Kategorie-Archiv: Finale

„Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel, man weiß, dass man nur Pokal bekommt“

Prolog:

Schon die Filmutter der allseits beliebten Filmfigur des Forrest Gump ahnte, dass Rot-Weiss Essen in der letzten Dekade seiner sportlichen Schaffensphase eher dem Niederrheinpokal, als der Liga zugetan ist. Hier nämlich fängt man erst einmal ganz gemütlich an: Auf kleinen Plätzen womöglich und weitestgehend unbeobachtet von der eigenen Anhängerschaft, um sich dann vorzuarbeiten zu emotionalen Halbfinal- und/oder Finalspielen mit großer Kapelle. In den letzten beiden Jahren dann gekrönt vom Pokalgewinn und Bonusprämie Erstrunde DFB Pokal.

Kapitel 1 – 1907:

„Bäääääm“ war auch im Lostopf für die Überschrift zu diesem Text, aber das wird nun einfach aus Gründen das Schlusswort. „Angst“ war eine weitere Option, denn ich muss gestehen, dass ich vor diesem Spiel eine gehörige Portion Anspannung, ja fast Angst verspürte. Und das seit Tagen. Angst um unseren Verein; Angst um die Zeit bis Saisonende, sollte das Spiel im Tal verloren werden. Kannte ich bis dato seit einiger Zeit nicht mehr so. Die Liga wurde zwar meistens frühzeitig abgeschenkt; die Reaktionen darauf schwankten wie immer vielfältig zwischen Meckern und Meckern. Doch es gab wenigstens die kleine Stecknadel Europapokal Niederrheinpokal im saisonalen Heuhaufen. Das Bonusgeschenk für klein gehaltene Regionalligisten; der Treuerabatt für die Fußballunterschicht. Der Pokal des Dorfpolizisten in den ersten, sowie der Pokal für Wasserwerfer, Hubschrauber und Hundertschaft in den letzten Runden.

Im aktuellen Wettbewerb jedoch war die Leichtigkeit auf einmal dahin: Der Pokal wurde unter anderem durch den plötzlich und unerwarteten Rückzug eines großen Sponsors zu einem Wettbewerb von fast existenzieller Bedeutung, um den Spielraum für die kommende Saison zu erweitern, bzw. gar zu halten. Und vielleicht kann auch schon dieses Halbfinale den Einzug in den DFB Pokal bedeuten, sofern der MSV die schwere Hürde RWO überspringt und zudem in der dritten Liga mindestens auf Platz vier einläuft. Alles fokussierte sich also auf das Halbfinale gegen den WSV. Zeitgleich jedoch eilte die Mannschaft in der Liga von Unentschieden zu Unentschieden; wurden Kaderstärke, Torquote und Zuschauerzahlen minimiert. Teure Strafzettel und ein Fanleben auf Bewährung sorgten ebenso für Sorgenfalten. Alles in allem also eine eher suboptimale Situation in den letzten Tagen und Wochen vor dem Pokalhalbfinale.

Blieb also die alles entscheidende Frage, wie die Mannschaft mit diesem Druck umgehen würde. Es heißt ja durchaus in selbsternannten Fachkreisen, dass zum Beispiel der (Aufstiegs-) Druck bei RWE regelmäßig die Beine der Spieler lähmt (um ab und an beim darauffolgenden Verein aufzublühen). Und dann gibt es ja noch diese ominösen letzten Minuten, in welchen der RWE in schöner Regelmäßigkeit noch ein Gegentor kassiert. Massiver Druck kam im Vorfeld natürlich auch aus Wuppertal. Ein Aufruf zum Beispiel von epochaler Qualität, der als peinlichster Aufruf aller Zeiten, seit es peinliche Aufrufe gibt, in die Geschichte eingehen wird. Die Rhetorik Freunde Wuppertal haben alles, aber auch wirklich alles gegeben (Mal ernsthaft: geht es wirklich nur noch mit stumpfer Beleidigung gegen alles und jeden? Hat dieses Internet uns alle so im gegenseitigen Respekt verrohen lassen? Es geht doch auch kreativ und mit Witz).

Wir spulen an dieser Stelle vor und erleben das Spiel auf holprigen Rasen. So empfand ich die Spielfläche. Es hat seine Zeit gedauert, bis nicht nur alle Essener Fans Einlass fanden, sondern auch die Spieler mit dem Untergrund klarkamen. Zu Beginn doch viele „Stockfehler“ auf beiden Seiten. Die erste Halbzeit insgesamt relativ Unentschieden, daher vielleicht auch das Halbzeitergebnis von Null zu Null. Die zweite Halbzeit begann mit dem Anpfiff und war gefühlt für den RWE in der 55. Minute vorbei, als der WSV zum 1:0 traf. Ein Schock, denn bislang waren die Wuppertaler eher so semigefährlich Richtung Essener Tor unterwegs. Gefühlt war da das Ding gegen uns gelaufen. Ich gestand mir diese negativste aller negativen Einstellungen zu. Ich musste mich für meinen Optimismus vor dem Spiel nun kasteien. Doch dann kamen die wilden sechziger zurück: Flowerpower am Zoo: Einundsechzigste der Ausgleich durch Benjamin Baier. Dreiundsechzigste die Führung durch (den vielgescholtenen) Timo Brauer und deren Ausbau in der neunundsechzigsten durch wiederum Benjamin Baier.

Mehr Treffer und Höhepunkte in den Sechzigern hatte wohl nur noch Keith Richards. Eine starke Vorstellung beider Mannschaften in jener zweiten Halbzeit, die sich zu einem echten und so oft vielzitierten „Pokalkrimi“ entwickelte. Ein Bundesligaspiel Wolfsburg gegen Ingolstadt kann nicht im Ansatz diese Emotionen und Atmosphäre auf die Ränge zaubern. Das ist und bleibt das Privileg der Fußballtradition. Wir haben kein Geld und kein Erfolg, aber wir haben uns! Stabil an diesem Abend einmal mehr die Abwehrreihe  um den mittlerweile langhaarigen langen Zeiger und den wiedergenesenen Windmüller. Selbst der Anschlusstreffer und die scheinbar nun in Beton gegossenen vier Minuten Nachspielzeit ließen hinten nichts anbrennen.

Bleibt die eine alles entscheidende Frage: Warum bringt man eine solche Leistung nicht auch in der Liga auf den Platz? Normalerweise gewinnt man in Wuppertal nicht. Seit Jahren nicht mehr.  Und dann auf einmal dieser Abend und diese Leistung. Zudem mit einem Minikader. Überragend übrigens, wie auch die Ersatzspieler am Spielgeschehen teilnahmen und die Tore bejubelten. Das gab ein tolles Gefühl, eine ganze Mannschaft anzufeuern. Einen Verein. Unseren Verein! Und dann wird auch noch der Betreuer zum Rastelli am Ball. Kannste Dir alles nicht ausdenken.

Abpfiff. Finale erreicht, witziges Banner präsentiert und der Mannschaft überreicht. So geht es doch auch. Und doch wird dieses Halbfinale unserem Verein erneut eine empfindliche Strafe bescheren, da gezündet wurde. Ach Mensch, man hätte doch auch mal den Bewährungsauflagen Folge leisten können. Nun hat vielleicht die Leidenschaft weniger zur Folge, dass die Leidenschaft vieler für ein Spiel verwehrt bleibt. Und doch: Warum muß eigentlich ein Verein die Strafe für etwas bezahlen, was er nicht zu verantworten hat? Wenn ich meinen Balkon abfackele, muss doch auch nicht die Stadt bezahlen! Hier muss einmal mehr miteinander gesprochen werden. Müssen Lösungen her. Bundesweit. Verbote stoßen auf taube Ohren, bringen nichts. Warum nicht doch in Maßen legalisieren? Wie auch immer geartet. Aktuell aber gilt: Die Zeche darf einmal mehr der RWE bezahlen, und das ist in Anbetracht der aktuellen Finanzlage bitter. Trotzdem haben alle Fans zusammen ihren RWE unentwegt angefeuert. Ihr für uns und wir für Euch.

Epilog:

Schlichtweg fertig nach Abpfiff, gar nicht mehr zur wirklichen Freude fähig. Sondern nur das ausmalend, was uns zum Glück erspart geblieben ist: Das Szenario der nächsten Tage im Falle einer Niederlage. Es ist nicht dazu gekommen. Hurra wir leben noch. Und nun gucken wir mal ganz entspannt, wer der Gegner im Finale sein wird. Wird es der MSV, kann es ein rauschendes, weil befreites Finale werden. Wird es RWO, bedeutet das ein Existenzendspiel für beide Vereine um den Lostopf DFB Pokal. Es bleibt spannend. Danke Jungs, speziell in der zweiten Halbzeit war es ein klasse Spiel von Euch. Bitte mehr davon.

Bäääääm!

Love over Gold

Keine Angst, dieser Titel hat grundsätzlich in keinster Weise etwas mit dem RWE zu tun und auch der „Pilcher Faktor“ steht hier nicht Pate. Ich höre gerade Dire Straits und suchte verzweifelt einen Titel. Das ist alles. Und doch kann der Titel ja ansatzweise mit dem vergangenen Wochenende in Verbindung gebracht werden: Rot-Weiss Essen hat Gold geholt und wird fast mit Liebe überschüttet. Aber auch wirklich nur fast. Eigentlich ist der Pokalgewinn nicht einmal ein professioneller Verband für die erlittene Saisonwunde, sondern höchstens ein laienhaftes Sprühpflaster.

Wahrscheinlich rauchen immer noch die Fanköpfe, wie unsere Mannschaft es geschafft hat, einen Gegner so zu dominieren. Und das, obwohl der Tupperwaler SV aufgrund seiner Aufstiegseuphorie doch mindestens gleichwertig, wenn nicht sogar als leicht favorisiert galt. Dass nun Daniel Grebe nicht wieder im Einkaufswagen nächtigen durfte: Er wird es verkraften. Und wenn nicht, muss uns das egal sein, denn der 1€ Express machte wieder an der Hafenstraße halt: Titelverteidiger und somit das eine Spiel im kommenden DFB Pokal nebst „Bonizahlung“ gesichert. Meine Wunschgegner: die Eisernen aus Berlin oder der VfL Bochum. Aber noch kurz zurück zum Spiel: Ist das schon die berühmte Handschrift eines Trainers? Oder doch der Druckausgleich einer Mannschaft mit durchaus kompetenten Fußballern, aller Abstiegssorgen entledigt? Man weiss es nicht. Sven Demandt wirkt übrigens für mich auf den ersten Blick nun auch nicht wie ein asketischer Trainer Marke Tuchel; sondern könnte durchaus einem Schimanski Tatort früherer Jahre entsprungen sein.

Das Abseitstor war kein Abseits und zweimal war auch Glück mit im Spiel, dass der WSV seinerseits nicht ein Tor bejubeln konnte. Fußball mit all seinen Facetten eben. Das drumherum passte einmal mehr. Natürlich wird der latent geäußerte Vorwurf, der RWE hätte an diesem Samstag einen Heimvorteil gehabt, nicht von der Hand zu weisen sein. Diese Kritik bitte aber unverzüglich und direkt an den Verband weiterleiten, der die ganze Organisation schlicht dem RWE überlassen hat. Wir wollten kein Heimspiel, sondern hätten den Pokal auch im Tal geholt!  Unserem Schnapper sollte man derweil ab sofort bei jedem Spiel mit auf dem Weg geben, dass er sich in einem  Pokalfinale befindet!  Jedes Spiel eine solch souveräne und sichere Leistung, und jegliche Torwartdiskussion wäre bis auf weiteres überflüssig. Da der Wuppertaler SV an diesem Tag Lieferando spielte, und Essen kommen ließ, ergaben sich immer wieder Chancen für unser ehemals glorreiches Emblem.

Dreimal wurden die Chancen letztendlich genutzt. Zwei Torschützen zeichneten dafür verantwortlich: Moritz Fritz und „The one and only“ Leon Binder bekamen das Runde in das Eckige. Leon Binder zudem mit einem „Strahl“. Wer nicht genau weiss, was nun ein Strahl ist, der möge sich nicht grämen: Bis vor einiger Zeit kannten wir auch noch kein „durchgesteckt“. Leon Binder hat einfach einmal auf das Tor draufgehalten und den Ball schlicht in die Maschen gedonnert. Soweit die Definition zu „Strahl“. So einen Strahl durfte ich übrigens schon 1979 als Jugendspieler bei Vorwärts Nordhorn erleben: Ich stand positionsgetreu als rechter Verteidiger irgendwo links und drehte mich Richtung eigener Torwart um, als dieser sich zu seinem Abschlag bereit machte. Er schlug also ab, der Strahl traf mich genau auf die Zwölf und ließ mich fallen wie die berühmte Eiche. Die Folge: Kein strahlen vor Freude. Das aber auch nur am Rande.

Heute sind wir schlauer und wissen, dass nun beide Torschützen unseren Verein verlassen werden. Bei Moritz Fritz wussten wir es schon etwas länger; im Falle von Leon Binder hingegen kam die Bestätigung erst nach dem Finaltag. Leon Binder war natürlich eine dieser Spielertypen, den die Hafenstraße menschlich und vom Einsatz her dringend benötigte. Es wird endlich wieder Zeit für Identifikation; der vielen Namen sind wir alle mehr als überdrüssig. Heute wurden die ersten Abgänge bekanntgegeben und wir alle so: „Wer?“  Und doch haben Verein und Spieler alles richtig gemacht: Leon Binder muß an seine Zukunft denken und hat anderswo einen Dreijahresvertrag angeboten bekommen, den er an der Hafenstraße aktuell kaum bekommen hätte. Danke Leon!

Wir halten also fest: Auch der RWE 2015/16 kann durchaus und erfolgreich Fußball spielen. Ungewohnt beides. Die vergangene Saison war schon eine denkbar schlechte. So viel schlechter Fußball in diesen wunderbaren Trikots. So viel gegen- statt miteinander. Auf so vielen Ebenen. Und dann kommt dieses Finale des kleinen Mannes. Ruhrpott statt Ronaldo. Volles Stadion und eine „Tapete“, die mich dankbar und ermutigt zugleich stimmt. Sprachlos macht. Diese aktuell zu Ende gegangene Saison hat uns alle an den Abgrund geführt und doch gerade noch davor bewahrt. Nun sollte viel geredet werden im Hause Niederrheinpokalsieger 2016. Es geht nur miteinander.

Und die Playlist wurde auch geändert: Nun gibt es Iron Maiden mit „Run to the Hills“

 

 

 

 

 

 

 

Ein Double winkt verschüchtert aus der Saisonecke.

Alles wird teurer. Benzin, Milch, das Stadion Essen; natürlich auch Energie. Vieles lässt sich erklären, manches stößt gemeinhin auf taube Ohren, und in punkto Stadion sind wir dann einfach mal sprachlos. Das aber nur am Rande. In einigen Stunden ist nämlich Pokal. Das Finale! Der „wo ihr Ziel nicht erreicht haben“ Pokal, besser bekannt auch als „Niederrhein Pokal“ wird ausgespielt. Dem Gewinner winken einige Euros für die Vereinskasse und das DFB Pokal Finale der kommenden Saison in Berlin. Die Kostenfalle namens Stadion Essen ist gut gefüllt, es gibt Stauder statt Hugo und pfeifen keine Spatzen von den Dächern, sondern singen Fans auf den Tribünen.

Dann noch zwei Spiele gegen Zweitvertretungen und eine weitere Saison ist geschafft. Die war richtig gut. Hat Spaß gemacht. Sind wir doch bereits Zwiebelpokalsieger und können heute das Double perfekt machen. Scherz beiseite: Es kann nur besser werden. Und es wird auch besser. Ob wir das allerdings noch erleben dürfen, das weiss natürlich keiner so genau. In diesem Sinne: Nur der RWE!