Monatsarchive: Juli 2016

Der schreckliche Sven

Aus dem Blickwinkel der Testspielgegner und deren Verantwortlichen betrachtet könnte der Verdacht naheliegen, als sei der schreckliche Sven über sie hergefallen. Zumindest suggeriert das Torverhältnis dieser Begegnungen überfallartigen Fußball. Nun wissen wir natürlich, dass Ergebnisse aus Testspielen in etwa einen ähnlichen Wert besitzen, wie die Punktevergabe beim Eurovision Song Contest oder diversen Werbeversprechen. Für den RWE und seine Angestellten in den kurzen Hosen dürften diese Erfolge trotzdem durchaus einen kleinen Hormonschub Richtung Selbstvertrauen gegeben haben (Der vergangenen Saison geschuldet).

Der Fokus solcher Spiele liegt auf den ganz speziellen Dingen und Erkenntnissen, die ein Trainerteam sich erhofft, erwartet und einstudiert sehen will. Aber wir wären nicht Rot-Weiss Essen, wenn auch Erfolge in Vorbereitungsspielen direkt  wieder die Nörgler auf den Plan rufen würde. Bisweilen wurden die Gegner für zu leicht befunden oder fehlte der ganz große Name. Vielleicht hätte uns ein Bundesligist die Tribünen voll gemacht, möglicherweise aber auch viele Tore zur Saisoneröffnung eingeschenkt; es wäre auch wieder der falsche Ansatz gewesen! Eigentlich jedoch war in jedem dieser Vorbereitungsspiele der große Name immer mit am Start: Rot-Weiss Essen, so lautet der große Name. Wir ziehen die Dinge jetzt einfach mal ganz anders auf, betrachten die Saison nicht mehr von allen Seiten, sondern lediglich aus rot weißer Sicht. Wir sind RWE!

Und so konnten sich die oft gescholtenen der letzten Jahre; die wohlwollend begrüßten Neuzugänge und ein herzlich empfangener Rückkehrer im positiven Sinne von Spiel zu Spiel kennenlernen. Die richtigen Laufwege bedarf es schließlich auch gegen eine Thekenmannschaft. Und wenn dann sogar noch gegen einen Zweitligaaufsteiger ein Erfolg nach beeindruckender Mannschaftsleistung herausspringt: Ja dann sind wir immer noch nicht direkt in der Relegation! Aber haben allesamt ein Stück Selbstwertgefühl zurückgewonnen, welches uns in den letzten Jahren sportlich Stück für Stück abhanden gekommen ist.

Da wir uns schon im Titel mit einer Figur aus „Wickie und die starken Männer“bedient haben, so mutet auch alles um die Mannschaft herum wie ein genialer Gedankenblitz des jungen Wickie an: Schon seit vergangenem Herbst wurde sich ständig unter die Nase gerieben, um schnell DIE Idee zu finden, wie man auch Essen wieder für den RWE begeistern kann und umgekehrt. Je mehr Hoch3 aktuell, desto größer auch Ahnung und Gewissheit, wie sehr vergangene Saison der drohende Abstieg als Zentnerlast auf den Schultern aller daran Beteiligten gelegen hat.

Eine Marketingleistung sondergleichen. Hier wurde leidenschaftliche Überzeugungsarbeit geleistet und umgesetzt. Und das Erstaunliche daran: Fans, Stadt, Mannschaft….alle scheinen die Marketingoffensive im Gleichschritt mit Leben zu füllen. Schon unglaublich, wie unsere große Liebe uns immer wieder auf das Neue enttäuschen kann. Sobald sie aber wieder das kleine Rote anzieht und mit ihren Reizen winkt, sind wir doch fast alle direkt wieder hin und weg von ihr. Es steht zu befürchten, dass diese Truppe hinter der Mannschaft selbst das goldene Blatt zu einem Lifestyle Magazin mit hoher Auflage unter Jugendlichen pushen könnte. Aber das ist ja zum Glück nicht unsere Baustelle.

Die nächste Baustelle aus sportlicher Sicht hingegen ist immer der nächste Spieltag. In diesem Falle der Erste! Saisonstart der Saison 2016/17 in Wiedenbrück beim dortigen Sportclub. Das Gästekontingent ist komplett ausverkauft, so dass sich am Sonntag die Rote Reisegruppe in großer Zahl gen Ostwestfalen auf den Weg macht. Allen gemeinsam der Wunsch, dass das kleine Pflänzchen Hoffnung nicht schon im ersten Spiel einen Dämpfer erleidet. Richtig geil wäre ja ein dreckiges 0:1 in der Nachspielzeit. Alles kegelt im Block durcheinander, die Mannschaft auf dem Zaun. Man darf ja mal träumen. Aber selbst, wenn es ganz anders kommen sollte: Bitte nicht gleich wieder alles verdammen.

Zuvor aber morgen noch die Vorstellung des neuen Brustsponsors, welcher uns dann optisch auf den Trikots durch die Saison begleiten, und demnächst sicher auch in vielen Kleiderschränken zu finden sein wird. Eine ziemlich spannende Angelegenheit also, die im Zuge von Hoch3 immer wieder zu interessanten Diskussionen im kleinen Kreis geführt hat. Zwischen einem „Big Player“ der Region oder Stauder für die Seele….so ziemlich alles ist in den Vorschlägen vertreten. Schön wäre ja durchaus auch ein Engagement der Zeitschrift 11Freunde. Man stelle sich einmal vor, Elf Spieler laufen mit 11Freunde auf der Brust auf. Welch eine Ansage für den Gegner. Natürlich gibt es die vielzitierten „Elf Freunde müsst ihr sein“ der Ära Sammy Drechsel nicht mehr. Eine Mannschaft umfasst natürlich mehr Spieler. Und es würde reichen, wenn sie alle zusammen endlich wieder eine richtige Mannschaft an der Hafenstraße bilden würden. Freunde, die zusammensteh`n, die finden sich dann schon zu Tausenden schnell wieder auf den Tribünen ein.

Die Saison kann beginnen und endlich kann dieses bisher so suboptimal gelaufene  Jahr 2016 zeigen, dass es auch gutes zu bieten hat. In Essen. An der Hafenstraße. Nur der RWE!

 

 

 

Der hat schon Gelb!

Laut übereinstimmenden Berichten beteiligter Personen waren meine letzten Worte, bevor ich der Sedierung zum Opfer fiel: „Rot-Weiss Essen steigt auf“. Zu weiteren Erkenntnissen hat es dann nicht mehr gereicht. Warum ich ausgerechnet noch dieses loswerden musste; man weiß es nicht. Vielleicht war es dem dringenden Bedürfnis geschuldet, dem RWE so mitzuteilen, wie sehr mir neben Familie und Freunden der Verein und vielfältige Zuspruch von der Hafenstraße Kraft und Mut gegeben hat.

Und was soll ich sagen:

„Raus,raus,raus…..der Tumor ist raus“.

Der hatte nämlich schon Gelb. Dunkelgelb sogar. Ein Treter vor dem Herrn. Ein selten blödes und unfaires Arschloch geradezu. Wer verpflichtet so jemanden überhaupt?

Heute morgen, drei Tage danach und doch einen Tag früher als geplant kam dann die alles erlösende Nachricht, welche das Ja-Wort bei Schweinsteigers noch an Freude übertreffen dürfte: Die Pathologie kam um die Ecke und mit ihr der endgültige Befund:

„Der Tumor hat nicht gestreut, herzlichen Glückwunsch, alles TOP“ Die Herrschaften konnten gerade noch das Zimmer verlassen, als der eigene kleine Zusammenbruch der Freude und Erlösung erfolgte. Ich befürchte, meine Mimik war der eines Ronaldos nach einem Foul nicht unähnlich. Hat zum Glück keiner mitbekommen und mein Trikot blieb natürlich auch an.

Nun beginnt der langsame Weg zurück in das sogenannte „normale Leben“ und hoffentlich auch schon bald wieder in das Stadion. Die nächsten Freudentränen möchte ich dann bei einem Aufstieg des RWE vergießen. Egal wann.

Danke! Danke! Danke! Nur der RWE!

Blog3/3

Als ich am 7.Juli 1977 zum Lagermeister im Zeltlager der Jugend des SV Vorwärts Nordhorn gekürt wurde, konnte ich einerseits noch nicht ahnen, dass es bis zum heutigen Tage meine einzige persönliche Auszeichnung bleiben würde; und andererseits konnte sich auch kein Verantwortlicher erklären, wie es zu diesem Erfolg kommen konnte. Ungefähr also die gleiche Situation, wie wir sie aktuell mit Wales und der Europameisterschaft erleben. Vier Jahre später, am 28.Juni 1981 gab es wieder so ein Erlebnis, mit dem keiner gerechnet hat: Horst Schimanski betrat um 20:15 Uhr die Tatort Bühne in der ARD. Und der mittlerweile 15jährige Ex-Lagermeister fand direkt Gefallen an diesem doch eher ungehobelten Charakter. Drei Jahre später gab es dann in „Zweierlei Blut“ auch endlich die Verquickung zwischen Tatort und Fußball. Götz George hatte seine Rolle gefunden, mit welcher er bis zu seinem Tode am 19.Juni 2016 am ehesten definiert wird.

Götz George ritt früh schon gelegentlich an der Seite von Winnetou und seinen diversen Kumpels; brillierte in vielen Charakterrollen. Zeigte in Interviews Ecken und Kanten. Und war doch „Schimi“. Die raufende, trinkende und „Scheiße“ brüllende Nervensäge aus Duisburg. Relativ unfähig zu Teamwork und rationalen Gedankengängen. Immer aus dem Bauch heraus. Sehr zum Leidwesen von Kollege „Korinthenkacker“ Thanner und sicher auch Kollege Hänschen. Die Jacke….wie sehr hatte ich mir eine solche gewünscht, leider nie bekommen. Das Warten auf den neuen Schimanski Tatort bisweilen quälend lang.

Die Nachricht vom plötzlichen Tode Götz Georges hat mich in diesem wahrlich an Toten nicht armen 2016 sehr getroffen. Ich kann das gar nicht wirklich beschreiben. Seine Vitalität und physische Präsenz..so jemand kann doch nicht plötzlich sterben. Einfach so. Doch! Leider konnte Götz George uns still und heimlich verlassen. Horst Schimanski hingegen hätte das nicht gekonnt. Schimi verlässt einen nur, wenn die Bude zu Bruch gegangen ist und die Bierflaschen über den Boden kullern.

Scheiße!

Blog3/2

Es war der zweite Test; aber der erste vor heimischen Publikum. Gehen wir einmal wohlwollend davon aus, dass fast alle Besucher des wie immer vorzüglich organisierten „Auf Asche“ Tages auch Fans oder wenigstens Interessierte des und am RWE sind.

Heimpremiere der Mannschaft für die Saison 2016/17 also. Die ersten Minuten nach einer Saison, welche in die Geschichtsbücher als „Saison der langen Gesichter“ eingehen wird. Als diese endlich abgepfiffen wurde, hatte eigentlich keiner mehr wirklich Lust auf seine Liebe RWE. Kein Paartherapeut schien das wieder einigermaßen auf die Reihe zu bekommen. An Sex war schon lange nicht mehr zu denken; gekuschelt wurde auch nicht mehr und zu sagen hatte man sich (leider) auch nichts. Der Sandsack schien der einzig gangbare Weg, seine Emotionen in halbwegs geordnete Bahnen lenken zu können.

Der Sandsack der digitalen Welt nennt sich Forum und entsprechend ging es auch dort zur Sache. Wir waren alle so auf, und konnten es folglich fast gar nicht glauben, was sich in den letzten Tagen und Wochen rund um die Hafenstraße dann so alles tat. Da steht ein Verein am Abgrund, eigentlich sind wir alle bereit, ihn aus Enttäuschung in selbigen zu stürzen. Doch was macht der RWE? Er dreht sich um und sagt: Wir wollen aufsteigen! Im ersten Moment denkst Du bei dieser Botschaft, zu diesem Zeitpunkt zudem, doch: „Egal was Du (mein RWE) genommen hast, ich will das nicht“! Kurz nachgedacht aber stellen sich die Nackenhaare steil, kommt das Blut in Wallung und will man dass auch, was der RWE genommen hat. Man reicht also dem am Abgrund stehenden RWE die Hand und hört sich wenigstens erst einmal an, was er zu sagen hat.

Das wurde also ausgiebig getan, denn die Haltung vieler Fans war geprägt davon, trotz berechtigter Skepsis die klare Aussage von Verein und neuerdings auch Stadt wohlwollend zu honorieren. Viele taten das sogar Hoch3 und gaben mehr, damit der Verein auch mehr kann. Und sicherten sich so eine Gegenleistung für den Fall der Fälle. Dann kam das nächste Signalfeuer von der Hafenstraße in Person von Timo Brauer. Allen bekannt als Essener, der gut kicken kann. Lange hat der RWE in Person seines Vorsitzenden um Timo Brauer geworben. Und wie wir alle wissen, kam es zu der von vielen so ersehnten Vertragsunterzeichnung. Eine Per­so­na­lie, die fast für eine Welle der Euphorie sorgte, und sicher auch Hoch3 weiter untermauert. Nun kann aber Timo Brauer weder über Wasser gehen, noch das Meer teilen. Sondern ist er ein Spieler unter vielen. Belasten wir ihn und sein Spiel also nicht mit zu hohen Erwartungen. Ich glaube, er möchte sich auch gar nicht in den Mittelpunkt gestellt wissen.

Es gilt nun für Sven Demandt und sein Team, aus verbliebenen und den neu hinzugekommenen Spielern eine Mannschaft zu formen, die diesen Namen auch verdient. Hier zählen nicht mehr nur Taktik, Tore und Triumphe, sondern auch das Miteinander. Auch wenn der rational denkende Fußballfan jetzt die Hände über den Kopf zusammenschlagen mag ob der Phrasendrescherei: Es geht nun mal nur gemeinsam. Die EM hat einige positive Beispiele geliefert. Übrigens auch auf den Tribünen! Fans tragen die Mannschaft und die Mannschaft trägt die Fans. Ich weiss: Nicht planbar und manch zerbrochenes Porzellan muss noch zusammengekehrt und gekittet werden. Aber wir haben wenigstens unseren gemeinsamen Nenner wiedergefunden. Zumindest bis zur ersten Niederlage. Und die bisherigen Testspiele lassen sich doch gut an.

Hallo 2016/17…

…“Please don’t take me home, I just don’t wanna go to work, I wanna stay here and drink all your beer“

Blog3/1

Dieser Blogpost verfolg ein ehrgeiziges Ziel, nämlich innerhalb drei Abschnitten all das abzuarbeiten, was zur Zeit bewegt. Gelingt das nicht, so ist das kein Beinbruch, dann wird es einen vierten Versuch geben.

Blog1

Normalerweise gebührt die Aufmerksamkeit hier grundsätzlich zuerst dem RWE. Da momentan aber die Europameisterschaft auf unserem zwiegespaltenen Kontinent gastiert, sei ihr einige Zeilen gewidmet: Die Aufstockung brachte der UEFA schon vor dem Turnier viel Kritik ein, sicher auch aus den Niederlanden, die es gefühlt als einzige Nation trotzdem nicht nach Frankreich geschafft haben. Aber die UEFA hielt an den Plänen fest und befeuerte die Aufstockung entsprechend. Wir kennen das ja aus den heimischen Fußballsendungen, wo jede Saison mit einer penetranten Inbrunst als die nun aber wirklich Beste aller Zeiten beworben wird. Das schafft vielleicht sonst nur noch ein Vorwerk Vertreter. Es überwog also außerhalb der Verantwortlichen die Skepsis ob der ganzen vermeintlichen „Zwerge“ und besonders dem Modus Operandi, was das (Nicht-) Weiterkommen betraf. Mehrheitlich sollten die Skeptiker Recht behalten: Viele Spiele waren Langeweiler!

Zudem gab es in den ersten Tagen auch auf Fanebene nicht die gewünschten Bilder. Überzogene Berichterstattung komplett fußballbefreiter Sender inklusive. Hauptsache Quote! Die goldene Himbeere im Stuhlweitwurf ging wohl an wenige Engländer, während sich wenige Russen hingegen den Titel der peinlichsten Kameraführung sichern konnten. Danach beruhigte sich die Szenerie langsam wieder; der Fokus richtete sich wieder auf das Spiel als solches. Ich konnte mich des Gefühls aber nicht erwehren, das die komplette EM 2016 teilweise einen Abgesang auf den Fußball unserer Tage darstellt (und der ist oft schon „drüber“). Unendlich viele Fans aus den teilnehmenden Nationen folgten ihrer Mannschaft nach Frankreich. Trotzten auch der latenten Angst vor dem Wahnsinn einiger weniger. Zumeist in den eigenen Trikots, was am TV stets ein beeindruckendes Bild ergab. Fußballfans sind ja nicht blöde (auch wenn die Verbände dass immer glauben) und wissen, was sie in den nächsten Jahren erwartet: Die Weltmeisterschaften in Russland und Katar; zudem eine total bekloppte EM ohne festen Wohnsitz. Da werden hoffentlich nicht mehr viele Fans Bauernopfer der großen Verbände und bleiben zuhause. Aus vielerlei Gründen. Ich hoffe es sogar, denn scheinbar kann nur der gemeine Fan dem ungemein gierigen Funktionär durch Desinteresse die rote Karte zeigen. Natürlich ist auch die EM in Frankreich keine Schnäppchenbude, sicher aber das vorerst letzte Turnier unter einigermaßen normalen Verhältnissen.

Natürlich gab es sie dann doch, die vielen Momente, die den Fußball so lebens- und liebenswert machen. Die alles vergessen lassen und einen in den Bann ziehen. Nein, damit sind nicht Beckmann`s Sportschule oder das Spielniveau zwischen Wales und Nordirland gemeint. Sicher auch nicht „Unentschieden Portugal“ oder der schwarze Block aus Ungarn. Und leider auch nicht das ständige „Will Griggs on Fire“in den sozialen Medien. Ich hätte es Will Grigg wirklich gegönnt, einmal auf dem Platz stehen zu dürfen. So bekamen wir überbordend wackelige Handyfilmchen als etwas angepriesen, was wir nun aber wirklich, wirklich lieben müssen. Ich hätte mir  zum Beispiel gerade bei 11Freunde etwas mehr Qualität denn Quantität gewünscht. Weniger ist mehr. Ich hoffe, die Kritik ist mir als Fan britischer Fußballgesänge trotzdem vergönnt. Die Melodie gibt es übrigens an der Hafenstraße in Essen schon länger zu hören. Wenn es sich aber dann doch zu entscheiden gilt, dann natürlich lieber zum hundertsten Male den „Will Grigg“ als nur einmal das tumbe „Sieg“.

Die Momente, die ich meine liegen erstaunlicherweise wohl auch in dem begründet, was ständiger Bestandteil der (auch eigenen) Kritik an dem erweiterten Teilnehmerfeld ist: Island, Nordirland und Wales zum Beispiel verdanken ihre Teilnahme sicher auch der Aufstockung. Aber sie machten und machen das Beste daraus und feierten/feiern gemeinsam mit ihren zahlreichen Fans ein Fest. Die einen wollten nicht nach Hause, die anderen „Hu“ten sich einen Wolf und die beiden irischen Fanlager hatten den alten und schon besagten neuen Gassenhauer mit im bierseligen Gepäck. Und ihre Jungs auf dem Feld boten die „11 Freunde, die es sein muss“ und bisweilen richtig guten Fußball. Mindestens für diejenigen, die auf Leidenschaft und dreckige Trikots stehen. Sammy Drechsel wird sich vor Freude im Grabe umgedreht haben. Ebenfalls eine Wohltat: Gareth Bale ist für Wales einer von Elf auf dem Platz, während Zlatan Ibrahimović und Cristiano Ronaldo zehn Wasserträger und Statisten um sich wähnen. „Meine“ Engländer haben natürlich auch zu diesen besonderen Momenten eines Turniers beigetragen. Das war sogar ein selten dämlicher Moment, diese zweite Halbzeit gegen Island.

Nun läuft also alles auf ein Finale Wales gegen Deutschland hinaus. Warum das so sein wird? Nun, wer nicht gewinnt, der hat ein Finale einfach nicht verdient. Und unsere Mannschaft ist nicht nur eine Turniermannschaft, sondern der Druck liegt ganz klar auf Seiten der Franzosen. Außerdem wird Jogi Löw das Ding schon richten und die Ausfälle entsprechend kompensieren. Und dann ist sie bald Geschichte, diese längste EM aller Zeiten. Das Turnier, welches nie wirklich ganz befreit aufspielen konnte. Das Turnier, welches aber vielleicht trotzdem der letzte Mohikaner sein dürfte. Das Englische und Deutsche Trikot werden wieder ordentlich in den Schrank gelegt und dort möglicherweise für lange Jahre verstauben. Wenigstens bis zu jenem Tag, an dem gierige Offizielle begreifen, dass eine ausgepresste Zitrone irgendwann keinen Saft mehr gibt und Fußball Sport anstatt Politik ist!