Entourage. Und auch das nach ihm benannte Maskottchen hat keinen bleibenden Schaden hinterlassen. Sicher mag auch ihm ein wenig das Herz geblutet haben, als die letzten Mauern der Haupttribüne fielen, war diese ja bekanntermaßen einige Zeit sein zuhause. Man munkelte ja sogar, dass er es war, der von Georg Melches in flagranti da oben erwischt wurde. Sein erstes Zuhause und Geburtsort war allerdings das zu Kleve gehörende Städtchen Hau. Direkt an der niederländischen Grenze gelegen. Eine Konstellation wie hier in Nordhorn auch. Der kleine Grenzverkehr in Friedenszeiten brachte viele Paare und Beziehungen zusammen. So war auch Wilhelm Lippens Niederländer. Obwohl diesseits der Grenze lebend und ein eigenes Geschäft betreibend, hegte der Vater von Willi Lippens berechtigten Groll gegen die Deutschen, da er sich während des Krieges Repressalien durch dieses unmenschliche Regime ausgesetzt sah. Ein Groll, der erhebliche Auswirkungen auf die Länderspielkarriere von Willi Lippens haben sollte. Das DFB Angebot wirkte auf Wilhelm Lippens wie ein rotes Tuch, und er drohte seinem Sohn, nicht mehr nach Hause kommen zu dürfen, sollte er mit dem Adler auf der Brust auflaufen. Der Anruf des KNVB kam da schon eher gelegen.

Und so sollte Willi Lippens ein Länderspiel für die Elftaal bestreiten. Das es nur bei einem Spiel im Jahre 1971 für diesen so begnadeten Spieler bleiben sollte, hatte leider auch wieder mit der Geschichte zu tun. Hatte sich das Grenzgeschehen wieder schnell normalisiert, hielten viele Niederländer mit ihrem Hass auf alles Deutsche weiter nicht hinter dem Berg. So auch die Kollegen aus der Nationalmannschaft. Für sie war Willi Lippens der Deutsche. Und damit nicht gewollt. Es muss den jungen Willi Lippens als Mensch und ehrgeizigen Sportler innerlich zerrissen haben: Für die einen durfte er nicht, und die anderen wollten ihn nicht. Bevor er aber dieses für ihn so traurige Kapitel erleben musste, drehen wir das Rad wieder zurück in das Jahr 1965. Das Jahr, in welchem dieser wundervolle Verein aus der wundervollen Großstadt, die Rede ist von Rot-Weiss Essen, ihn unter Vertrag nahm. Der Bauer aus Kleve an der Hafenstraße.

Elf Jahre nun dauerte seine erste Zeit bei RWE. Elf Jahr Dribblings, Sprüche und sicher auch schlechte Spiele. Elf Jahre aber vor allem auch Tore und knallharte Vertragsverhandlungen. Denn ein Schelm er auch war, aber die Monatsabrechnung hatte zu stimmen. Auch hier bekamen wir an jenem Abend im Riff Bochum einige Einblicke in sein Verhandlungsgeschick. Da wurde man allein vom Zuhören manches Mal Rot im Gesicht. Willi Lippens sollte jedem Haus- oder Autokäufer zur Seite stehen. Einen Manager hatte er nicht nötig. Außerdem, so sparsam wie er war: Der kostet ja auch nur Geld. Geld also definitiv auch ein Antrieb. Und vielleicht auch der Grund seiner Kündigung, die Willi Lippens am 28.März 1976 erreichte. Nichts genaues weiß man nicht: Der Verein sprach von überzogenen Forderungen und Willi Lippens selbst von wenigen Mitspielern, die ihn nicht mehr in der Mannschaft sehen wollten. Die Westkurve weinte und auch der Spieler selbst hatte mehr als nur eine Träne im Rot-Weissen Knopfloch. Wenigstens aber blieb er noch zwei weitere Jahre dem Ruhrgebiet erhalten und unterschrieb bei Borussia Dortmund.

Dann allerdings lockte der schnöde Mammon und die recht frische Operettenliga in den Vereinigten Staaten. Das Jahr 1979 verbrachte Willi Lippens zeitweise in Dallas bei den dortigen Tornados. Ich bekomme seine Erzählungen im Zuge dieser Verhandlungen nicht mehr geordnet, aber ich weiss noch, dass wir da die meisten Lachtränen vergossen haben. Jedenfalls trägt er nicht die Schuld daran, dass dieses Franchise im Jahre 1981 aufgelöst wurde. Gruselige Sitten für hiesige Fußballfans. Da lohnte sich nicht einmal der Kauf von Fanartikel. Das Jahr 1979 verbrachte Willi Lippens ab Ende Oktober aber auch noch bei einem ganz anderen Verein und man mag es erahnen: Geld war dann doch nicht alles, und Willi Lippens plagte das Heimweh. Ein Gefühl, welches ihn noch sympathischer macht. Geld ist immer nur eine Währung. Heimat dagegen ist von unschätzbarem Wert. Es ging zurück an die Hafenstraße, zurück zu seiner Herzensangelegenheit Rot-Weiss Essen. Sportlich konnten leider weder Willi Lippens noch der RWE wieder an alte Glanzzeiten anknüpfen. Der Spieler merkte den Verschleiß und im Verein machte die Führungsetage mal wieder Scheiß.

Es war also der 17. Mai 1981, als die Kultfigur Willi Ente Lippens das allerletzte Mal an der Hafenstraße die Fußballschuhe schnürte. Nur knapp fünftausend Fans wohnten diesem 4:0 gegen Alemannia Aachen bei. Das war es dann. In der Folgezeit gab es noch Engagements bei Vereinen in unteren Ligen; die Monate in Oberhausen übergehen wir hier einfach dezent und landen wie weiland Marty McFly im Jahre 1998. Unserem Verein ging es mal wieder wie üblich schlecht. Der Abstieg in die Amateuroberliga Nordrhein drohte, als sich die Vereinsoberen an Willi Lippens erinnerten und ihn kurzerhand und unentgeltlich als Trainer installierten. Willi Lippens wollte dem Verein etwas zurückgeben und hatte dafür sechs Spiele Zeit. Aber es langte nicht mehr, der Abstieg konnte nicht verhindert werden und somit war auch der Trainer Willi Lippens schnell wieder Geschichte. Und doch konnten weder Verein noch Willi Lippens bis zum heutigen Tag voneinander lassen, zu groß die emotionale Bindung. Und so kommt es, das er auch heute noch regelmäßig an die Hafenstraße pilgert, oder in seinem Restaurant bei günstigem Wind lauscht, ob er einen Torjubel inklusive „Adiole“ hören kann. Willi Lippens, wir Danken Sie für so viel.

„Mit Kummer kann man alleine fertig werden, aber um sich aus vollem Herzen freuen zu können, muss man die Freude teilen.“ (Mark Twain)

Hand aufs Herz: Wer hatte im Stadion oder an den heimischen Empfangsgeräten nicht auch in den letzten zehn- bis fünfzehn Minuten das mulmige Gefühl, dass unser RWE noch RWE-Dinge machen könnte, wie er sie in vergangenen Jahren immer wieder mal gemacht hat? Unser kleinen Schar auf der immer heimischer werdenden Gottschalk-Tribünen-Hälfte ging es jedenfalls so. Schließlich konnten wir von dort aus sehr genau beobachten, wie die Spieler der Alemannia in dieser Phase durchaus auch gefährlich vor unser Tor kamen und der Gegentreffer nur durch gemeinsame Anstrengung und eine gehörige Portion Glück verhindert werden konnte. Da rutschte uns desöfteren das Herz ganz gewaltig in die Hose.

Wir hätten uns die Nerven aber eigentlich auch sparen können:  Schließlich sind wir aktuell nicht mehr das Rot-Weiss Essen der späten und zu unseren Ungunsten entscheidenden Gegentore, sondern wir haben eine Mannschaft, die bis zum Abpfiff ihrerseits niemals aufsteckt und ohne Unterlass versucht, auf das gegnerische Tor zu gehen. Spielanteile mit dem eher ungeliebten „hintenherum“ inklusive. Sogenannte „Mentalitätsmonster“ also für unsere Farben auf dem Rasen unterwegs. Wer nun der Mannschaft immer noch fehlende Emotionalität oder gar mangelnden Zusammenhalt bescheinigt, der wurde spätestens in der fünften Minute der Nachspielzeit eines besseren belehrt: In dem Moment, als Grillmeister Felix mit seinem Tor die Herzen der Alemannia Spieler brach (Herzenbruch, daher also..), eskalierte das vorher beschaulich ruhige Stadion komplett. Die meisten vor Freude, die Gästeanhänger eher weniger deswegen. 

Dieser Schrei aus tausenden Kehlen, die heranstürmenden Mitspieler von draußen, ein Simon Engelmann, der es zunächst vor der Westtribüne herausbrüllte, bevor er auf den Haufen der Kollegen hüpfte. Ein Trainer, der irgendjemand in den Arm nehmen wollte, aber keinen fand, da alle so schnell unterwegs waren. Und dann ganz besonders Oguzhan Kefkir, der auf Krücken irgendwie hinterher gehumpelt kam. Oder später, als Daniel Heber, auch auf Krücken, im Kreise seiner Mannschaft vor der West stand und gefeiert wurde. Und dann war da noch das wohl schönste Sportfoto der letzten Jahre (von Marcel Rotzoll für jawattdenn) geschossen: Ein glücklicher Felix Herzenbruch sitzt auf dem Zaun, strahlt über alle Backen, ein frisch gezapftes Stauder in der Hand. Mit der allerletzten Spielaktion hat es die Mannschaft geschafft, die logischerweise (wir sind in Essen) drohende Unruhe im Umfeld abzuwenden und weiter alleiniger Tabellenführer dieser so spannenden Liga zu bleiben. Ich glaube, in unserer Mannschaft stecken mehr Emotionen, als wir von außen erkennen können. 

Was mich aktuell aber noch mehr umtreibt ist die Frage, warum wir von außen nicht mehr die positiven Emotionen in das Spiel bringen, um unserer Mannschaft durchgehend zu helfen. Je länger wir Tabellenführer sind, und je mehr Zuschauer wieder zugelassen sind, umso leiser und kritischer werden wir gefühlt. Exemplarisch dafür die erste Spielhälfte des vergangenen Samstag im Spiel gegen Alemannia Aachen. Unermüdlich wurde zwar im kleineren Kreis auf der Westtribüne durchgesungen, nur wurde es kaum noch von den anderen Tribünen aufgenommen. Ich könnte verstehen, wenn man dort irgendwann mal sagt: „Keinen Bock mehr“. Spätestens die Pfiffe zur Halbzeit haben mich dann richtig geärgert. Natürlich haben wir um das Gegentor gebettelt, so wie wir es immer regelmäßig tun. Aber wir lagen nicht zurück, haben den Gegner weitestgehend dominiert und eine Halbzeit war noch zu spielen: Da sind Pfiffe für mich keine Option. Sind wir bei „We only sing when we`re winning“ angekommen, oder nimmt uns aktuell die tabellarische Spannung die Leichtigkeit des Seins auf den Tribünen, um auch unseren Teil zu versuchen beizutragen? 

Und ganz schlimm wird es dann, wenn unsere eigenen Spieler dem Hörensagen nach auch noch persönlich beleidigt werden. Von einer ganz kleinen Minderheit glücklicherweise nur, aber mal ganz ehrlich: Unsere eigenen Spieler? Geht’s noch? Eine Eintrittskarte beinhaltet leider nicht automatisch die Drei Punkte für ein Halleluja oder eine spielerische Gala auf dem Spielfeld. Und natürlich verpflichtet sie uns auch nicht dazu, neunzig Minuten lang anzufeuern. Aber sie berechtigt keinesfalls dazu, ausfällig gegenüber unseren Spielern zu werden, die gerade von Spiel zu Spiel versuchen, unser aller Traum in die Tat umzusetzen. Da braucht es Unterstützung, anstatt jeden Fehler im Spiel anschließend bis auf das Kleinste zu sezieren. Außerdem habe ich noch keinen Sportler gesehen, der bei einem Gegentor glücklich ausschaut. Da sieht jeder unglücklich aus.

Wir sind nicht nur Tabellenführer unserer Liga, sondern aktuell die wohl reifste Frucht im Fußball, was einen Aufstieg angeht! Und so sollten wir das Stadion doch mit der breiten (Fan-) Brust eines Spitzenreiters betreten und unseren Teil während des Spiels dazu beitragen, dass es auch so bleibt. Erfolgreicher Fußball bedeutet doch nicht, dass wir nur noch singen, wenn die Mannschaft liefert. Wir können ja auch mal wieder in Vorleistung gehen und den Trend stoppen, dass wir uns gerade Richtung englische Fußballkultur bewegen. Aber nicht der Kultur von gestern, für die wir gefeiert und gefürchtet wurden. Zudem hat unsere Mannschaft gerade echt die Kacke am dampfen, was das Verletzungspech angeht. Da sollte es doch umso mehr Zuspruch geben für all die Spieler, die jetzt auflaufen, um Rot-Weiss Essen weiter auf Meisterkurs zu halten. In den Vorjahren hätte ich auf jeden Fall mehr Sorgen, dass das klappt, als in der aktuellen. Und überhaupt: In der 3.Liga versuchen namenhafte Vereine aktuell diese am Ende der Saison nach oben oder unten zu verlassen, nur um in der kommenden Saison nicht gegen uns antreten zu müssen. 

Ich weiß, dass sich vielleicht nun manch einer, manch eine auf den Schlips getreten fühlen dürfte, wenn er oder sie diesen Text liest, da Spiel für Spiel lautstark dabei. Das ist natürlich nicht mein Ansinnen. Aber ich suche einfach eine Antwort auf die für mich unverständliche Frage, warum wir Tabellenführer sind, und auf den Rängen tragen wir dem aktuell daheim kaum Rechnung. Ist das noch die Pandemie, deren Schatten weiterhin die Leichtigkeit verdunkelt, und die wir erst gemeinsam aus dem Weg räumen müssen? Oder ist es die Angst, am Ende doch wieder zu scheitern? Auch das ist möglich, eine Saison ist lang und alles kann passieren. Aber wir sollten gerade doch als Fans im Hier und Jetzt leben. Und vor allem Tante Lotte mal so richtig die Ohren klingeln lassen.

Was Hafenstraße wirklich kann und drauf hat, das haben wir dann ja in den schon erwähnten letzten Minuten und danach gesehen. Das war Rot-Weiss Essen vereint in Ekstase und Leidenschaft auf und neben dem Feld, da konnten wir auf einmal alle singen und klatschen. Das sind Momente, aus denen Aufsteiger gemacht werden! 

Ein ganz herrlicher Moment aktuell immer nach einem Spiel, wenn das Stadion verlassen wird und schon aus der Ferne die Töne eines Dudelsacks zu hören sind. Und wenn der Dudelsackpfeifer unter anderem auch noch den „Steiger“ vor der wunderbaren Kulisse der „kleinen Gruga“ zum Besten gibt, dann spürt man immer noch die Magie rund um unseren RWE. Holen wir sie auch wieder in das Stadion. Dies wird unsere Saison. Aber zusammen!