Kategorie-Archiv: rweinternational

Europapokalfunktionsteam 1994!

Was wäre eigentlich, wenn es die drei Bremer Tore nicht gegeben hätte? Was wäre also gewesen, wenn in diesem Finale nur Rot-Weiss Essen durch Daouda Bangoura in jener 50. Minute das Tor getroffen hätte? Richtig, dann wäre das Finale mit 1:0 für uns ausgegangen, iss klar. Gleichbedeutend aber auch mit der Qualifikation für den damaligen Europapokal der Pokalsieger. Daran hätte uns nicht einmal der DFB hindern können. Ok, es kam jetzt vor 25 Jahren nicht dazu: Wir verloren ja das Finale, die Lizenz war eh schon weg und der Respekt vor dem DFB latent auch nicht mehr vorhanden. Mindestens seit 1971. Trotzdem waren wir an diesem Abend in Berlin gefühlt doch der Sieger!

Grund genug also, uns fünfundzwanzig Jahre später doch noch für den Europapokal der Pokalsieger 1994/95 zu qualifizieren und ihn als Konjunktiv auszuspielen: 

Der Jubel über den Pokalsieg gegen den SV Werder war gerade erst verklungen, als allen Verantwortlichen im Verein bewusst wurde, dass man sich ab sofort nicht nur mit der drittklassigen Regionalliga West/Südwest, sondern auch mit dem Europapokal und der dafür anstehenden Auslosung zu beschäftigen hatte. Wer aber sollte sich darum kümmern, bei all den Zwistigkeiten unter den Herren Himmelreich und Arnold? Ein harmonierendes Europapokalfunktionsteam musste also her, um unseren Verein bestens zu vertreten: Die Wahl fiel schnell auf Günter Barchfeld (als einer der wenigen mit Europapokal Erfahrung), Lothar Dohr (spezialisiert auf laute Zwischenrufe) und Detlev Jaritz (Der machte das mit den Fähnchen und Wimpeln). Die drei machten sich also am 15. Juni 1994 auf nach Bern, wo im noblen Hotel Savoy alljährlich die Auslosungen für die verschiedenen Europapokalwettbewerbe durchgeführt wurden. Im Falle des RWE die zur Qualifikation für den eigentlichen Europapokalwettbewerb. Für Günter, Lothar und Detlev ein gutes Omen, bei dem Namen „Bern“ klingelten allen direkt dem Horst seine Glocken. Übrigens die letzte, in Bern stattfindende, Auslosung, war für das kommende Jahr 1995 der Umzug der UEFA in das schweizerische Nyon geplant. Ein gutes Omen also.

Es war der späte Vormittag des 16. Juni, als der Ziehungsleiter der UEFA, Cash Moneypenny, zu den Lostöpfen schritt und die Losfee Kevin Keegan bat, zur Tat zu schreiten. Es ging ganz schnell, denn schon die ersten beiden Namen aus dem Topf zur Qualifikation brachten Rot-Weiss Essen und Tiligul Tiraspol aus Moldawien zusammen. Den drei Essener Vertretern stand zunächst das Fragezeichen auf die Stirn geschrieben: „Tiligul Watt?“ Aber, der Erstkontakt mit den Vertretern von Tiligul konnte weitestgehend alle Fragen klären. Tiraspol hat immerhin 148.917 Einwohner und wurde 1792 gegründet. Eine Stadt also, nur unwesentlich älter als unser RWE. Gespielt wird dort im „Stadionul Municipal“. Auf die zwei Spieltermine konnten sich die Delegationen beider Vereine abends an der Theke schnell einigen. Es gab ein Hin- und ein Rückspiel. Fettich! Ruhrpottpragmatismus eben. Erst später fiel den Dreien auf, dass man ja gar nicht über die Termine verhandelt hatte. Das konnte dann aber fernmündlich doch noch geklärt werden.

Und so betrat Rot-Weiss Essen am 11.08.1994 erstmalig nach dem 12.10.1955 in Edinburgh wieder europäischen Fußballboden. Ein geschichtsträchtiges Datum somit. Das Spiel eher weniger für die Geschichtsbücher, konnte das holprige Geläuf im warmen Tiraspol kaum zu einem hinreissenden Spiel verleiten. Und doch konnte der Drittligist Rot-Weiss Essen einen hart erkämpften 1:0 Erfolg mit zurück an die Hafenstraße nehmen. Die 97a mitgereisten RWE Fans feierten stürmisch ihre Mannschaft und gönnten sich noch ein verlängertes Wochenende am Schwarzen Meer. Jürgen Wegmann sagte anschließend im Anpfiff Interview zu Uli Potofski: „Zuerst hatten wir kein Pech, und dann kam auch noch Glück dazu.“ Der Europapokalauftakt also mehr als gelungen. 

Dreizehn Tage später kam es zum Rückspiel an der Essener Hafenstraße. Aus Sicherheitsgründen durfte der RWE nur 1.907 Eintrittskarten verkaufen. Es haperte also ein wenig an europäischem Flair auf den Rängen, dafür aber war das Spielfeld an diesem 24.08.1994 ein Gedicht: Jupp Breitbach hatte Grashalm für Grashalm zu einem wunderschönen Grasteppich wachsen lassen. Reinreden durfte ihm dabei keiner. Wehe wenn…! Das Spiel ein wesentlich besseres als noch im Hinspiel, der 0:1 Rückstand durch Lugilit Lopsarit konnte schnell durch Wolfram Klein egalisiert werden. Adrian Spyrka war es dann, der mit einem Doppelpack zum 3:1 Endstand traf. Welch ein Jubel nach Abpfiff. Helmut Rahn und Willi Lippens lagen sich auf der Tribüne in den Armen und selbst die Kontrahenten Himmelreich und Arnold nickten einander zu. 

Nur unser Europapokalfunktionsteam bekam plötzlich richtig Brassel: Es dämmerte den Herren Barchfeld, Dohr und Jaritz, dass es schon wieder nach Bern gehen würde, stand doch die nächste Auslosung vor der Tür. Wenigstens hatte sich der Verein in seinen Strukturen langsam erholt und brachte die Qualifikationsrunde auch die ein oder andere Mark in die sanierungsbedürftige Vereinskasse. Somit wurde ein nagelneuer Neunsitzer angeschafft, mit dem nun relativ bequem am 30.08.1994 nach Bern gefahren wurde. Durch stetige Fahrerwechsel kam man flott voran und wer nicht gerade am Steuer saß, konnte die Zeit anderweitig nutzen: Günter aktualisierte seine Statistik der Anzahl an Berlinern, die er mittlerweile der Geschäftsstelle vermacht hat. Lothar übte verschiedene Tonlagen, um seinen Schreck noch schreck….äh schöner durch das Stadion schallen zu lassen und Detlev bastelte an Ideen für den Fanshop und verwaltete die Reisekasse. 

Der nächst Vormittag, wieder im noblen Hotel Savoy. Tag der Auslosung. Geschlafen wurde aus Kostengründen im Neunsitzer, drei Zimmer im Savoy saßen finanziell nicht drin. Ritualisiert begann Cash Moneypenny mit der Auslosung, bevor es zu einem Eklat kam: Losfee heute war „Erwin“. Als unsere drei Essener Jungs das Gelsenkirchener Maskottchen an der Lostrommel stehen sahen, machten sie auf der Stelle kehrt und ließen das Gremium und die UEFA wissen, dass der Gegner dieser ersten Runde nur unter Protest angenommen wird.

Ungefähr eine Stunde später sollte der draußen wartenden RWE Delegation der Erstrundengegner des nun wirklich richtigen Europapokal der Pokalsieger mitgeteilt werden: Der Deutsche Austauschschüler und Praktikant der UEFA, Uwe H. wurde angewiesen, die Essener wieder hineinzubitten. Zudem hatte er sich im Namen der UEFA dafür zu entschuldigen, mit der Wahl von „Erwin“ als Losfee die Gefühle der Essener verletzt zu haben. Das empfand Uwe H. als eine solche Erniedrigung, so dass er sich schwor, eines Tages selbst bei RWE zu arbeiten, um den Bergeborbeckern dann als Akt der Rache von innen heraus zu schaden. 

Wie dem auch sei: Der Gegner stand fest, stammt aus Finnland und heißt Helsingin jalkapalloklubi. Kurz: HJK Helsinki. Mehr Europapokal geht nicht, dachte Detlev, während Lothar stumm auf seiner Knifte kaute und dabei sinnierte, was „Schreck vom Niederrhein“ wohl auf finnisch bedeuten könnte. Günter hingegen machte Nägel mit Köpfen, holte die Berliner aus seinem Aktenkoffer und begab sich damit zu der Delegation des HJK. Irgendwann will man ja auch die Dinge geklärt wissen und zurück nach Hause. Schließlich gilt es wie immer dem Training beizuwohnen. Schon nach den ersten Minuten der Unterredung stellte man fest, dass man einander sehr sympathisch fand und es wurde gar euphorisch, als beide Delegationen entdeckten, dass ihre Vereine im Jahre des Fußballgottes 1907 gegründet wurden. Bevor man sich nun in launiger Atmosphäre ganz in den Geschicken seit 1907 verlor, einigte man sich noch auf die Austragungstermine. 

Diesmal hatte der RWE zuerst Heimrecht. Und Recht auf volles Heim. Die UEFA hatte eingesehen, dass an der Hafenstraße nur sympathische Fans unterwegs sind und wollte aus möglichen Problemen nun keinen Löwen machen. Zudem waren aus Helsinki nicht unbedingt viele Fans zu erwarte. Somit war das Georg-Melches Stadion an diesem lauen Herbstabend des 13.09.1994 pickepackevoll, die Stimmung ziemlich toll. Was folgte war ein beinhartes Kampfspiel, welches die Kicker aus Helsinki den Ballzauberern aus Essen auferlegten. Leider ließ sich Jürgen Wegmann davon beeinflussen, so dass er einen gegnerischen Spieler mit dem wilden Ruf „Ich Kobra, Du Lappe“ rücksichtslos von hinten zu Fall brachte. Der RWE danach nur noch zu zehnt auf dem Platz. Dumm gelaufen. Durch die nimmermüde Unterstützung von den Rängen biss sich die dezimierte Mannschaft aber durch die neunzig Minuten und kam mit zwei Toren in der Nachspielzeit noch zu einem nicht erwarteten Heimsieg. RWE Tore in Nachspielzeit, das klingt natürlich unglaubwürdig. Aber so war es: Robert Ratkowski zum 1:0 in der 90.+2, und Dirk Helmig mit einem Distanzschuss zum 2:0 Endstand in der 90.+4. Minute!

Mehr als zwei Wochen später hieß es dann „Alle nach Helsinki“: Es waren fast 2.000 Fans des RWE, die dem Aufruf folgten und auf vielen Wegen am 29.09.1994 die Reise nach Finnland antraten. Die 1550 gegründete Stadt Helsinki mit ihren 635.181 Einwohnern ist natürlich keine reine Fußballstadt wie Essen zum Beispiel. Aber eine an Kultur und Natur reiche Schönheit, die manch Fan verzaubern konnte. Abends ging es dann aber von den Sehenswürdigkeiten weg in das eigentliche Ziel der Reise, das 1915 eröffnete Tölen Pallokenttä Stadion hinein. Recht weitläufiges, nach oben hin offenes Stadion, aber mit viel Charme. Das Spiel als solches weniger charmant, ging das wilde Getrete  aus dem Hinspiel direkt weiter. Man fühlte sich an das siebte Spiel einer Play Off Serie im Eishockey erinnert. Rolf Töpperwien unterlegte seinen Sport-Reportagen Bericht zum Spiel unter anderem mit dem Satz: „Eine unfaire Art der HJK Spieler, wie ich sie in 23 Berufsjahren außer im Parkstadion noch nie erlebt habe“. Sampo Kotiranta war es schließlich, der in der 53. Minute zum doch verdienten 1:0 des HJK traf. Lange Zeit danach sah es so aus, als würde der RWE hier nun untergehen, aber die Rot-Weissen konnten sich mit Mut und einem überragenden Zoran Zeljko im Tor aus dem finnischen Aufguss befreien und (erneut vor Schluß) ausgleichen. Oliver Grein machte ihn aus kurzer Distanz rein. Da griente der Grein. Fein. Abpfiff. Der RWE in Runde Zwei des Europapokal der Pokalsieger. Als Drittligist. Dem DFB war das in seinen Publikationen und Veröffentlichungen immer noch keine Notiz wert. Den RWE Fans in diesem Moment aber egal, sie feierten ihre Mannschaft und purzelten vor Freude in ihrem Block umher. Es wurde eine launige (lange) Rückfahrt und kostete nicht wenige Fans noch in den Folgemonaten Dispo Zinsen, da das Bier in Finnland fast unbezahlbar ist. 

Da unsere Freunde Lothar, Günter und Detlev natürlich auch in Helsinki vor Ort waren, ging es für sie diesmal nur kurz zurück nach Essen. Das „Trio Berniale“: Eben noch Fan, und am nächsten Tag schon wieder kommissarischer Funktionär. Man ahnt es, die Drei mussten wieder nach Bern. Die nächste Auslosung stand an, diesmal sehr zeitnah. Durch den sportlichen Erfolg stiegen auch die Einnahmen aus dem Europapokal und dem Europapokalfunktionsteam wurden weiter Erleichterungen zuteil: Für den Neunsitzer gab es nun eine Kühlbox und endlich durfte auch im Berner Savoy selbst übernachtet werden. Am Vormittag des 2.10.1994 erklärte Cash Moneypenny gewohnt hochnäsig die Auslosung für eröffnet und wies Lottofee Vicky Leandros an, die Mannschaften zu ziehen. Mittlerweile hatte ein jeder so seine Wünsche, wo es in der nächsten Runde hingehen sollte: Detlev wollte gegen die Grasshoppers aus Zürich spielen, schließlich kennt man den Weg in die Schweiz schon in- und auswendig. Günter würde gerne gegen Feyenoord Rotterdam gelost werden, weil nicht so weit weg von Frau und Zuhause. Lothar würde gerne gegen Sampdoria Genua spielen, da man ihm von der einzigartigen Akustik im Stadio Luigi Ferraris berichtet hat. So hingen unsere drei Helden im Auditorium sitzend ihren Zweitrundenträumen nach und bekamen fast nicht mit, als das Zettelchen mit dem Namen Rot-Weiss Essen hochgehalten wurde. Aber nur fast, denn reflexartig war die Aufmerksamkeit wieder da und steigerte sich noch, als dem RWE der Name Association de la Jeunesse Auxerroise zugelost wurde. Halleluja, es geht nach Frankreich in das schöne Burgund. 

Die drei verabschiedeten sich recht schnell von ihren Wunschgegnern und setzten sich mit der Delegation aus Auxerre zusammen. Zuerst jedoch wurde der Punkt mit den Gastgeschenken abgehakt: Der RWE bringt einige Kisten Stauder mit nach Auxerre und der AJ einige Kartons Chablis Grand Cru Les Preuses. So spielen beide nicht nur gegeneinander, sondern lernen auch Spezialitäten aus der Region kennen. dabei beließen es die Delegationen an diesem Abend in Bern aber und einigten sich flott auf die Ansetzungen: Das Hinspiel findet am 20.10.1994 an der Hafenstraße in Essen statt. Das Rückspiel dann am 3.11.1994 im Stade de l’Abbé-Deschamps der 34.000 Einwohner Stadt Auxerre. Recht schweigsam die Rückfahrt nach Essen, denn im Tagesgeschäft, der Regionalliga West/Südwest, lief es nicht so wie gewünscht. Vielleicht ist die Doppelbelastung Europapokal und Liga für die neuformierte Essener Mannschaft etwas zu viel des Guten. Aber, es ist wie es ist und Essener geben niemals auf. Also wurde die Planung Auxerre mittlerweile gewohnt routiniert in Angriff genommen. 

Die Franzosen brachten wie verabredet den guten Burgunder mit an die abermals ausverkaufte Hafenstraße mit. Leider aber auch einen verdammt guten Abend auf dem Feld, was sich in einer 2:0 Halbzeitführung zeigte. Die Wände der Heimkabine müssen gewackelt haben und der Trainer die Mannschaft definitiv erreicht, denn Christian Schreier und Christian Dondera trafen noch zum glücklichen Ausgleich. Aufgrund der Auswärtstorregel ein klarer Vorteil für die AJ Auxerre. Trotzdem wurden die Rot-Weissen Kicker einmal mehr mit Applaus verabschiedet. Ohne viel Hoffnung fuhr der RWE Tross mit 2.500 Fans im Schlepptau gen Auxerre. Und diese Hoffnungslosigkeit spiegelte sich dann an einem tristen Abend Anfang November auf dem Feld wieder: Unser RWE unterlag der AJ Auxerre mit 0:2. Irgendwie alles Scheisse an diesem Abend: Das Wetter, die eigene Leistung, die Unterstützung. Es hat halt nicht sein sollen. Traurig trottete die Mannschaft in die Kabine; etwas sprachlos blieben die Fans in ihrem burgundischen Block zurück. Doch nach einigen Minuten begriffen Fans und Mannschaft, was sie in den letzten Wochen und Monaten geleistet haben und hatten sich noch einmal am Zaun lieb. Es hallten trotzige Gesänge eines Drittligisten in den französischen Himmel, dann war sie vorbei für Rot-Weiss Essen, die Zeit im Europapokal der Pokalsieger 1994/195. 

Schön war’s in Europa. Nur der RWE!

Europapokaaaaaal, Kapitel 64.

Am Anfang steht ja immer die Recherche. Und da galt es zunächst dreimal zu stutzen! Der Fakt: Rot-Weiss Essen spielte anno 1955, als erster Deutscher Teilnehmer überhaupt, im Achtelfinale des neugeschaffenen Europapokal der Landesmeister gegen die „Hibs“ von Hibernian Edinburgh aus Schottland.

Die Stutzer: Ein Pokalwettbewerb nach heutigen Massstäben startet doch erst gar nicht unter zweihundervierundfünfzig teilnehmenden Mannschaften inklusive dreizehn vorheriger Qualifikationsrunden. Und doch ging es damals direkt mit den Achtelfinals in Hin- und Rückspiel los? Des Rätsels Lösung: Es nahmen nur sechzehn Mannschaften an dieser Erstausgabe eines Wettbewerbes für die amtierenden Meister Europas teil. Viele Meister befanden diesen Wettbewerb als einfach nicht attraktiv genug. Ob nun aus sportlicher- oder finanzieller Sicht sei dahingestellt. Für einen Nostalgiker jedoch noch ein Europapokal der Landesmeister und nicht die heutige aufgeblähte Geldmaschine der UEFA.

Warum aber spielte der RWE dieses erstmalige und einzigartige europäische Erlebnis nicht gegen den FC Aberdeen als amtierenden Meister aus Schottland? Stutzer zum Zweiten! Aber auch hier gibt es eine schlüssige Lösung: Die Klubführung des FC Aberdeen gehörte eben zu denjenigen Vereinen, die die Idee eines Europapokals einfach nicht als attraktiv genug befanden und verzichteten somit dankend auf die meisterliche Teilnahme. Ob man sich in Aberdeen aus heutiger Sicht noch darüber ärgern sollte oder muss? An der Dominanz von Celtic und den Rangers hätte es sicher nicht viel geändert. Trotzdem bedeutete die Teilnahme für die Hibs (Allein dieser Spitzname schafft ja schon Sympathien) eine außerordentlich respektable sportliche Geschichte, da die Mannschaft schließlich erst im Halbfinale an Stade Reims scheiterte. In der eigenen schottischen Liga jedoch, da traf sich Hibernian weiter mit dem Lokalrivalen, den Hearts; eben jenem FC Aberdeen, oder den beiden Vertretern aus Dundee auf Augenhöhe. Der Rest vom schottischen Fest ist und bleibt  sportlich unerreichbar und ist als „Old Firm“ in Glasgow allseits bekannt.

Was aber ewig auf der grünen Seite von Edinburgh haften bleiben wird ist das Privileg, einmal auf Europäischer Ebene gegen Rot-Weiss Essen spielen zu dürfen. Ein Gefühl, welches sonst wohl nur noch der SV Hönnepel-Niedermörmter zu beschreiben weiß. Nun aber noch Stutzer Nummer drei: Wenn Rot-Weiss Essen als Deutscher Meister den DFB vertreten durfte, was machte dann der 1.FC Saarbrücken ebenfalls in diesem Teilnehmerfeld? Brüder im Geiste, was den finanziellen- und sportlichen Niedergang betrifft, wurden beide Vereine doch erst Jahrzehnte später. Auch hier fand sich schnell eine Lösung: Der 1.FC Saarbrücken durfte als Vertreter des 1955 noch autonomen Saarlands am Europapokal teilnehmen. Zugelost wurde den Saarländern der AC Milan, der dann auch die nächste Runde erreichen konnte.

Der 14. September 1955 wurde also ein weiterer Meilenstein in der rot-weissen Vereinsgeschichte. Das erste und bislang einzige Heimspiel auf europäischer Ebene stand an. Übrigens streiten sich die Gelehrten auch heute noch, ob an der heimischen Hafenstraße oder am Uhlenkrug der Lackschuhe im Essener Süden gespielt wurde. Unstrittig leider die Kulisse auf VfL Wolfsburg Niveau der heutigen „Königsklasse“: Lediglich Fünftausend Fans wohnten dieser, von dem Niederländer Jan Bronkhorst geleiteten, Begegnung bei. Der neue Wettbewerb sorgte eben nicht sofort für kollektive Begeisterung! Und die Schotten geizten zudem nicht mit Toren, sondern erzielten derer gleich Vier. „Hibs,hibs hurra“ möchte man da schreiben. Mit Null zu Vier endeten die ersten neunzig Minuten in diesem Wettbewerb sehr ernüchternd, daran konnte im Anschluss auch kein Stauder etwas ändern.

Das Rückspiel musste aber trotzdem noch gespielt werden, und Edinburgh ist sicher auch immer eine Reise wert. Der Spielort in Edinburgh selbst ist unstrittig, es war die Easter Road, an welcher knapp einen Monat später, am 12. Oktober 1955, aufgelaufen wurde. Der Engländer Arthur Ellis leitete das Spiel, welches unser RWE hochachtungsvoll unentschieden gestalten konnte. Es endete 1:1 und für das historische Tor aus Essener Sicht sorgte Fritz Abromeit. Fritz Abromeit ist keiner der bekannteren Namen aus diesen großen sportlichen Jahren. Er stand zwar im Pokalfinale, jedoch nicht in der Meisterelf. Kein Stammspieler, aber in seiner ganzen Karriere zwischen 1942 und 1957 ausschließlich für unseren wunderbaren RWE am Ball. Sofort einsatzbereit, wenn ein anderer Spieler ausfiel. Und auf ewig der Schütze des einzigen Europapokaltreffers in der Geschichte von Rot-Weiss Essen. Also natürlich doch ein ganz großer!

Das zarte Pflänzchen Hoffnung.

Nach der Saison ist natürlich vor der Saison. Die nächste Saison in den Untiefen der heimischen Ligenpyramide. Selbst Meisterschaft bedeutet hier noch nichts geschafft. Sollte diese eines Tages erreicht werden natürlich! Es ist tatsächlich schon die achte Saison, die wir unterhalb des „Profitums“ und „profitablen Tuns“ auflaufen. Acht Jahre Liga Vier und Fünf. Dieser Fakt  auf menschliche Beziehungen umgemünzt, und selbige wäre schon längst aufgrund einseitigem Desinteresse gescheitert.

Rot-Weiss Essen und seine Fans bleiben einander einmal mehr, und zum Erstaunen aller, treu. Muss ja, so die eher pragmatische Feststellung über den Gegenpart, den man doch so sehr liebt. Ob man will, oder nicht natürlich! Rot-Weiss Essen hat nach einer Saison voller Extreme dermaßen intensiv an den Stellschrauben gedreht, so dass man fast glauben könnte, es wird nun alles gut. Was auch immer jeder einzelne Fan darunter verstehen mag. Guter Fußball allein reicht da schon. Echt jetzt.

Fakt ist: Der neue Trainer macht bislang einen guten Eindruck; bei unseren Spielern sitzt die Frisur und die Testergebnisse gehen d’ac­cord. Es ist alles fast zu schön um wahr zu sein. Wenigstens bleibt uns das Verletzungspech treu. Worauf wir verzichten könnten, im Gegensatz zu den schon über Viertausend Dauerkarteninhabern. Geht wohl doch nicht ohne. Nicht mal das haben die Protagonisten der vergangenen Saison geschafft. Uns alle zu vergraulen jetzt! Das Faustpfand von Rot-Weiss Essen, also die da auf den Tribünen, hat klar gemacht, dass der Verein nicht alleine dasteht.

Und ich hoffe, dass auch die auf den Tribünen inhaltlich zusammenstehen. Geht es doch definitiv nur gemeinsam. Gibt es also dieser Tage wirklich so etwas wie ein zartes Pflänzchen Hoffnung, so will es gehegt und gepflegt werden. Schließlich sind acht Jahre in den Niederungen bei eigenem Selbstverständnis eine sehr, sehr lange Zeit. Warum also sollte es ausgerechnet in dieser Saison mit dem so ersehnten Aufstieg klappen?

Spätestens auf diese Frage gibt es keine rationale Antwort mehr. Rot-Weiss Essen ist aber auch nicht rational. Vielleicht ist das die Antwort auf die Frage. Heute ist Saisoneröffnung, heute ist #rweinternational. Es wird eine gute Saison. Nur der RWE!