Monatsarchive: Mai 2012

Abschiedsbrief

Wr sind im Europapokal dabei, werden Deutscher Meister, und doch konnte sich nicht nur auf des Szenario rund um das allerletzte Pflichtspiel im Georg Melches Stadion konzentriert werden: Drei Spieler des Vereines sollen Wetten gegen die eigene Mannschaft platziert haben. Ich wiederhole: gegen die eigene Mannschaft, gegen den eigenen Verein und Arbeitgeber. 
Diese menschliche Enttäuschung hinnehmend, verweise ich nur auf die prompte Reaktion durch den Verein und diesen Artikel. „Wir sind Essener und Ihr nicht“, schallte es zudem von den Tribünen. Würde Georg Melches noch unter uns weilen, er hätte ihnen seinen Hut um die Ohren gehauen und nach Gelsenkirchen gejagt. 
Im Anschluß daran erfolgte, wie am letzten Spieltag üblich, die Verabschiedung derer, die den Verein verlassen werden. Speziell im Falle von Kapitän Timo Brauer bewies das Essener Publikum mal wieder sein einzigartiges Gespür für geleistetes und den Umgang damit. Timo Brauer war einer der großen Hoffnungsträger für die Fans des RWE und sollte der „Lumpi“ von der Hafenstrasse werden. Der Fußball und sein Konjunktiv: Timo Brauer wechselt zur kommenden Saison nach Aachen zur dortigen finanzstarken Alemannia. Und somit zurück zum Gefühl Hafenstraße: Timo Brauer wurde nicht ausgepfiffen, sondern für seine Leistungen mit stehenden Ovationen gefeiert sowie lautstarken Sprechchören bedacht. Dann einige Sekunden Pause….und ein donnerndes „Sch…. Alemannia“ ertönte. Thema erledigt, Meinung gesagt. 
Jetzt aber, jetzt konnte es endlich losgehen mit diesem allerletzten Pflichtspiel im Georg Melches Stadion. Und wie es begann: Die Ultras Essen haben nicht nur 9000€ Materialkosten, sondern unzählige Arbeitsstunden investiert, um die geliebte alte Kabachel gebührend zu verabschieden: Die „Haupt“ wedelte in rot und weiss, über den Resten der „Nord“ wachte Georg Melches und die komplette „Ost“ verschwand unter einer gigantischen Bildergeschichte, welche die Höhepunkte dieses Stadions erzählte. „Adiole“ ertönte, die Mannschaften liefen auf und die Tränen herunter. Unglaublich. Ein emotionaler Moment. 
Einer, welches das beginnende Spiel komplett zur Nebensache werden lässt und mir die mitleidigen Blicke der im Schatten verweilenden Staatsmacht einbrachte. Im Schatten der Tribüne schluchzte im Schatten selbiger. Peinlich. Aber ehrlich. Und daher auch wieder nicht peinlich. 
Es war eigentlich ein recht flottes Spiel, und die Stimmung tat ihr übriges dazu. Trotzdem war ich während der neunzig Spielminuten etwas enttäuscht. Bin ich, der zugereiste nun trauriger als diejenigen, welche schon vierzig Jahre und mehr in dieses Stadion pilgern? Womöglich nicht, denn gab es ja noch den Sonntag, einen „Kick der Legenden“ und somit das endgültige Ende. Ab Montag wird zurückgebaut. Und wahrscheinlich kommt der wirkliche Schock erst mit der Abrissbirne. 
Das Spielende nahte, und somit auch der letzte offizielle Abpfiff. Die Haupttribüne erhob sich und wähnte sich einmal mehr zwischen Ruhr und Elbe. Nach dann erfolgtem Abpfiff wollte eine minimale Minderheit noch etwas Aufmerksamkeit und bekam prompt die Antwort von den Tribünen. Welcher Teil von „Nein“ da wieder nicht verstanden wurde, kann jeder einzelne nur für sich selbst beantworten. 
Die Tribünen leerten sich folgerichtig langsamer als sonst. Überall saßen oder standen sie. In Gedanken sicher viele,viele Spiele vor dem geistigen Auge nun noch einmal erlebend. Oder gingen noch einmal in Richtung alte Westkurve, um von dort noch einmal einen Blick auf das Spielfeld zu werfen. Immer aber auch den Blick in das neue Stadion werfend, denn da liegt nun die Zukunft unseres Vereines. 
Ich glaube fest daran, es wird eine Gute. Und, was vielleicht der wichtigste Fakt überhaupt ist: Rot Weiss Essen spielt weiter an der Hafenstraße. Danke Georg Melches Stadion. Danke, daß Du ein Teil von mir geworden bist. Du wirst mir fehlen. Aber, ich werde Dich in Erinnerung behalten, so wie auch ein Freund oder eine große Liebe immer in der Erinnerung und somit Teil seiner selbst bleiben wird. 
Das Spiel gegen den SC Fortuna Köln endete übrigens 1: 1 unentschieden.

Trennungsschmerz

Trennungen laufen fast immer nach bestimmten Mustern ab: Ein Partner trennt sich, und der oder die andere bleibt verzweifelt zurück, oder auch nicht; Beide trennen sich einvernehmlich, sagen lebewohl und das war es dann; Und machmal wird sich getrennt, und der oder die neue steht schon vor der Tür. Das ist dann die fieseste Variante aller Trennungsszenarien. Es sei denn, man ist ein abgetakeltes Stadion! 
Das Georg Melches Stadion also trennt sich nach 86 Jahren von seinem Publikum, seinem Verein und hat seinen Nachfolger schon seit Monaten fest im Blick, da direkt vor der Tür stehend!. Jenes neue Stadion Essen buhlt nun seinerseits seit Monaten um die Gunst des bisherigen Partners und möchte aus einer Vernunftbeziehung eines Tages Liebe werden lassen. Dafür macht es sich von Tag zu Tag noch etwas hübscher zurecht. 
Aber Das Georg Melches Stadion, es zieht noch einmal alle Register und entlässt seinen Partner nicht so einfach in die Arme seines Nachfolgers. Hat der olle Sack GMS doch einfach noch mal die weltbekannten Paartherapeuten vom SV Hönnepel – Niedermörmter um Hilfe gebeten. Diese kamen der Aufforderung gerne nach, die Trennung noch etwas hinauszuzögern und beraten beide trennungswilligen Partner nun am kommenden Mittwoch ab 19.30 Uhr im Rahmen des Niederrhein Pokalfinales. Die Spieler des SV Hönnepel – Niedermörmter können ihr Glück wahrscheinlich immer noch nicht fassen, überhaupt einmal in diesem Stadion auflaufen zu dürfen. 
Am darauffolgenden Samstag aber, dann ist es endgültig vorbei mit dieser so hochemotionalen Beziehung. Aber, man trennt sich ja im Guten, wusste schon länger, daß es so nicht mehr weitergehen kann. Nach 86 gemeinsamen Jahren darf man aber auch loslassen und in Würde gehen. Ich bin mir sicher, die Verabschiedung wird unvergesslich werden. Wer also viele Menschen zeitgleich weinen sehen möchte, der sollte sich am 19. Mai in der Nähe der Hafenstrasse 97a aufhalten

Europapokal

Oder die Aufrechterhaltung der Option auf ein weiteres 100.000 Euro Spiel. Ein Spiel also nur noch, welches darüber entscheiden wird, ob der RWE auch in der nächsten Saison zur Pokalhymne in das dann neue Stadion einlaufen darf . 
Soweit sind wir aber noch nicht, bleiben wir also zunächst in Uerdingen, in der dortigen Grotenburg. Zeitgleich mit den Zugfahrern aus Essen angekommen, galt es primär noch folgende Frage zu klären: Wie um alles in der Welt, schaffen es einige wenige, sich auf dieser kurzen Fahrt in einen Zustand zu versetzen, so daß das Stadion nur noch schwankend, pöbelnd und lallend betreten werden kann? Der zufällig danebenstehende sollte nicht das Recht auf ganze Sätze in Anspruch nehmen. 
Den RWE dieser Tage in ein großes Stadion zu begleiten bedeutet meistens ein Spiel gegen eine Zweitvertretung nebst entsprechendem Ambiente. Recht sterile Neubauten zudem noch. Die Krefelder Grotenburg dagegen ist hässlich. Und genau darin liegt sie, die Schönheit dieses Stadions. Wenn dann noch das Flutlicht eingeschaltet ist, dann vermag der Betrachter einfach an einem Wellenbrecher innezuhalten und sieht speziell diese eine Partie wieder vor seinem geistigen Auge ablaufen. 
6201 Fans wurden letztendlich Zeuge dieser Halbfinalpaarung im Europapokal. Und die waren laut, sehr laut! Wenn 6.000 Fans beider Lager ihre Lieder singen, dann kommt de facto mehr Stimmung und Fußballatmosphäre auf, als vielleicht bei manch Bundesligisten mit kleinem Stimmungskern und zu großen VIP Bereichen. Das war ganz großes Kino aus beiden Fanlagern! Die Rotterdamer waren übrigens nicht vor Ort… und die 700 (!) Polizisten und ein Hubschrauber (!) weitestgehend beschäftigungslos. 
Dieser Apparat erschwerte etwas den komplett verklärten Blick auf den Fußball der 80ziger. Müßig zu erwähnen, daß es noch gewitterte und regnete. Extra für die Stehplatzbesucher in der Kurve natürlich. Das Spiel passte sich dem Ambiente an und wurde ein spannendes, bisweilen rassiges (was heißt das eigentlich ?) Pokalspiel. Die Ligenzugehörigkeit ist mit Anpfiff stets Makulatur. An diesem Abend war Europapokal! Mit zwei Toren ging der RWE in Führung, doch hatte auch nach dem zweiten Tor der erfahrene Betrachter nicht das Gefühl: Das war es! Zum einen kennen wir den RWE und zum anderen war der Einsatz der Uerdinger im Spiel des Jahres (Der Fußball und seine Floskeln) von der berühmten unbändigen Natur geprägt. Lohn der Mühen: Zwei Tore und somit der Ausgleich. 
Und an dieser Stelle folgt nun das Geständnis: Ich bin gegangen und habe somit auch meine wunderbare „Abendbegleitung“ um die Verlängerung und ein denkwürdiges Elfmeterschiessen gebracht. (Manchmal dauert ein Spiel halt nicht 90 Minuten oder länger, manchmal folgt man auch der inneren Spieldauer. Und die war an diesem Tag schon in der Nachspielzeit). 
Dennis Lamczyk war also nun im Elfmeterschiessen besonders gefragt und konnte Akzente setzen, die vielleicht für eine Vertragsverlängerung sprechen könnten. Die Antwort war eindrucksvoll: Nach ein bis zwei kleinen Unsicherheiten im Spielverlauf wurden mal eben alle drei Elfmeter gehalten und der Pokalheld ward geboren. Chapeau, Herr Lamczyk. Da die rot weissen Kicker ihrerseits alle Elfmeter verwandelten, glich die eine Seite des Stadions nun einem Tollhaus und das Finale gesichert. Diese Informationen erreichten mich noch auf der Autobahn und ließen den Heimweg entspannter angehen. 

Rot Weiss Essen steht somit 2012 im Europapokal Finale. Wer hätte das jemals erwartet ?