Xanthippe

Hätte mir jemand direkt nach dem Spiel am 15.08.2008 erzählt, daß aus der hübschen Lotte mal eine Xanthippe werden würde, ich hätte ihn wohl für bekloppt erklärt. Der Grund für seinerzeit kurzfristig aufwallende Sympathie lag nicht nur am 4:1 Auswärtserfolg unserer rot weissen Absteiger beim Aufsteiger: Es lag ein Hauch von Deeskalation über dem Lotter Kreuz! 
Woodstock, freier Fußball, Hair, Fußballkinder der Liebe und so. Wir parkten auf dem Acker von „Bauer Ewald“ , die Polizei benutzte Pfeffer nur zum Würzen oder stand im Schatten der Scheune. Flatterbänder statt Absperrgitter. Im Inneren der kleinen Arena zwar mehr Werbebanden als Sitzschalen, aber das ganze Ensemble durchaus nicht ohne Charme. Eine gelungene Landpartie also. Und einmal ganz ehrlich: Wer ging denn damals nicht davon aus, daß es bei einem einmaligen Gastspiel bleiben sollte! 
Nur gut, daß keine Wetten darauf abgeschlossen wurden (Diese Plattitüde sei verziehen). Wir wissen nun nicht, wie oder durch wen die Unschuld vom Lande ihre selbige in den letzten Jahren verlieren konnte, aber Rot Weiss Essen hat damit nichts zu tun. Die Sportfreunde Lotte sind nun eben auch ein ambitionierter Fußballverein geworden, der nicht nur den sportlichen Erfolg sucht, sondern auch Schuldige, wenn dieser auf der Zielgeraden einer Saison ausbleibt. 
Das Fehlverhalten weniger kann aber nicht dramaturgisch auf einen anderenVerein abgewälzt werden. Und nun kam Xanthippe endlich an die Hafenstraße, um den Ball entscheiden zu lassen. Gehen wir einmal davon aus, daß beide Trainer in den Kabinen nicht viele Worte benötigten, um ihre Mannschaften zu motivieren. Endlich einmal wurde wieder eine Auwärtsmannschaft an der Hafenstraße mit gellenden Pfiffen bedacht und brodelte es schon vor Spielbeginn. 
Mit Anpfiff hatte es sich dann für die nächsten zwölf Minuten und zwölf Sekunden ausgebrodelt, denn auch an der Hafenstraße stellt man sich den aktuellen Fanproblemen, mischt sich ein und macht mit. Es gibt sicher Stadien, in denen 12:12 schon seit Jahren und über 90 Minuten praktiziert wird, wenn auch unbewusst, aber Rot Weiss Essen gehört definitiv nicht dazu. Beeindruckend auch, wie sich der Verein Rot Weiss Essen einmal mehr positioniert hat.
Grausame Minuten waren das. Aber dann ging die Post ab. Auf den Rängen, auf dem Rasen und bei den Unparteiischen. Es folgte ein Spiel, welches an atmosphärischer Dichte alles zu bieten hatte, was den Fußball bei Rot Weiss Essen so einzigartig macht. Die Sportfreunde aus Lotte begegneten der Ballsicherheit der rot weissen mit körperlicher Robustheit, zudem traten sie oft und gerne in Rudeln auf oder bildeten welche. Es war aber auch kalt, von daher konnte ein wenig Nähe sicher nicht schaden.
Endlich durfte auf den Tribünen mal wieder dieser Abneigung gegen bestimmte Vereinsfarben lauthals Luft gemacht werden. Endlich aber traf man auch wieder vom Punkt und konnte wieder einen Rückstand egalisieren. Wie schon in Wuppertal bleibt am Ende eines tollen Spieles aber auch die eine Frage aller Fragen offen: Einen Punkt gewonnen, oder zwei verloren? 
Hier und heute, also Dienstag jetzt, hat sich der RWE bisweilen den Schneid abkaufen lassen. Diese technisch versierte, ballsichere und nie aufsteckende Mannschaft bedarf noch ein wenig mehr an Ellenbogenmentalität, und dann wird genau so ein Spiel gewonnen. Als Fußballerlebnis aber, da hat Rot Weiss Essen klar gewonnen an diesem Abend. Das war Fußball pur. Ab Minute 12:13

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