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Das war`s und ab dafür.

Das Endspiel ist gespielt, mein absolutes Lieblingsland hat daheim leider in seiner Königsdisziplin Elfmeterschießen nicht oft genug eingenetzt. Die Queen ihrerseits war sicher not amused. Ich hätte es den „Three Lions“ nach fünfundfünfzig Jahren durchaus gegönnt, mal wieder etwas in die Höhe stemmen zu können. Auch wenn ich mit dem Wunsch spätestens dann so ziemlich allein auf weiter Flur stand, als der Kurs durch den Sterling doch arg gefallen war. Egal, dann eben in Katar. Wobei: Das dann wirklich ohne mich, denn spätestens dann schaffe ich es auf jeden Fall, ein Turnier komplett zu boykottieren. Die England Trikots gehen also nun in die Wäsche und werden im Anschluss daran wieder fein säuberlich unter den RWE Stapel einsortiert. Was bleibt, ist einmal mehr das Entsetzen darüber, wie Menschen ungefiltert ihren Hass gegenüber Mitmenschen freien Lauf lassen, die sie bei positivem Spielausgang als Helden hätten hochleben lassen. Es ist immer noch ein Spiel. Mehr nicht!

Rein sportlich betrachtet hat es es sich tatsächlich gelohnt, irgendwann im Verlauf der Vorrunde den geplanten TV-Boykott aufzugeben. Abseits des ganzen UEFA-Irrsinns wurde einfach toller Fußball geboten. Das darf man dann auch mal so konstatieren, dafür sind wir alle Fans. Der Gewinner dieser letzten Wochen ist also nicht nur Italien, sondern auch der Fußball als solches. Eigentlich eine schöne Erkenntnis, dass der Fußball auf dem Feld noch immer nicht durch die Gier der Verbände und ihrer Protagonisten kaputt zu bekommen ist. Es hatte fast den Eindruck, als ob sich das Spiel auf dem Feld dagegen auflehnen möchte. Dumm nur, dass das in den Kommandozentralen auch wieder falsch verstanden wird: Je begeisterter wir über unser Spiel sind, desto mehr wird versucht, daraus noch mehr Kapital zu schlagen. Zum kotzen!

Nebenbei darf man auch den heimlichen Gewinner der EM bekanntgeben, der für mich weiter Sandro Wagner heißt und am Mikrofon als sogenannter Co-Kommentator tätig war. Sein Schnorres heißer als es jemals ein Spiel sein könnte, seine verbalen Eingaben intuitiv und oft auf den Punkt gebracht. Vielleicht, oder wahrscheinlich sogar auf jeden Fall, war das Duo der ARD mit der aparten Jessy Wellmer und dem kampferprobten Bastian Schweinsteiger die optisch bessere Wahl. Verbal kamen die beiden aber auf keinen Fall an Sandro Wagner vorbei. Wenn der Sidekick sogar den etablierten Kommentator in einem besseren Licht erscheinen lässt, dann ist Wagner Zeit.

Seine für mich jetzt schon legendäre Erkenntnis aus dem Finale „Der wollte ihn vier Mal foulen und hat nicht mal das geschafft“ hat definitiv das Potential für langfristige Einlagerung in den Köpfen der Fußball-Zitatfreunde.

Ab sofort zählt also wieder einzig und allein Rot-Weiss. Unsere Mehrgenerationenmannschaft ist seit kurzem wieder im Training, so als Truppe mit Aufstiegsambitionen. Morgen beginnt der Testreigen mit dem Spiel gegen die Schwatten vom Bocholter Hünting. Nebenbei auch als verdientes Abschiedsspiel für Marcel Platzek und Kevin Grund deklariert. Die beiden haben wahrlich einen angemessenen Abschied nach so vielen Jahren verdient, auch wenn sich dieser leider eher durch die Dauer der Vereinszugehörigkeit anstatt über sportliche Erfolge unseres Vereins definiert. Wie gerne wären beide nicht nur als Fans geblieben, sondern auch als Aufsteiger gegangen.

Es ist immer schwierig für einen Fan, wenn die letzten Konstanten einer langen Ära den Verein verlassen. Ganz besonders, wenn sie dann auch noch in einer Dekade unter Vertrag stehen, in der Rot-Weiss Essen mehr Spieler hat kommen und gehen sehen, als manch Essener Stadtteil Einwohner hat. Cedric Harenbrock und Daniel Heber halten nun die Fahne der Spieler hoch, die am längsten den Arbeitsplatz Hafenstraße ansteuern. Beides Akteure, die ihrerseits glücklicherweise nahtlos an die Sympathiewerte von Kevin Grund und Marcel Platzek anknüpfen können und das Zeug zu neuen Identifikationsfiguren haben. Sogar mit Option auf den Aufstieg.

Dieser Aufstieg. Man mag manchmal gar nicht mehr drüber philosophieren. In der vergangenen Saison war ich so darauf fixiert, dass ich so manches Mal gar nicht mehr wirklich den ansehnlichen Fußball unserer Mannschaft verfolgt habe. Die Uhr war viel wichtiger, besonders dann, wenn unsere Mannschaft auch noch in Führung lag: Fertig werden, drei Punkte einsacken, auf die Tabelle gucken und auf das nächste Spiel warten. So ging das von Spieltag zu Spieltag. Die wirklichen Blicke auf das Spiel boten wohl nur die Auftritte als #freilos. Die fanden losgekoppelt von dem Aufstiegsantrieb statt. Ich hätte Lebenszeit für diesen einen Moment gegeben. Total bekloppt eigentlich, denn es ist eben doch nur ein Spiel, wie man bei der EM dann doch wieder feststellen durfte.

Daher gilt für die kommende Saison , dass ich zwar weiter das wie in Stein gemeißelte Ziel habe, was das Saisonende angeht. Aber vorrangig möchte ich wieder und hoffentlich schönen Fußball schauen. Optimalerweise im Stadion. Ich möchte das Spiel unserer Mannschaft wieder über das Ergebnis und die Hatz zum nächsten Spiel stellen. Kein „Don’t Stop Believin’“ von Journey mehr. Eher „Bestes Leben“ von Silbermond. Ein Lied wie ein süffiges Stauder an einem herrlich unbeschwerten Sommerabend im Kreise der Liebsten. Gedreht in warmer Optik, 4:3 Format und unmöglichen 70er Jahre Klamotten.

„Heute ist schön
Heut‘ ist geborgen
Morgen vielleicht schon nicht mehr
Aber es ist mir egal
Heute knallen korken
Und ich schau‘ in meiner Lieblingsgesichter“

Das allein klingt doch auch nach Hafenstübchen, Hafenstraße und unserem Verein. Selbst wenn wir uns gerne immer etwas rauher darstellen möchten und wohl auch sind. Aber, wir sollten nun die Verbissenheit ablegen, mit welcher wir schon so lange versuchen, dass gelobte Land zu erreichen. Die Aufreger kommen schon noch von alleine und früh genug. Der KFC Uerdingen zum Beispiel liegt mir da gerade noch etwas quer im Magen. Der Verein hat unglaublich rührige Fans, die alles versuchen, um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen und zeitgleich die so wunderbare Grotenburg auf Vordermann zu bringen. Aber, bis zum heutigen Datum hat der Verein nicht einen Spieler unter Vertrag. Darf aber in der Regionalliga West antreten. „Hallo?“ möchte man da den noch für uns zuständigen Verband fragen. Das macht keinen Sinn und könnte von Saisonbeginn an wieder für Unregelmäßigkeiten im Spielbetrieb sorgen. Wer läuft für die Krefelder auf? Elf Grotifanten? Oder machen sie den Wattenscheid-Move innerhalb der Saison und alle Punkte gehen flöten? Selten hatte man einen so unsicheren Protagonisten in der Liga. Aber, das kommt davon, wenn man sich hemmungslos einem Investor zu Füßen wirft.

Sie geht also bald los. Eine weitere Saison. Wie es immer weiter gehen wird mit Rot-Weiss Essen. Der Kader steht, Herzlake wartet und wir Fans können nun auch Gin erwerben. Warum auch immer. Auf geht’s RWE, auch in 2021/22! Durch Regen und Wind, durch Sturm und Schnee, RWE ole´!

Kulinarische Körperintelligenz.

Der Niederrheinpokal und seine zweite Runde: Aus Rot-Weissem Selbstverständnis wohl eher eine Mischung aus Testspiel und Zahnwurzelbehandlung. Schließlich bedeutet die automatische Teilnahme am unterklassigen Pokal stets auch, nicht hochklassig zu spielen. Was ja an sich schon ein Affront ist. Leider jedoch wurde der Niederrheinpokal in der letzten Dekade zu unser täglich Brot. Potentielle Testspiel- oder früher eher belächelte Gegner wurden zu Pflichtspielgegner. Namenhafte Fußballstädte wurden bespielt, statt auf den VfL oder den MSV traf man dort leider „nur“ auf den 1.FC oder den HSC.

Bisweilen hatte man Gefühl, die Auslosungen erfolgten bestimmten Regularien, wie zum Beispiel dem Prinzip, dass sich erst alle Essener Vereine eliminieren, bevor es auswärts geht. Die Zuschauerzahlen hielten sich dabei stets in Grenzen; der „Szene“ war ein aktiver Besuch höchstens ab Halbfinale nebst namenhafter Gegner einen lautstarken Besuch wert. Manchmal aber,  ja manchmal bescherte uns dieser eher ungeliebte Wettbewerb auch epische Spiele. Epische Halbfinals wie gegen den MSV Duisburg und erfolgreiche Finalspiele gegen RWO und den WSV zum Beispiel. Somit auch ab und an ein Ticket für den wirklich wichtigen Pokalwettbewerb, für den wir uns eigentlich und von Haus aus gerne ständig qualifiziert wissen wollen.

Recherchiert man die letzte Dekade an Zweitrundengegnern, so kommt man einerseits zu der Erkenntnis, dass unser aller RWE stets weiterkommen konnte. Andererseits waren die Spiele auch von scheinbar so untergeordneter Bedeutung, so dass lediglich dass Spiel vom 09.10.2009 beim Hamminkelner SV insoweit aktenkundig ist, so dass neben dem Ergebnis von 4:0 für den RWE auch eine Zuschauerzahl von knapp 2.000 Fans ermittelt werden konnte.

Für die weiteren neun Zweitrundenspiele jener Dekade, egal ob in Rellinghausen, Twisteden, Kleve oder am Uhlenkrug zum Beispiel, ließen sich Zuschauerzahlen kaum ermitteln. Dafür bekommt man bei Eingabe der Partien Perlen der Internetrecherche zu lesen, wie zum Beispiel „Bürgerverein spendiert freies Planschen im Freibad Mirke“, „Bundeswahlleiter will Skandalseite stoppen“, „Bestes Schmerzmittel gegen Arthrose“ oder eben auch „Kulinarische Körperintelligenz“. Man ahnt: Suchmaschinen interessieren sich nicht wirklich für einen unterklassigen Pokalwettbewerb.

Heute Abend jedoch, da wird mal wieder alles anders. Da bekommt ein Zweitrundenspiel eines unterklassigen Pokalwettbewerbs eine Aufmerksamkeit, wie sie nicht einmal manch Zweitligaspiel vergönnt ist. Medial vielleicht, aber auf den Rängen sicher nicht. Es wird also doch richtig gelost und nicht zugeordnet, hätte es die Partie RWE – KFC Uerdingen ansonsten kaum zu diesem frühen Zeitpunkt gegeben.

Der Vorverkauf, er ist gut angelaufen und lässt auf eine gute Kulisse hoffen. Ob es wirklich fünfstellig werden wird, dass vermag, kurz nach Mitternacht, noch keiner zu sagen; definitiv jedoch wird es die größte Kulisse sein, die jemals einem Zweitrundenspiel im Niederrheinpokal beiwohnen wird. Und ebenso definitiv bewahrheitet sich aktuell, dass der RWE ein schlafender Zweitrundenriese ist. Aktuell könnte der RWE selbst gegen Eintracht Nordhorn spielen, und die Hafenstraße wäre gut gefüllt. Man hat wieder Lust auf den RWE! Mir doch egal, wer da kommt, aber ich will die Mannschaft sehen. Und heute kommt nicht einmal irgendwer, heute kommt mit dem KFC Uerdingen ein Drittligist.

Numerisch und auf dem Papier daher Außenseiter, kann man im Gegenzug aber mannschaftliche Geschlossenheit, Flutlicht, Hafenstraße und gewiTITZte Einwechselungen in die Pokalwaagschale werfen. Es wird ein spannender Abend anne Hafenstraße 97a. Es kribbelt grad so schön, wir sollten daher jede Minute mit unseren Rot-Weissen genießen.