Die Hoffnung ist der Regenbogen über den herabstürzenden Fußball des Lebens. (Frei nach Nietzsche)

Rückblende: Alle gegen alle. Hoffnungen und Miteinander mal wieder am Boden zerstört. Totale Verunsicherung auf dem Feld. Trainerwechsel.

Mittwoch, 18. Oktober. Essen, Stadtwald: Die Mannschaft muss zum Verbandspokal ausgerechnet an den Uhlenkrug im Süden der Stadt reisen, wo sich heimische Lackschuhe gerade in einem unerwarteten Aufschwung sportlicher Natur üben. Das erste Pflichtspiel des neuen Trainers Argirios Giannikis. Vielleicht der richtige Rahmen für einen Neuanfang. Die Erwartungshaltung der knapp dreitausend Fans eher gering, außer bei den ungefähr vierzehn Anhängern der Schwatten.

Deren Stadion (trotz Rückbau der imposanten Gegengerade) bei schönstem Herbstwetter immer noch ein wundervolles Fußballstadion alter Prägung, welches dem Fan keinen Komfort, aber Stehen unter Baumkronen; zudem auf einer Stehgegengerade bietet. Auch kommen Flutlichter zum Einsatz, welche in ihrer Helligkeit eher an Taschenlampen kurz vor Batterieausfall erinnern. Wenigstens wurde der Platz trotzdem einigermaßen beleuchtet. Auf den Stehrängen war es so dunkel wie früher in einem Partykotten, um gemütlicher schwofen und fummeln zu können. Alles in allem also ein stimmiges Fußballambiente.

Rot-Weiss Essen gewann dieses Pokalspiel gegen den klassentieferen Stadtrivalen letztendlich mit 2:0 und ist eine Runde weiter. Es war kein gutes Spiel unserer Jungs und zudem enttäuschten die Schwatten. Da hatte man mehr befürchtet. Auf den Rängen hatte es den Anschein, der Mannschaft nun eine zweite Chance zu gewähren, so erstaunlich gelassen die Gemütslage. Keine Anfeindungen. Argirios Giannikis hatte (natürlich) taktische und personelle Veränderungen vorgenommen, welche zur bestehenden Unsicherheit als Lern- und Umsetzfaktor auf dem Feld hinzukamen. Dass da der monatelang rumpelnde (Mannschafts-)Motor nicht direkt wieder flüssig laufen konnte, war einfach zu offensichtlich.

Aber sie haben es gemeistert und zeigten sich nach dem Spiel sichtlich erleichtert. Kaum auszudenken, was bei einem Ausscheiden zusätzlich auf Mannschaft und Verantwortliche eingeprasselt wäre. Ebenfalls erleichtert ging es wieder gen Heimat.

Sonntag, 22. Oktober. Aachen, Tivoli: Keine Herbstsonne; keine gute Bilanz auf dem Tivoli; kein Derby! Der RWE zu Gast bei jener Alemannia, die uns auf dem Tivoli (egal ob neu oder alt) irgendwie immer gut im Griff hat. 1995 der bislang letzte Erfolg bei den Kartoffelkäfern. Viel schlauer war man nach Mittwoch jetzt nicht wirklich, außer dass Mannschaft und Trainer ihr erstes gemeinsames Spiel gewinnen konnten. Schon nach zwei Minuten war das kleine Fünkchen Hoffnung zunächst einmal wieder dahin, da die Alemannia nach einem Abstimmungsfehler unserer Hintermannschaft in Führung gehen konnte. Eigene Gefühlslage in diesem Moment: „Die gleiche Scheiße also wie immer und die schießen uns nun gnadenlos ab“.

Das Tor haben übrigens nur die 9.600 Stadionbesucher gesehen! Der übertragende Werbesender Sport1 war noch mit seiner Haupteinnahmequelle beschäftigt und konnte dem Tor erst mit einer Kameraführung wie auf Energydrink hinterherhecheln. Ein peinlicher Einstieg in eine Übertragung, welche an Peinlichkeiten noch überboten werden sollte.

Fußball pur gibt es also weiterhin nur im Stadion oder auf dem Sportplatz. 

Nach ungefähr fünfzehn Minuten konnten unsere Roten das spielerische Heft in die Hand nehmen, hatten auch die anfangs auftretenden Probleme der „Standfestigkeit“ auf rutschigem Rasen weitestgehend im Griff. Die Aachener wurden zu Fehlern gezwungen, bisweilen hinten reingedrängt. Ein Torabschluss wurde gesucht, Chancen taten sich auf. Diese berühmte Körpersprache schien eine andere zu sein als noch in den Spielen zuvor. Die Panik aus dem Gesicht wich zugunsten einer leichten Zuversicht, hier noch den Ausgleich zu markieren. Die Zuversicht wurde schon in der 32. Minute durch Timo Becker belohnt: Ausgleich. Geil! Schon zur Pause hätte der RWE eigentlich die Führung verdient gehabt. Ein für Viertligaverhältnisse aufregendes Fußballspiel, sofern man das bei den temporären- und dauerhaften Einblendungen auf dem Bildschirm überhaupt noch erkennen konnte.

In der zweiten Hälfte ging das muntere Treiben auf dem Feld weiter, die Pause brachte nicht den befürchteten Bruch im RWE Spiel. Man ist (leider) halt zunächst immer (und aus Erfahrung) erst negativ konditioniert. Isso! Und dann trat tatsächlich das unerwartete und doch so erhoffte ein. Es war dem Spielverlauf nach sogar mehr als verdient: Unsere Roten gingen nach einem wunderbar vorgetragenen Angriff, abgeschlossen durch Kai Pröger, mit 2:1 in Führung. Wie geil war das denn? Echt jetzt? Die Gesichter der Spieler auf dem Feld sprachen Bände, die Gesten zudem. Wie schon im ersten Spiel in Dortmund wurde sich oft abgeklatscht oder aufgemuntert. Ganz wichtig auch: Der auch von mir kritisierte Käpt`n (und Lieblingsspieler) Baier war mit einer ganz anderen Präsenz als noch in den Vorwochen auf dem Platz. Man steckt einfach nicht drin in der Psychologie einer Mannschaft.

Einige Male galt es noch zu zittern, als die Aachener zu Eckbällen oder der ein- oder anderen Chance kamen. Aber gleichermaßen ging es auch direkt wieder Richtung Aachener Tor. Zudem wurde mit geschickter Wechseltaktik Zeit von der Uhr genommen. Auch damit hatten wir ja schon mal unsere Probleme vor noch gar nicht langer Zeit. Ist aber auch auch wurstegal, denn am Ende blieb es bei dem ersten Erfolg von RWE bei Alemannia seit zweiundzwanzig Jahren. Auswärtssieg der etwas unerwarteten Art. Luft im Abstiegskampf, verbunden mit Hoffnung auf sportlich bessere Zeiten (Auch unser Brustsponsor dürfte sich sicher nicht nur über galoppierende Wettquoten sondern auch mal über den positiven Eindruck des eigenen Partners gefreut haben).

Nun gut, die Hoffnung hatten wir bei schon einigen Trainern zuvor auch und wurden doch nur bitter enttäuscht. Aber für den Moment durfte man sich an diesem Sonntag einfach nur freuen. Jeder so wie er wollte. Und mit der Freude kam die Erleichterung. Man freute sich für die Fans, die Spieler, die Verantwortlichen…. ach einfach für alle. Die Freude sollte zudem genossen werden, denn schon kommenden Samstag könnte es ja wieder vorbei sein mit der Freude. Da kommt der Nachbar aus Oberhausen zu Besuch. Wieder kein Derby. Aber hoffentlich ein Dreier.

Und dann war da noch: Die TV Übertragung direkt aus der TV Übertragungshölle. Was den mitfiebernden Fans beider Vereine inklusive vieler neutraler TV Fußballfans da am heimischen Empfangsgerät geboten wurde, war meines Erachtens schlicht frech. Nein, es war peinlich! Die Vierte Liga ist gemeinhin kein Profifußball, aber deswegen muss man sie noch lange nicht dermaßen amateurhaft übertragen wie an diesem Sonntag.

Den Einstieg durch die Bildregie aufgrund der vorherrschenden Werbung schlicht grandios vermasselt, schaffte der Kommentator ebensowenig den Einstieg in das stattfindende Spiel, sondern drosch die üblichen Phrasen zur Vergangenheit beider Vereine. Mittlerweile geschenkt, wir kennen die Fakten in und auswendig. Aber, die aktuellen Namen der Spieler zu kennen, hätte ja Vorbereitung bedurft.

Die Bildregie hatte mittlerweile Spaß daran gefunden, dass TV Bild mit unwichtigen anderen Dingen zuzukleistern. Was interessiert uns ein Bundesligaspiel, wenn Rot-Weiss Essen spielt? Was interessieren uns die groß eingeblendeten Fakten eines anderen Spiels über Ballbesitz, Schüsse etc.? Die, die das interessiert haben Sky oder den Eurosport Player. Aber die gucken wohl kaum Alemannia Aachen gegen Rot-Weiss Essen! Ich hatte wirklich Angst, es könnte noch der Newsflash über Sarah & Pietro kommen. Oder eingeblendete (un)sexy Sport Clips. Sowas halt.

Und dann diese Sprüche. Da denkt man, man hat Jörg Dahlmann auf diesem Sender überlebt, doch dann kommt es noch schlimmer. Den Aachener Torwart als „Nicht die hellste Kerze in der Strafraumbeherrschung“ zu bezeichnen, das geht meines Erachtens gar nicht.  Sätze wie „Seine Frau die Lisa, mit der ist er ja verheiratet“ und viele andere Stilblüten der Kommentatorenkunst vervollständigten das Bild .

Wenigstens hat Glockenhorst die „Senderkompetenz“ erkannt und das Interview des Feldreporters für knackige Eigenwerbung zur Teilnahme am Filmprojekt Pottoriginale genutzt. In Grund und Boden hat er ihn geredet und für einen weiteren Essener Erfolg an diesem Nachmittag gesorgt. Man informiert sich doch vorher, warum Glockenhorst Glockenhorst heißt.

Nein, es war im Gegensatz zum Auftritt der Roten auf dem Feld kein guter Auftritt eines TV Senders und seiner Protagonisten. Wenn Ihr Fußball zeigen wollt, dann zeigt einfach auch nur Fußball. Wenigstens dann, wenn das Spiel läuft. Setzen, Sechs! Nächstes Mal dann doch wieder Stadion.

Gegen Oberhausen wünsche ich mir nun ohne wenn und aber eine Abkehr der Kultur des Gegeneinander. Miteinander, das hat uns immer ausgezeichnet. Von 0 – 100, von A – C. Diese kleine Pflanze Hoffnung mal wieder.

Nur der RWE!

 

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