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Europapokalfunktionsteam 1994!

Was wäre eigentlich, wenn es die drei Bremer Tore nicht gegeben hätte? Was wäre also gewesen, wenn in diesem Finale nur Rot-Weiss Essen durch Daouda Bangoura in jener 50. Minute das Tor getroffen hätte? Richtig, dann wäre das Finale mit 1:0 für uns ausgegangen, iss klar. Gleichbedeutend aber auch mit der Qualifikation für den damaligen Europapokal der Pokalsieger. Daran hätte uns nicht einmal der DFB hindern können. Ok, es kam jetzt vor 25 Jahren nicht dazu: Wir verloren ja das Finale, die Lizenz war eh schon weg und der Respekt vor dem DFB latent auch nicht mehr vorhanden. Mindestens seit 1971. Trotzdem waren wir an diesem Abend in Berlin gefühlt doch der Sieger!

Grund genug also, uns fünfundzwanzig Jahre später doch noch für den Europapokal der Pokalsieger 1994/95 zu qualifizieren und ihn als Konjunktiv auszuspielen: 

Der Jubel über den Pokalsieg gegen den SV Werder war gerade erst verklungen, als allen Verantwortlichen im Verein bewusst wurde, dass man sich ab sofort nicht nur mit der drittklassigen Regionalliga West/Südwest, sondern auch mit dem Europapokal und der dafür anstehenden Auslosung zu beschäftigen hatte. Wer aber sollte sich darum kümmern, bei all den Zwistigkeiten unter den Herren Himmelreich und Arnold? Ein harmonierendes Europapokalfunktionsteam musste also her, um unseren Verein bestens zu vertreten: Die Wahl fiel schnell auf Günter Barchfeld (als einer der wenigen mit Europapokal Erfahrung), Lothar Dohr (spezialisiert auf laute Zwischenrufe) und Detlev Jaritz (Der machte das mit den Fähnchen und Wimpeln). Die drei machten sich also am 15. Juni 1994 auf nach Bern, wo im noblen Hotel Savoy alljährlich die Auslosungen für die verschiedenen Europapokalwettbewerbe durchgeführt wurden. Im Falle des RWE die zur Qualifikation für den eigentlichen Europapokalwettbewerb. Für Günter, Lothar und Detlev ein gutes Omen, bei dem Namen „Bern“ klingelten allen direkt dem Horst seine Glocken. Übrigens die letzte, in Bern stattfindende, Auslosung, war für das kommende Jahr 1995 der Umzug der UEFA in das schweizerische Nyon geplant. Ein gutes Omen also.

Es war der späte Vormittag des 16. Juni, als der Ziehungsleiter der UEFA, Cash Moneypenny, zu den Lostöpfen schritt und die Losfee Kevin Keegan bat, zur Tat zu schreiten. Es ging ganz schnell, denn schon die ersten beiden Namen aus dem Topf zur Qualifikation brachten Rot-Weiss Essen und Tiligul Tiraspol aus Moldawien zusammen. Den drei Essener Vertretern stand zunächst das Fragezeichen auf die Stirn geschrieben: „Tiligul Watt?“ Aber, der Erstkontakt mit den Vertretern von Tiligul konnte weitestgehend alle Fragen klären. Tiraspol hat immerhin 148.917 Einwohner und wurde 1792 gegründet. Eine Stadt also, nur unwesentlich älter als unser RWE. Gespielt wird dort im „Stadionul Municipal“. Auf die zwei Spieltermine konnten sich die Delegationen beider Vereine abends an der Theke schnell einigen. Es gab ein Hin- und ein Rückspiel. Fettich! Ruhrpottpragmatismus eben. Erst später fiel den Dreien auf, dass man ja gar nicht über die Termine verhandelt hatte. Das konnte dann aber fernmündlich doch noch geklärt werden.

Und so betrat Rot-Weiss Essen am 11.08.1994 erstmalig nach dem 12.10.1955 in Edinburgh wieder europäischen Fußballboden. Ein geschichtsträchtiges Datum somit. Das Spiel eher weniger für die Geschichtsbücher, konnte das holprige Geläuf im warmen Tiraspol kaum zu einem hinreissenden Spiel verleiten. Und doch konnte der Drittligist Rot-Weiss Essen einen hart erkämpften 1:0 Erfolg mit zurück an die Hafenstraße nehmen. Die 97a mitgereisten RWE Fans feierten stürmisch ihre Mannschaft und gönnten sich noch ein verlängertes Wochenende am Schwarzen Meer. Jürgen Wegmann sagte anschließend im Anpfiff Interview zu Uli Potofski: „Zuerst hatten wir kein Pech, und dann kam auch noch Glück dazu.“ Der Europapokalauftakt also mehr als gelungen. 

Dreizehn Tage später kam es zum Rückspiel an der Essener Hafenstraße. Aus Sicherheitsgründen durfte der RWE nur 1.907 Eintrittskarten verkaufen. Es haperte also ein wenig an europäischem Flair auf den Rängen, dafür aber war das Spielfeld an diesem 24.08.1994 ein Gedicht: Jupp Breitbach hatte Grashalm für Grashalm zu einem wunderschönen Grasteppich wachsen lassen. Reinreden durfte ihm dabei keiner. Wehe wenn…! Das Spiel ein wesentlich besseres als noch im Hinspiel, der 0:1 Rückstand durch Lugilit Lopsarit konnte schnell durch Wolfram Klein egalisiert werden. Adrian Spyrka war es dann, der mit einem Doppelpack zum 3:1 Endstand traf. Welch ein Jubel nach Abpfiff. Helmut Rahn und Willi Lippens lagen sich auf der Tribüne in den Armen und selbst die Kontrahenten Himmelreich und Arnold nickten einander zu. 

Nur unser Europapokalfunktionsteam bekam plötzlich richtig Brassel: Es dämmerte den Herren Barchfeld, Dohr und Jaritz, dass es schon wieder nach Bern gehen würde, stand doch die nächste Auslosung vor der Tür. Wenigstens hatte sich der Verein in seinen Strukturen langsam erholt und brachte die Qualifikationsrunde auch die ein oder andere Mark in die sanierungsbedürftige Vereinskasse. Somit wurde ein nagelneuer Neunsitzer angeschafft, mit dem nun relativ bequem am 30.08.1994 nach Bern gefahren wurde. Durch stetige Fahrerwechsel kam man flott voran und wer nicht gerade am Steuer saß, konnte die Zeit anderweitig nutzen: Günter aktualisierte seine Statistik der Anzahl an Berlinern, die er mittlerweile der Geschäftsstelle vermacht hat. Lothar übte verschiedene Tonlagen, um seinen Schreck noch schreck….äh schöner durch das Stadion schallen zu lassen und Detlev bastelte an Ideen für den Fanshop und verwaltete die Reisekasse. 

Der nächst Vormittag, wieder im noblen Hotel Savoy. Tag der Auslosung. Geschlafen wurde aus Kostengründen im Neunsitzer, drei Zimmer im Savoy saßen finanziell nicht drin. Ritualisiert begann Cash Moneypenny mit der Auslosung, bevor es zu einem Eklat kam: Losfee heute war „Erwin“. Als unsere drei Essener Jungs das Gelsenkirchener Maskottchen an der Lostrommel stehen sahen, machten sie auf der Stelle kehrt und ließen das Gremium und die UEFA wissen, dass der Gegner dieser ersten Runde nur unter Protest angenommen wird.

Ungefähr eine Stunde später sollte der draußen wartenden RWE Delegation der Erstrundengegner des nun wirklich richtigen Europapokal der Pokalsieger mitgeteilt werden: Der Deutsche Austauschschüler und Praktikant der UEFA, Uwe H. wurde angewiesen, die Essener wieder hineinzubitten. Zudem hatte er sich im Namen der UEFA dafür zu entschuldigen, mit der Wahl von „Erwin“ als Losfee die Gefühle der Essener verletzt zu haben. Das empfand Uwe H. als eine solche Erniedrigung, so dass er sich schwor, eines Tages selbst bei RWE zu arbeiten, um den Bergeborbeckern dann als Akt der Rache von innen heraus zu schaden. 

Wie dem auch sei: Der Gegner stand fest, stammt aus Finnland und heißt Helsingin jalkapalloklubi. Kurz: HJK Helsinki. Mehr Europapokal geht nicht, dachte Detlev, während Lothar stumm auf seiner Knifte kaute und dabei sinnierte, was „Schreck vom Niederrhein“ wohl auf finnisch bedeuten könnte. Günter hingegen machte Nägel mit Köpfen, holte die Berliner aus seinem Aktenkoffer und begab sich damit zu der Delegation des HJK. Irgendwann will man ja auch die Dinge geklärt wissen und zurück nach Hause. Schließlich gilt es wie immer dem Training beizuwohnen. Schon nach den ersten Minuten der Unterredung stellte man fest, dass man einander sehr sympathisch fand und es wurde gar euphorisch, als beide Delegationen entdeckten, dass ihre Vereine im Jahre des Fußballgottes 1907 gegründet wurden. Bevor man sich nun in launiger Atmosphäre ganz in den Geschicken seit 1907 verlor, einigte man sich noch auf die Austragungstermine. 

Diesmal hatte der RWE zuerst Heimrecht. Und Recht auf volles Heim. Die UEFA hatte eingesehen, dass an der Hafenstraße nur sympathische Fans unterwegs sind und wollte aus möglichen Problemen nun keinen Löwen machen. Zudem waren aus Helsinki nicht unbedingt viele Fans zu erwarte. Somit war das Georg-Melches Stadion an diesem lauen Herbstabend des 13.09.1994 pickepackevoll, die Stimmung ziemlich toll. Was folgte war ein beinhartes Kampfspiel, welches die Kicker aus Helsinki den Ballzauberern aus Essen auferlegten. Leider ließ sich Jürgen Wegmann davon beeinflussen, so dass er einen gegnerischen Spieler mit dem wilden Ruf „Ich Kobra, Du Lappe“ rücksichtslos von hinten zu Fall brachte. Der RWE danach nur noch zu zehnt auf dem Platz. Dumm gelaufen. Durch die nimmermüde Unterstützung von den Rängen biss sich die dezimierte Mannschaft aber durch die neunzig Minuten und kam mit zwei Toren in der Nachspielzeit noch zu einem nicht erwarteten Heimsieg. RWE Tore in Nachspielzeit, das klingt natürlich unglaubwürdig. Aber so war es: Robert Ratkowski zum 1:0 in der 90.+2, und Dirk Helmig mit einem Distanzschuss zum 2:0 Endstand in der 90.+4. Minute!

Mehr als zwei Wochen später hieß es dann „Alle nach Helsinki“: Es waren fast 2.000 Fans des RWE, die dem Aufruf folgten und auf vielen Wegen am 29.09.1994 die Reise nach Finnland antraten. Die 1550 gegründete Stadt Helsinki mit ihren 635.181 Einwohnern ist natürlich keine reine Fußballstadt wie Essen zum Beispiel. Aber eine an Kultur und Natur reiche Schönheit, die manch Fan verzaubern konnte. Abends ging es dann aber von den Sehenswürdigkeiten weg in das eigentliche Ziel der Reise, das 1915 eröffnete Tölen Pallokenttä Stadion hinein. Recht weitläufiges, nach oben hin offenes Stadion, aber mit viel Charme. Das Spiel als solches weniger charmant, ging das wilde Getrete  aus dem Hinspiel direkt weiter. Man fühlte sich an das siebte Spiel einer Play Off Serie im Eishockey erinnert. Rolf Töpperwien unterlegte seinen Sport-Reportagen Bericht zum Spiel unter anderem mit dem Satz: „Eine unfaire Art der HJK Spieler, wie ich sie in 23 Berufsjahren außer im Parkstadion noch nie erlebt habe“. Sampo Kotiranta war es schließlich, der in der 53. Minute zum doch verdienten 1:0 des HJK traf. Lange Zeit danach sah es so aus, als würde der RWE hier nun untergehen, aber die Rot-Weissen konnten sich mit Mut und einem überragenden Zoran Zeljko im Tor aus dem finnischen Aufguss befreien und (erneut vor Schluß) ausgleichen. Oliver Grein machte ihn aus kurzer Distanz rein. Da griente der Grein. Fein. Abpfiff. Der RWE in Runde Zwei des Europapokal der Pokalsieger. Als Drittligist. Dem DFB war das in seinen Publikationen und Veröffentlichungen immer noch keine Notiz wert. Den RWE Fans in diesem Moment aber egal, sie feierten ihre Mannschaft und purzelten vor Freude in ihrem Block umher. Es wurde eine launige (lange) Rückfahrt und kostete nicht wenige Fans noch in den Folgemonaten Dispo Zinsen, da das Bier in Finnland fast unbezahlbar ist. 

Da unsere Freunde Lothar, Günter und Detlev natürlich auch in Helsinki vor Ort waren, ging es für sie diesmal nur kurz zurück nach Essen. Das „Trio Berniale“: Eben noch Fan, und am nächsten Tag schon wieder kommissarischer Funktionär. Man ahnt es, die Drei mussten wieder nach Bern. Die nächste Auslosung stand an, diesmal sehr zeitnah. Durch den sportlichen Erfolg stiegen auch die Einnahmen aus dem Europapokal und dem Europapokalfunktionsteam wurden weiter Erleichterungen zuteil: Für den Neunsitzer gab es nun eine Kühlbox und endlich durfte auch im Berner Savoy selbst übernachtet werden. Am Vormittag des 2.10.1994 erklärte Cash Moneypenny gewohnt hochnäsig die Auslosung für eröffnet und wies Lottofee Vicky Leandros an, die Mannschaften zu ziehen. Mittlerweile hatte ein jeder so seine Wünsche, wo es in der nächsten Runde hingehen sollte: Detlev wollte gegen die Grasshoppers aus Zürich spielen, schließlich kennt man den Weg in die Schweiz schon in- und auswendig. Günter würde gerne gegen Feyenoord Rotterdam gelost werden, weil nicht so weit weg von Frau und Zuhause. Lothar würde gerne gegen Sampdoria Genua spielen, da man ihm von der einzigartigen Akustik im Stadio Luigi Ferraris berichtet hat. So hingen unsere drei Helden im Auditorium sitzend ihren Zweitrundenträumen nach und bekamen fast nicht mit, als das Zettelchen mit dem Namen Rot-Weiss Essen hochgehalten wurde. Aber nur fast, denn reflexartig war die Aufmerksamkeit wieder da und steigerte sich noch, als dem RWE der Name Association de la Jeunesse Auxerroise zugelost wurde. Halleluja, es geht nach Frankreich in das schöne Burgund. 

Die drei verabschiedeten sich recht schnell von ihren Wunschgegnern und setzten sich mit der Delegation aus Auxerre zusammen. Zuerst jedoch wurde der Punkt mit den Gastgeschenken abgehakt: Der RWE bringt einige Kisten Stauder mit nach Auxerre und der AJ einige Kartons Chablis Grand Cru Les Preuses. So spielen beide nicht nur gegeneinander, sondern lernen auch Spezialitäten aus der Region kennen. dabei beließen es die Delegationen an diesem Abend in Bern aber und einigten sich flott auf die Ansetzungen: Das Hinspiel findet am 20.10.1994 an der Hafenstraße in Essen statt. Das Rückspiel dann am 3.11.1994 im Stade de l’Abbé-Deschamps der 34.000 Einwohner Stadt Auxerre. Recht schweigsam die Rückfahrt nach Essen, denn im Tagesgeschäft, der Regionalliga West/Südwest, lief es nicht so wie gewünscht. Vielleicht ist die Doppelbelastung Europapokal und Liga für die neuformierte Essener Mannschaft etwas zu viel des Guten. Aber, es ist wie es ist und Essener geben niemals auf. Also wurde die Planung Auxerre mittlerweile gewohnt routiniert in Angriff genommen. 

Die Franzosen brachten wie verabredet den guten Burgunder mit an die abermals ausverkaufte Hafenstraße mit. Leider aber auch einen verdammt guten Abend auf dem Feld, was sich in einer 2:0 Halbzeitführung zeigte. Die Wände der Heimkabine müssen gewackelt haben und der Trainer die Mannschaft definitiv erreicht, denn Christian Schreier und Christian Dondera trafen noch zum glücklichen Ausgleich. Aufgrund der Auswärtstorregel ein klarer Vorteil für die AJ Auxerre. Trotzdem wurden die Rot-Weissen Kicker einmal mehr mit Applaus verabschiedet. Ohne viel Hoffnung fuhr der RWE Tross mit 2.500 Fans im Schlepptau gen Auxerre. Und diese Hoffnungslosigkeit spiegelte sich dann an einem tristen Abend Anfang November auf dem Feld wieder: Unser RWE unterlag der AJ Auxerre mit 0:2. Irgendwie alles Scheisse an diesem Abend: Das Wetter, die eigene Leistung, die Unterstützung. Es hat halt nicht sein sollen. Traurig trottete die Mannschaft in die Kabine; etwas sprachlos blieben die Fans in ihrem burgundischen Block zurück. Doch nach einigen Minuten begriffen Fans und Mannschaft, was sie in den letzten Wochen und Monaten geleistet haben und hatten sich noch einmal am Zaun lieb. Es hallten trotzige Gesänge eines Drittligisten in den französischen Himmel, dann war sie vorbei für Rot-Weiss Essen, die Zeit im Europapokal der Pokalsieger 1994/195. 

Schön war’s in Europa. Nur der RWE!

Der Mann mit dem Koffer. Oder auch: Wo war Frank Kontny?

Keine Angst:  In den folgenden Zeilen ist nicht von Rainer Calmund die Rede. Auch wenn ein solch Aktenkoffer inklusive Treffpunkt „Eiscafé La Perla“ durchaus eine Rolle in einem Film über einen sportlichen Seelenfänger der Wendezeit hätte spielen können.

Das besagte Eiscafé befindet sich in Essen Altenessen, existiert also wirklich und die (gute) Seele, um die es hier geht, nimmt einen gefangen. Aber in einer Art und Weise, die nicht nur das eigene Rot-Weisse Herz aufgehen, sondern auch Zeit und Raum vergessen lässt. Es ist gar nicht so einfach, einen Termin mit Günter Barchfeld zu bekommen, denn sein Leben ist nicht nur ein Gleichklang mit seiner Frau, sondern auch ganz eng mit den Terminen der  RWE Kicker verknüpft. Sofern diese denn an der Hafenstraße stattfinden. Doch am vergangenen Samstag machte sich der Tross des RWE auf in das Trainingslager und Günter Barchfeld fast zeitgleich auf den Weg in eben jenes Eiscafé. Er muss frühzeitig vor Ort gewesen sein, denn als wir kamen, war ein Eisbecher ebenso Geschichte wie die einzige Meisterschaft unseres Vereins.

Das Handy zusammengeklappt und folglich ein anderes Gespräch für unser Gespräch beendet, kam Günter Barchfeld sofort zur Sache und stieg ein mit dem Pokalfinale 1994 in Berlin: Im Zuge des Lizenzentzugs gab es wohl auch zwischenmenschliche Probleme innerhalb des Vereins, die darin gipfelten, dass in Berlin in zwei Hotels abgestiegen wurde: Mannschaft und Trainer nebst Verantwortliche auf der einen Seite, und wohl Frank Kontny nebst auch scheinbar Verantwortlichen auf der anderen Seite. Auf jeden Fall: Frank Kontny war weg und zudem in Ungnade beim amtierenden Trainer Wolfgang Frank gefallen. So sagt es die Legende. Nichtsdestotrotz  wollten nun alle anderen Spieler endlich wissen, wie es sich denn so aufläuft am bisher größten Spiel nach 1955. Aber, die Mannschaftsaufstellung gab es erst um halb fünf und zudem war der Kaffee schon kalt. Was einen weiteren Einsatz für Günter Barchfeld bedeutete: Heißer Kaffee musste her!

Während nun draußen im Olympiastadion die Feierlichkeiten vor dem Spiel begannen, die Hymne gespielt und DFB unfreundliche Banner einkassiert wurden, versuchten in den Katakomben die „Physios“ des RWE, Ingo Pickenäcker über anderthalb Stunden für das Spiel fit zu bekommen. Der Erfolg dieser Bemühungen eher suboptimal, denn Ingo Pickenäcker wurde schon in der 39. Minute durch Roman Geschlecht ersetzt. Zudem brachte es Günter Barchfeld um die ersten zwanzig Minuten des Endspiels, denn einer musste das herumliegende Verbandsmaterial in der Kabine ja entsorgen. Erspart bleib ihm dadurch immerhin die Führung der Werderaner. Das Ende des Spiels ist allgemein bekannt, was die Essener Mannschaft aber nicht davon abhielt, nun auf Partymodus umzuschalten. Und womit? Mit Recht! Dumm nur, dass man sich auch noch den Rolf Töpperwien mit in den Bus geholt hatte, machte er doch nun Stress und drängelte auf eine rasche Fahrt zum Hotel. Schließlich war das aktuelle Sportstudio seinerzeit noch wirklich wichtig.

Mit im Bus übrigens auch der verlorene Sohn Frank Kontny. Die Mannschaft hatte dafür gesorgt, quasi gegen den Willen des Trainers. Aber, es ging alles gut in den neunzig Minuten, die der Bus vom Stadion zum Hotel benötigte.  „Haben sich nicht an die Köppe gekriegt“, so Günter Barchfeld. Dass die innerstädtische Fahrt überhaupt an Dauer fast biblische Ausmaße annahm war der Tatsache geschuldet, dass die Mannschaft am „Kuhdamm“ den Bus verließ, um mit den Fans zu feiern und zu tanzen. In Zeiten permanenter Unzufriedenheit und ständiger Motzerei in den (a)sozialen Netzwerken heutzutage ein kaum mehr vorstellbarer Akt des gemeinsamen Miteinanders. Fußball war damals toll. Auch ohne Lizenz. Wir hielten zusammen. Der Rest des Abends war eine einzige große Sause und die „Kobra“ Jürgen Wegmann sorgte dankenswerterweise auf Bitten ständig für frisches Bier. Am nächsten Tag empfingen wieder viele Fans ihren RWE auf dem Kennedy Platz. Essen war Rot-Weiss.

Im darauffolgenden Jahr fiel diese tolle Mannschaft von Rot-Weiss Essen auseinander.

Ein frischer Kaffee wurde gebracht, und wir waren plötzlich in der Kindheit von Günter Barchfeld, aufgewachsen in der Wildstraße 4 in Vogelheim. „Vattern“ war eigentlich schuld daran, dass „Dicken“ (so nannte Vattern Berchfeld seinen Sohnemann Günter) ziemlich früh mit dem RWE konfrontiert wurde, lagerten doch im heimischen Keller die Trikots und Materialien der damaligen Spielergeneration in der Nachkriegszeit. Und so verwundert es nicht, dass der junge Günter schon 1946 im zarten Alter von zwölf Jahren mit seinem RWE das erste Mal zu einem Auswärtsspiel fuhr. Fahren durfte, in der hintersten Reihe sitzend! Was für eine unfassbar lange Zeit in Rot-Weiss.

Günter Barchfeld war an diesem Nachmittag wie ein guter Stürmer, somit kaum zu stoppen. Das ganze Spielfeld der vergangenen siebzig Jahre wurde beackert und so verwundert es nicht, dass wir ohne Vorwarnung in den wilden Siebzigern ankamen. In einer Zeit, in der es schon Abschlussfahrten nach Mallorca gab. Eigentlich hatte Günter Barchfeld Schicht auf seiner Zeche, doch Willi Lippens tat im Mannschaftskreis folgendes kund: „Wir nehmen keinen von der Presse mit, Günter muss mit“. Und so bekam Günter auf dem kurzen Dienstweg einige Tage frei und konnte die Mannschaft in das Hotel Bali auf Mallorca begleiten. Im Gepäck übrigens auch über hundert Fans der Kicker vonne Hafenstraße. Und was soll man schreiben? Es goss scheinbar weniger in Strömen als das es Alkohol floss. Aber wenn es darauf ankam, waren alle RWE Spieler stets wie aus dem Ei gepellt. Oder frisch geföhnt. Als sie dann Freitag Mittag wieder in Essen ankamen, legte sich Günter Barchfeld erschöpft hin und wurde erst Samstag Vormittag wieder von seiner Frau geweckt. Schließlich stand das gemeinsame Frühstück an.

Müßig zu erwähnen, dass Günter Barchfeld auch 1955 in Hannover zugegen war. Anhand des Fotos vom Niedersachsenstadion an jenem Tag konnte er genau zeigen, wo er und seine Freunde („Wir sind immer zu zweit oder dritt gefahren“) im weiten Rund standen. Zurück in Essen war er übrigens erst am Folgetag und somit fast zeitgleich wie die Meistermannschaft. Auf die Frage, wo er denn dann die Nacht vom 26. auf den 27. Juni 1955 verbracht habe, kam lakonisch nur: „Keine Ahnung“.  Dann ist das einfach mal so. Schließlich war man Fan eines Deutschen Meisters! Wen interessiert da schon eine Nacht.

Ach, es machte so viel Spaß, diesem so sympathischen Mann zuzuhören. Wir erfuhren, dass die Familie von Christoph Metzelder von Haus aus RWE Fans waren, und das mit Wolf Dieter Ahlenfelder an der Pfeife selten ein RWE Spiel verloren wurde. Und das es nachher immer in die so sehr vermisste Stadionkneipe ging. Also mit dem Herrn Ahlenfelder jetzt. Von einer Fahrzeugkontrolle in Verbindung mit Dieter Bast war auch noch die Rede, aber bevor ich das hier falsch wiedergebe, lassen wir diese schönen Zeiten einfach mal so stehen.

Dort in Essen, wo Günter Barchfeld nun mit Frau Helma lebt, wohnen in unmittelbarer Nachbarschaft laut seiner eigenen Einschätzung 95,5 % Schalker. Aber, so seine Erfahrung: „Man kann mit ihnen sprechen, es gibt mit den Leuten keine Probleme“. Schon zu seiner Zeit unter Tage kam ihm dieses Schalke in Gestalt eines Kollegen in die Quere. Man wusste sich aber auch da schon zu einigen: „Spielte Schalke zuhause, hatte der Kollege frei. Spielte der RWE anne Hafenstraße, hatte ich frei“.

Eine Fanta muss es nun sein, denn die Herzoperation 2001 inklusive künstlicher Herzklappe erfordert aktive Gegenmaßnahmen. Auch hier spielte der Verein eine große Rolle, denn von allein hätte Günter Barchfeld die seinerzeitige Kurzatmigkeit kaum ernst genommen. Man war halt lange unter Tage. Auch wenn massiv Pyro im Stadion gezündet wird, benötigt Günter Barchfeld seine zusätzliche Fanta, da ihm dann die Luft zu knapp wird. Vielleicht das ein Beleg dafür, dass Pyro bisweilen schön anzuschauen ist, aber doch eine gesundheitliche Gefährdung darstellen kann. Eine Gefährdung also derer, die uns allen sicher ganz viel bedeuten.

Einen Wunsch hat Günter Barchfeld, dessen Lieblingsspieler Penny Islacker, Willi Lippens und Frank Kurth sind (der Trainer seines Herzens übrigens Hans-Werner Moors) dann doch noch an unseren aktuellen Trainer Sven Demandt: Er möchte zuhause bitte mit drei Stürmern spielen. Ist hiermit weitergegeben. Wobei ich mich gerade frage: Haben wir überhaupt drei Stürmer im Kader? Egal, tut hier nichts zur Sache.

Das waren sie im Groben, die neunzig  Minuten mit Günter Barchfeld. Ich hätte diesem wundervollen Menschen ohne Ende weiter zuhören können (Er hatte übrigens nur Augen für meine Frau, erzählte immer nur in ihre Richtung, welch Charmeur). Günter Barchfeld geht es gut, er ist mit sich und seiner Rot-Weissen Welt im Einklang; sorgt sich ansonsten stets um das Wohl seiner lieben Frau. Und er ist optimistisch, was die kommende Saison angeht. Der gestrige Erfolg gegen Borussia Dortmund dürfte ihn darin bestärkt haben. Darauf einen frischen Berliner und nur der RWE!

Günter Barchfeld klappte seinen Klappkoffer zu und machte sich auf den Weg nach Hause. Was für eine schöne Zeit.