Neue Denkweise!

Kurzfristigkeit ade`. Im RWE Blog der RevierSport ein Bericht zur Situation an der Hafenstrasse:

Der Europameister in unseren Diensten ist Vergangenheit, die Tabelle zeigt nur Mittelmaß und das Stadion besitzt jetzt nur noch zweieinhalb Tribünen.

Rot-Weiss Essen versprüht derzeit nicht gerade Glanz. Aber vielleicht ist das im Moment genau das richtige für den Verein. Die Erwartungen, mit denen man auch im Sommer 2009 in die Spielzeit startete, trugen die gleichen Umrisse wie in den Jahren zuvor: Es waren hohe Erwartungen, aufgebaut auf einen großen Etat und untermauert mit der zu selbstbewussten Haltung, dass es für RWE nur einen Weg geben könnte – den nach oben nämlich, den zurück in die guten alten Zeiten. Doch Tradition schießt keine Tore, Meistertitel aus einem vergangenen Jahrtausend bringen keine Extrapunkte. Und schon gar nicht erstarren die Gegner in Ehrfurcht, weil nun das ehemals ruhmreiche Rot-Weiss Essen kommt. Genau das aber ist noch immer das Selbstverständnis von vielen rot-weissen Anhängern. Und da schließe ich mich ganz bewusst mit ein. Es fällt eben schwer, zu erkennen, dass man kein Aufstiegsrecht besitzt, nur weil man sich noch immer als der große Verein sieht, der man mal war. In meinem Fall habe ich dies alles noch gar nicht miterlebt, immerhin Zweitligaspiele mit RWE durfte ich schon schauen. Seit dem dortigen Abstieg versucht man an der Hafenstraße viel, um wieder nach oben zu kommen. Erst war die Rückkehr in Liga zwei das Ziel, dann sollte es während der Saison nur noch die Qualifikation für die neue eingleisige dritte Profiliga sein. Als auch diese misslang, wollte man schnellstmöglich wieder raus aus Liga vier. Doch da steckt man auch heute noch, ob man es in dieser Spielzeit schafft, nach oben zu entkommen, ist mal wieder fraglich – Hoffnungsschimmer und Katastrophenszenarien wechseln sich als Momentaufnahmen ab, teils wöchentlich. Doppelabstieg statt Profifußball-Comeback, das ist die Realität! Und alle Bemühungen waren stets verbunden mit viel Ausgaben, prominenten Gesichtern und der Ansage, dass die aktuelle Situation ja keineswegs der Anspruch von Rot-Weiss Essen sein könnte. Warum eigentlich nicht? Weil man in den 50ern Meister und Pokalsieger war und Helmut „Boss“ Rahn hatte? Weil man in Erstligajahren manch Sensationen schaffte und einfach was Besonderes war? Nein, das zählt auf dem Platz alles nichts. Fakt ist, dass es wohl kaum einen Verein gibt, in dem Erwartungen so konsequent, so kontinuierlich enttäuscht werden. Kaum ein Verein, an dem Anspruch („Eigentlich gehören wir mindestens in die zweite Liga“) und Wirklichkeit (Platz neun in Liga vier) so sehr voneinander entfernt sind. Es fällt ungemein schwer einzusehen und anzuerkennen, dass Rot-Weiss Essen mittlerweile in der Bedeutungslosigkeit angekommen ist, zumindest außerhalb der Stadtgrenzen oder bei den in der Republik verstreuten RWE-Anhängern. „Wie, die gibt´s noch? Welche Liga sind die denn?“, musste ich mir hier in Berlin schon anhören. Aber vielleicht hilft uns ja gerade das Eingeständnis, dass wir nichts automatisch bekommen, nur weil wir Rot-Weiss sind, dass wir wie jeder andere Klub einfach ebenso um Punkte kämpfen müssen. „Wir sind zwar Rot Weiss- Essen, aber etwas Demut stünde uns allen gut zu Gesicht!“ Ein harter Satz. Gesprochen von Heiko Bonan, als er Trainer an der Hafenstraße war. Der Ausspruch hat ihm viel (zusätzliche) Kritik gebracht. Jetzt muss man sagen – er hatte nicht Unrecht! Aktuell sind wir einer von vielen Vereinen in Liga vier. Der Name klingt nach mehr als Lotte, Verl oder Zweitvertretungen, der Zuschauerschnitt ist noch immer beachtlich, aber mehr auch nicht. Früher hat RWE bei seinen Bemühungen eine Menge Geld verprasst, ohne dabei Erfolg zu erzielen. Nun fehlt das Geld, vielleicht klappt es ja so. Auch andere Vereine schaffen es mit niedrigem Etat erfolgreich zu sein, aktuell stehen acht davon über uns in der Tabelle, alle mit weniger Euronen ausgestattet als wir an der Hafenstraße. Vielleicht hilft es, dass Thomas Strunz nun weg ist, der Europameister, der erfolgreiche Ex-Spieler, der deutschlandweit bekannt war. Stattdessen haben wir nun Erkenbrecher und Außem, erfahrene, aber unbekannte Trainer – wie so viele andere Vereine, die mit erfahrenen, aber unbekannten Coaches Erfolg haben und am Ende sogar aufsteigen. Da braucht man keinen großen Namen für, es reicht gute Arbeit. Und bisher sind die beiden ungeschlagen. Auch haben wir, anders als früher, nicht viele bekannte Gesichter in unserem Kader; außer Kurth und vielleicht noch Mölders. Vor drei Jahren wäre Ailton wohl noch ein Kandidat an der Hafenstraße gewesen, so sehr passte er ins damals beliebte Spielerprofil. Gut, dass wir uns da weiterentwickelt haben, jetzt auf Grund der finanziellen Situation auch mussten. Unser Vorsitzender, Stefan Meutsch, sprach von einem Paradigmenwechsel, den RWE benötigt. Und genau dieser wird derzeit vollzogen: wir haben nicht mehr das dicke Konto von früher, wir werden in Zukunft weiter Spieler holen, die man erstmal googeln muss und wir haben erst einmal ein Trainerduo, das so ganz anders ist als es etwa ein Röber wäre (nämlich günstig, unbekannt, aber eben und vor allem: passend). Das alles bringt den Verein ein Stück weit näher in Richtung Normalität. Und ich glaube, das tut uns allen gut. Keine überzogenen Erwartungen, keine bekannten Altstars, kein rausgeworfenes Geld und kein falsches Anspruchsdenken mehr. Stattdessen ehrliche Arbeit und Leidenschaft mit einer Portion Demut – das könnte das neue Rot-Weiss Essen sein. Ein schrittweiser Aufbau mit vielleicht tatsächlich noch ein oder mehr Jahren in der Viertklassigkeit (gerne kürzer als länger) anstatt einer Hauruck-Aktion und eines Kraftakts. Dafür steht auch das neue Stadion, das dem Verein mittel- und langfristig eine tolle Perspektive bieten wird. Die neue Denkweise, Kurzfristigkeit adé! Dass RWE dabei nicht ein ganz stinknormaler Verein wird, dafür werden ohnehin auch in Zukunft die Fans sorgen. Wer weiter mit über 6.500 anderen Zuschauern zu den Heimspielen in Liga vier pilgert, der ist keineswegs normal, der ist positiv verrückt. Wir bleiben ein Traditionsverein, jetzt vielleicht ein bodenständiger.

Hendrik Gerstung

Erst fern von seiner Essener Heimat entdeckt Hendrik Gerstung die Leidenschaft für den Klub aus seiner Geburtsstadt. Denn wer wissen will, was „Fan sein“ wirklich bedeutet, der landet irgendwann an der Hafenstraße: Nirgends sonst erlebt man die Gefühlsverbindung Verehrung und Verzweiflung so intensiv – „Oh RWE“. I m RWE-Fanblog gibt Hendrik den rot-weissen Anhängern nun eine Stimme.

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