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Europapokaaaaaal, Kapitel 64.

Am Anfang steht ja immer die Recherche. Und da galt es zunächst dreimal zu stutzen! Der Fakt: Rot-Weiss Essen spielte anno 1955, als erster Deutscher Teilnehmer überhaupt, im Achtelfinale des neugeschaffenen Europapokal der Landesmeister gegen die „Hibs“ von Hibernian Edinburgh aus Schottland.

Die Stutzer: Ein Pokalwettbewerb nach heutigen Massstäben startet doch erst gar nicht unter zweihundervierundfünfzig teilnehmenden Mannschaften inklusive dreizehn vorheriger Qualifikationsrunden. Und doch ging es damals direkt mit den Achtelfinals in Hin- und Rückspiel los? Des Rätsels Lösung: Es nahmen nur sechzehn Mannschaften an dieser Erstausgabe eines Wettbewerbes für die amtierenden Meister Europas teil. Viele Meister befanden diesen Wettbewerb als einfach nicht attraktiv genug. Ob nun aus sportlicher- oder finanzieller Sicht sei dahingestellt. Für einen Nostalgiker jedoch noch ein Europapokal der Landesmeister und nicht die heutige aufgeblähte Geldmaschine der UEFA.

Warum aber spielte der RWE dieses erstmalige und einzigartige europäische Erlebnis nicht gegen den FC Aberdeen als amtierenden Meister aus Schottland? Stutzer zum Zweiten! Aber auch hier gibt es eine schlüssige Lösung: Die Klubführung des FC Aberdeen gehörte eben zu denjenigen Vereinen, die die Idee eines Europapokals einfach nicht als attraktiv genug befanden und verzichteten somit dankend auf die meisterliche Teilnahme. Ob man sich in Aberdeen aus heutiger Sicht noch darüber ärgern sollte oder muss? An der Dominanz von Celtic und den Rangers hätte es sicher nicht viel geändert. Trotzdem bedeutete die Teilnahme für die Hibs (Allein dieser Spitzname schafft ja schon Sympathien) eine außerordentlich respektable sportliche Geschichte, da die Mannschaft schließlich erst im Halbfinale an Stade Reims scheiterte. In der eigenen schottischen Liga jedoch, da traf sich Hibernian weiter mit dem Lokalrivalen, den Hearts; eben jenem FC Aberdeen, oder den beiden Vertretern aus Dundee auf Augenhöhe. Der Rest vom schottischen Fest ist und bleibt  sportlich unerreichbar und ist als „Old Firm“ in Glasgow allseits bekannt.

Was aber ewig auf der grünen Seite von Edinburgh haften bleiben wird ist das Privileg, einmal auf Europäischer Ebene gegen Rot-Weiss Essen spielen zu dürfen. Ein Gefühl, welches sonst wohl nur noch der SV Hönnepel-Niedermörmter zu beschreiben weiß. Nun aber noch Stutzer Nummer drei: Wenn Rot-Weiss Essen als Deutscher Meister den DFB vertreten durfte, was machte dann der 1.FC Saarbrücken ebenfalls in diesem Teilnehmerfeld? Brüder im Geiste, was den finanziellen- und sportlichen Niedergang betrifft, wurden beide Vereine doch erst Jahrzehnte später. Auch hier fand sich schnell eine Lösung: Der 1.FC Saarbrücken durfte als Vertreter des 1955 noch autonomen Saarlands am Europapokal teilnehmen. Zugelost wurde den Saarländern der AC Milan, der dann auch die nächste Runde erreichen konnte.

Der 14. September 1955 wurde also ein weiterer Meilenstein in der rot-weissen Vereinsgeschichte. Das erste und bislang einzige Heimspiel auf europäischer Ebene stand an. Übrigens streiten sich die Gelehrten auch heute noch, ob an der heimischen Hafenstraße oder am Uhlenkrug der Lackschuhe im Essener Süden gespielt wurde. Unstrittig leider die Kulisse auf VfL Wolfsburg Niveau der heutigen „Königsklasse“: Lediglich Fünftausend Fans wohnten dieser, von dem Niederländer Jan Bronkhorst geleiteten, Begegnung bei. Der neue Wettbewerb sorgte eben nicht sofort für kollektive Begeisterung! Und die Schotten geizten zudem nicht mit Toren, sondern erzielten derer gleich Vier. „Hibs,hibs hurra“ möchte man da schreiben. Mit Null zu Vier endeten die ersten neunzig Minuten in diesem Wettbewerb sehr ernüchternd, daran konnte im Anschluss auch kein Stauder etwas ändern.

Das Rückspiel musste aber trotzdem noch gespielt werden, und Edinburgh ist sicher auch immer eine Reise wert. Der Spielort in Edinburgh selbst ist unstrittig, es war die Easter Road, an welcher knapp einen Monat später, am 12. Oktober 1955, aufgelaufen wurde. Der Engländer Arthur Ellis leitete das Spiel, welches unser RWE hochachtungsvoll unentschieden gestalten konnte. Es endete 1:1 und für das historische Tor aus Essener Sicht sorgte Fritz Abromeit. Fritz Abromeit ist keiner der bekannteren Namen aus diesen großen sportlichen Jahren. Er stand zwar im Pokalfinale, jedoch nicht in der Meisterelf. Kein Stammspieler, aber in seiner ganzen Karriere zwischen 1942 und 1957 ausschließlich für unseren wunderbaren RWE am Ball. Sofort einsatzbereit, wenn ein anderer Spieler ausfiel. Und auf ewig der Schütze des einzigen Europapokaltreffers in der Geschichte von Rot-Weiss Essen. Also natürlich doch ein ganz großer!

Das zarte Pflänzchen Hoffnung.

Nach der Saison ist natürlich vor der Saison. Die nächste Saison in den Untiefen der heimischen Ligenpyramide. Selbst Meisterschaft bedeutet hier noch nichts geschafft. Sollte diese eines Tages erreicht werden natürlich! Es ist tatsächlich schon die achte Saison, die wir unterhalb des „Profitums“ und „profitablen Tuns“ auflaufen. Acht Jahre Liga Vier und Fünf. Dieser Fakt  auf menschliche Beziehungen umgemünzt, und selbige wäre schon längst aufgrund einseitigem Desinteresse gescheitert.

Rot-Weiss Essen und seine Fans bleiben einander einmal mehr, und zum Erstaunen aller, treu. Muss ja, so die eher pragmatische Feststellung über den Gegenpart, den man doch so sehr liebt. Ob man will, oder nicht natürlich! Rot-Weiss Essen hat nach einer Saison voller Extreme dermaßen intensiv an den Stellschrauben gedreht, so dass man fast glauben könnte, es wird nun alles gut. Was auch immer jeder einzelne Fan darunter verstehen mag. Guter Fußball allein reicht da schon. Echt jetzt.

Fakt ist: Der neue Trainer macht bislang einen guten Eindruck; bei unseren Spielern sitzt die Frisur und die Testergebnisse gehen d’ac­cord. Es ist alles fast zu schön um wahr zu sein. Wenigstens bleibt uns das Verletzungspech treu. Worauf wir verzichten könnten, im Gegensatz zu den schon über Viertausend Dauerkarteninhabern. Geht wohl doch nicht ohne. Nicht mal das haben die Protagonisten der vergangenen Saison geschafft. Uns alle zu vergraulen jetzt! Das Faustpfand von Rot-Weiss Essen, also die da auf den Tribünen, hat klar gemacht, dass der Verein nicht alleine dasteht.

Und ich hoffe, dass auch die auf den Tribünen inhaltlich zusammenstehen. Geht es doch definitiv nur gemeinsam. Gibt es also dieser Tage wirklich so etwas wie ein zartes Pflänzchen Hoffnung, so will es gehegt und gepflegt werden. Schließlich sind acht Jahre in den Niederungen bei eigenem Selbstverständnis eine sehr, sehr lange Zeit. Warum also sollte es ausgerechnet in dieser Saison mit dem so ersehnten Aufstieg klappen?

Spätestens auf diese Frage gibt es keine rationale Antwort mehr. Rot-Weiss Essen ist aber auch nicht rational. Vielleicht ist das die Antwort auf die Frage. Heute ist Saisoneröffnung, heute ist #rweinternational. Es wird eine gute Saison. Nur der RWE!