Leidenschaft die Leiden schafft

Bis zur 92. Minute war ich mir ziemlich sicher, dass der RWE dieses Duell zweier alter Rivalen für sich entscheiden kann. Dann der Eckball in der 93. Minute und schon vor dessen Ausführung war mir klar: Der Ball zappelt gleich im Netz, leider. Das spürt man einfach, so kam es auch und in Agonie verfallend, schweifte mein Blick über sich das nun bietende Spektakel: “Die” Haupttribüne, fast schon komplett stehend, sackte in kollektiver Verzweiflung in die Sitzschalen. Der vorher sitzende Rest outete sich nun als Fan der Münsteraner Preußen und wählte den entgegengesetzte Weg. Über 2500 Fans im Gästeblock sowie die Bank der Gäste flippten kollektiv aus; Die RWE Spieler sackten enttäuscht zu Boden oder “bedankten” sich bei den Unparteiischen und auf der Osttribüne wurde einmal mehr der Zaun auf seine Haltbarkeit hin geprüft. Das Endergebnis eines packenden Spieles lautete somit 1:1 Unentschieden. Doch ganz so einfach ist die Abhandlung dieses eminent wichtigen Spieles nun auch wieder nicht, dafür war es eine zu intensive Begegnung. 10.022 Zuschauer sorgten für einen mehr als würdigen Rahmen und füllten die verbliebenen Tribünen fast komplett. Rund um das Stadion zeugten jede Menge Polizei und Reiterstaffeln von dem Risikofaktor dieser Ansetzung. Zu Beginn eine kleine,schicke Choreographie und dann gab es erst einmal zwanzig Minuten von beiden Seiten “kräftig auf die Socken”. Erst im Anschluss beruhigte der RWE ein wenig die Partie und setzte auf spielerische Akzente. Ganz stark aber schon in dieser Phase des Spieles der Einsatz. Fast immer wurden die Preußen gedoppelt, bisweilen befanden sich gar drei Spieler in unmittelbarer Nähe des ballführenden Gegners. Dieser kam in der ersten Halbzeit zweimal gefährlich vor das rot weisse Tor, ließ aber sonst Effizienz und Spielfluss vermissen. Wieder wurde ein Tor des RWE nicht gegeben. Pause, durchatmen, hoffen und anfeuern. Und es wurde eine zweite Halbzeit geboten, wie sie der sorgengeplagte Dauergast an der Hafenstrasse seit Jahren nicht mehr gesehen hatte: Einsatz bis zum Umfallen, den Gegner fest im Griff, und eine Stimmung, die ganz zart wieder in Richtung “Mythos” tendierte. Belohnung war die schnelle Führung durch Sascha Mölders, der zwanzig Minuten später den berühmten Sack mehr als hätte zumachen können: Der Ball aber prallte von der Unterkante der Latte zurück in das Feld und einem anderen, völlig allein vor dem Tor stehenden RWE Spieler, vor die Füße. Über das anschließende Geschick, den Ball in hohem Bogen ÜBER die 17,86 m2 freie Torfläche zu köpfen, möchte ich den Mantel des Schweigens decken. Egal zu diesem Zeitpunkt, es wurde bei anhaltendem Regen weiter gerannt, geackert und gegrätscht. Die Hände waren rot ob der klatschhaftigen Unterstützung und die Stimme versagte auch langsam. Herrlich, Emotionen pur. Dann die erste Einwechslung und für mich der Bruch im Spiel. Patrick Schnier, rein äußerlich an Henry Charles Albert David Mountbatten-Windsor (genannt Prinz Harry) erinnernd, hatte eher mit seiner Standfestigkeit zu kämpfen als dem Spiel zu helfen. Zwei weitere Einwechslungen, die in Zeitlupentempo durchgezogen wurden, brachten noch mal frische Spieler, aber die anderen konnten einfach nicht mehr, zu viel Kraft hatte das Spiel bis dato gekostet. Teilweise schleppte ein Spieler den Ball in Richtung Münsteraner Strafraum, aber es konnte keiner mehr nachrücken. Preußen packte nun britische Tugenden, sprich “kick & rush” aus: Ball nach vorn, hinterher und gucken was geht. Und bis zur besagten 92. Minute ging auch nicht viel, immer stand oder lag ein RWE Bein im Weg. Es drohte alles gut zu werden. Nun sind wir aber in Essen, an der Hafenstrasse und bei RWE. Hier dauert ein Spiel nicht 90 Minuten, sondern meistens länger. Der Versuch, Zeit zu schinden rächte sich nun, denn es wurde auch bis zur 93. Minute noch weitergespielt. Endergebnis bekannt. Da der Fußball nun mal kein Konjunktiv ist, gilt es auch dieses Spiel abzuhaken und den wahnsinnigen Kampfgeist hervorzuheben. Das Spiel zwar nicht gewonnen, aber der RWE hat wieder eine Mannschaft,darauf lässt sich doch aufbauen.Im Anschluss dann ging die mit Spannung erwartete Taktik der dritten Mannschaft an diesem Tag auf: Die Polizei ließ den abwandernden Fans die Möglichkeit, die Hafenstrasse in alle Richtungen zu benutzen und die vielen Preußen Fans trotzdem fix in die Busse und zum Bahnhof zu befördern. Für einige “Fans” in rot und grün, die sich trotzdem vor und hinter der Polizeikette zum netten Gedankenaustausch versammelten, wurde wohl der Begriff “Fremdschämen” erfunden. Was für ein Spiel.

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