Monatsarchive: Juni 2021

Sehr respektvoll.

Zuallererst, das gebietet die sportliche Fairness: Glückwunsch der zweiten Profimannschaft von Borussia Dortmund zur Meisterschaft und den damit verbundenen Aufstieg. Viele Vereine und Fans der dritten Bundesliga freuen sich nun schon unbändig darauf, in der Roten Erde antreten zu dürfen. Oder in Brackel. Im Westfalenstadion oder der Glückauf-Kampfbahn. Das entscheidet sich in Dortmund ja schon mal spontan, je nach Windrichtung oder Luftfeuchtigkeit.

Wer mit Abpfiff der Saison drei Punkte mehr auf dem Konto hat als der Zweite, der ist nun mal verdientermaßen Erster. Daran gibt es arithmetisch auch nichts zu rütteln, das ist und bleibt zunächst Fakt. Unsere Mannschaft hat sich in der Saison ihres Lebens leider den einen kleinen Wackler mehr erlaubt als der Konkurrent in diesem unglaublichen Rennen. Man fühlte sich einmal mehr an den spektakulären Titelkampf zwischen Manchester City und den Reds in der Saison 2018/19 erinnert. 

Die Geschehnisse rund um den letzten Spieltag waren gefühlt auch die endgültige Rückkehr der Fans an die Hafenstraße. Die Emotionen ließen sich nicht mehr aufhalten. Viele Fans mussten wenigstens bei Abfahrt unserer Mannschaft mit auf den Weg zu geben, dass wir immer wieder von der Ruhr bis an die Elbe an sie glauben. Ließ es die Pandemie seit Monaten nicht zu, haben die Spieler spätestens da noch mal vor Augen geführt bekommen, was es bedeutet, ein Teil von Rot-Weiss Essen zu sein. Wir sind in unserer Intensität und Anzahl eigentlich komplett losgekoppelt und spielen seit jeher in unserer eigenen Liga. Während des Spiels gab es diesen beeindruckenden Moment am Bildschirm, als plötzlich im Hintergrund viele rot-weisse Fahnen zu sehen waren und ein regelrechter Marsch hinter dem Stadionzaun stattfand. Wohl auch einer klugen und emphatischen Einsatzleitung war es zu verdanken, dass unsere Mannschaft wenigstens aus einer Ecke lautstarke Unterstützung erfahren durfte.

Der aktuelle Beziehungsstatus zwischen Mannschaft und Fans trotz Nichtaufstieg konnte direkt nach Schlusspfiff in Wegberg-Beeck und bei der Ankunft an der Hafenstraße beobachtet werden: Da ist gerade nichts kompliziert, das ist eine harmonische Beziehung. Wir sind stolz auf unsere Mannschaft! Alles blieb friedlich, keine Schlagzeilen für wen auch immer produziert. Die negativen Schlagzeilen an diesem Tag produzierte höchstens die Mannschaft aus Dortmund. Na klar, junge Leute, Meisterschaft, Adrenalin und endlich Party: Aber bekommt irgendjemand aus dem Umfeld dieser Mannschaft überhaupt noch mit, was da läuft? Sonst hätte es doch jemand gegeben, der verhindert hätte, den Konkurrenten auch noch mittels Kabinenparty zu verhöhnen. Und glaubt ein Lars Ricken ernsthaft an das, was er im Anschluss formulierte? Wir sind pro forma eine Profiliga, aber die Mannschaft aus Dortmund holt den Titel ohne Profis. Vielleicht hätte er sich vorher mal auf Transfermarkt informieren sollen, was seine Mannschaft überhaupt wert ist. Die Spieler sind nicht schon als Neunjährige gemeinsam mit dem Rad zum Training gefahren, wie er vielleicht glaubt.

Was den Einspruch angeht, verstehe ich die Aufregung allerorten nicht, dass es nun ein unsportliches Ende nehmen könnte. Wenn der BVB regelwidrig gehandelt hat, dann wurde während der Saison unsportlich gehandelt. Ist das etwas weniger unsportlich? Der Einspruch gehört also maximal untersucht. Ich erwarte nun nichts weniger vom WDFV, als dass dieser einmal die vielzitierten Hühnererzeugnisse zeigt und unverzüglich klare Kante gegen den Mogul von der Strobellallee an den Tag legt, sollte etwas nicht korrekt gelaufen sein. Auch wenn das vielleicht die ein oder andere Einladung in den Kuchenblock der Ersten bei Spielen gegen Leipzig oder Hoffenheim kosten könnte. 

Etwas respektlos.

Was mich nach diesem Wochenende abseits der Traurigkeit dann doch verblüfft zurücklässt, ist die subjektive Wahrnehmung, wie sich der fußballerische Wertekompass bei so vielen immer mehr verschiebt. Ein Verein wie Rot-Weiss Essen hat immer schon viele „Gönner“ gehabt, die dem Verein vonne Hafenstraße von Herzen Misserfolg gönnen und sich mit jedem weiteren Jahr Nichtaufstieg hämisch die nächste Kerbe in den Gürtel schnitzen. Die Vereinszugehörigkeit hier breit gefächert, die gegenseitige Freude bei sportlichem Misserfolg ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Auch wir sind immer vorneweg dabei, wenn ein ungeliebter Verein sportlich stolpert. Nennt sich Rivalität, sollte im Rahmen des Normalen ausgetragen werden und macht den Fußball ja auch aus.

Das vergangenen Samstag beendete Titelrennen mit einer Zweitvertretung hingegen hat für mich eine neue Phase der immer mehr um seinen Erhalt fürchtenden Fußballkultur eingeläutet. Je näher die Saison mit ihrem angeregtem Zweikampf zwischen Erstvertretung und Zweitvertretung eines „Global Player“ dem finalen Spieltag entgegensteuerte, umso mehr ergriffen Fans von Borussia Dortmund und erwähnten „Gönnern“ anderer Vereine Partei für die Zweitvertretung.

Der Fairness halber sei erwähnt, das die Zweitvertretung des BVB schon immer von einem festen Kern an aktiven Fans unterstützt wurde. Sofern denn die „Erste“ spielfrei hatte. Man muss ja Prioritäten setzen! Übrigens auch an der Hafenstraße stets gern gesehene Gäste. Zudem waren/sind die aktiven Dortmunder Fans auch bekannt für einen stets kritischen Umgang mit den Auswüchsen im Profifußball. Nur im eigenen Haus, da ist es dann wohl in Ordnung, dass die eigene Zweitvertretung in den Profifußball aufsteigt und sich dazu aller möglichen Ressourcen des „Mutterkonzerns“ bedient.

Die Zwote aus Dortmund hatte plötzlich so viele Befürworter in den Kommentarspalten, von denen die meisten möglicherweise noch nie ein Spiel der Zwoten gesehen haben. Sofern sie überhaupt schon mal im Westfalenstadion zugegen waren. Aber der eigene Verein will unbedingt die eigene Zweitvertretung in die dritte Bundesliga hieven, also bleiben wir in den Kommentarspalten natürlich auf Kurs und ignorieren einfach mal die ganzen Umstände. Der Verein hat immer Recht. Auch viele Fans anderer Rivalen und Traditionsvereine hebeln ihre tatsächlichen Ansichten einfach mal aus. Hauptsache man kann gegen RWE kommentieren. Wen interessiert da schon ein Sachverhalt, der zu Lasten des Fußballs geht. Und Fans der Blauen? Die bekommen in ihrem Abstiegsschmerz nicht mal mehr mit, dass es die schwarz-gelben sind, die den Roten den Aufstieg verbaut haben und bejubeln so quasi eine Dortmunder Zweitvertretung für ihren Erfolg. Was kommt als nächstes? Freundschaftsschals?

Es ist nicht das Problem, dass wir als Rot-Weiss Essen den Aufstieg erneut nicht geschafft haben (OK, irgendwie natürlich schon!). Nennt sich Sport, kann passieren. Manchmal eben auch viele Jahre hintereinander. Das Problem ist der Umgang damit, wie viele Fans eines großen Vereins es einfach hinnehmen und unterstützen, dass ihr Verein unbedingt eine weitere Mannschaft in den (wirklichen) Profibereich etablieren will. Und das auf eine mehrfach fragwürdige Art und Weise. Wo hört denn dann die bisweilen blinde Unterstützung des eigenen Vereins auf? Bei der dritten oder gar vierten Mannschaft? Wird so lange durchgewunken, bis die ersten drei Mannschaften aus Dortmund, München und Leipzig in einer eigenen Neuner-Liga den Meister abspielen? Oder als Elfer-Liga mit den beiden Freiburger Mannschaften als Reminiszenz an die kleineren Vereine?

Übrigens würde ich im umgekehrten Falle nicht wollen, dass der RWE als Bundesligist mit allen Mitteln versuchen würde, seinerseits eine „Zwote“ in die 3.Liga zu hieven. Aber, das ist zum einen natürlich Phantasterei, denn RWE und Bundesliga….. und zum anderen bin ich eh bekennender Anhänger des englischen Ligensystems.