Monatsarchive: November 2015

Krayschen

Wir schreiben das Jahr 2015 und stehen kurz vor Weihnachten. Das Fest der Liebe steht an. Was die Welt gerade nicht wirklich interessiert. Alle gegen alle mal wieder! Und auch unser kleiner Kuschelverein vonne Hafenstraße bemüht sich mal wieder redlich um unser aller Blutdruck. Das Stadtduell gegen den Stadtteilverein FC Kray wurde wenigstens nicht verloren. Nach den zwei Pleiten der Vorsaison könnte man ja fast von einer Leistungssteigerung sprechen. Aber weit gefehlt: Der FC Kray ist in der Tabelle noch schlechter als unser RWE. Es war nicht mal mehr ein Spiel im Niemandsland der Tabelle, sondern ein Spiel gegen den Abstieg.

Kalt war es zudem. Saukalt. Rückstand – Ausgleich. Abpfiff! Kein Dreier also. Das können wir ja nur im Verbandspokal. Dann nämlich, wenn es keine Punkte zu verteilen gibt, sondern nur das nackte Weiterkommen zählt. Dann können uns die aktuellen Spieler gelegentlich sogar mal vermitteln, eine Mannschaft zu sein. Im Ligabetrieb der Saison 2015/16 ist die Truppe jedoch alles, nur keine Mannschaft. Und dann regen wir uns auf. Und wie wir uns aufregen. Da fliegen die Emotionen; geht die Herzkurve rauf und runter wie ein EKG Schreiber im Testlabor. Nervlich steht der RWE Fan mal wieder mit dem Rücken zur Wand. Keine Besserung in Sicht.

Die Spieler können es ja, aber man sieht davon nicht wirklich viel. Einer schon weg, ein anderer schlurft dermaßen lustlos durch die Gegend, so dass man fast vergessen könnte, in ihm einen Hoffnungsträger gesehen zu haben. Vielleicht wäre Alpecin  doch die bessere Lösung gewesen. Hier hilft keine Aussprache mehr, sondern nur Ansprache. Kein Meet & greet, sondern sieh zu, dass Du Deinen Job erledigst! Hier bedarf es einen wie Oliver Kahn, der seinen lethargischen Mitspielern zur Not was von Eiern erzählt oder von mir aus auch herzlich zubeisst. Hauptsache sie erinnern sich dann ihres Arbeitgebers und finden wieder in die Spur.

Allerdings sehe ich bei der aktuellen Mannschaft leider wirklich schwarz. Die große Chance ist endlich gekommen, diese Liga zu verlassen. Wenn auch in andere Richtung als stets geplant und erhofft. Aber, man muss die Dinge auch immer positiv sehen: Wir waren ja schon einmal in der Fünftklassigkeit. Froh, noch zu existieren! Und das, obwohl wir eigentlich nichts mehr hatten. Geld weg, Stadion fast weg. Aber wir hatten etwas, was im Fußball von entscheidender Bedeutung ist: Eine Mannschaft! Wir Fans haben einer Mannschaft zugejubelt, die für uns Dreck gefressen hat. Und wir für sie. Und so sind wir zusammen aufgestiegen!

Wenn wir jetzt absteigen sollten, dann getrennt voneinander. Oder wir raufen uns zusammen, halten die Klasse und überlegen uns dann, zusammen mal ganz von vorne anzufangen. Und als äusseres Zeichen wünsche ich mir einen RWE, der ganz in schwarzen Schuhen aufläuft. Scheiß auf den Modekram: Im Fußball zählen nur Punkte, und sonst nichts. Stollen statt Gel. Nur der RWE! Ich rege mich wirklich auf. Aber sowas von!

Wer ist Kaschollek und warum nur musste er auch noch singen?

Eine Überschrift wie eine Verschwörungstheorie. Ein Name wie ein Donnerhall. Die Rede ist von Dietmar „Scholle“ Kaschollek. Scheinbar gebürtig in Unna, möglicherweise geboren am 14. November 1954. In Unna. Eventuell! Warum aber all diese Konjunktive? Laut dieser Beschreibung soll „Scholle“ auch für den großartigen Verein von der Hafenstraße Fußball gespielt haben. Sechs Spiele soll Scholle torlos für Rot-Weiss Essen absolviert haben. Aber nichts genaues weiß man eben nicht.

Für eine zweite Chance, die erste hat er ja laut dem Bericht angeblich vermasselt, auch keine wirklich gute Bilanz; sofern sie denn zutrifft. „Scholle“ zudem ein Original, Sprücheklopfer und einer, der die Schuld stets bei Mit- und Gegenspieler zu suchen pflegte. Möglicherweise. Ach, und hitzköpfig soll er auch noch sein. Wenigstens steht nicht geschrieben, dass er für Niederlagen die Unparteiischen verantwortlich gemacht hat. Vielleicht wusste er aber, wo deren Auto steht. Angeblich hat er ja auch einen Rot-Weissen Teamkollegen in Richtung Dortmund zur dortigen Borussia vertrieben. Was für ein Typ, der Kaschollek!

Ein wahrer Absteiger noch dazu. Mit dem RWE sportlich am Ende der Saison 1976/77 aus der Fußball Bundesliga. Steht da geschrieben. Und doch scheint es sich bei Scholle um ein Phantom zu handeln, denn ein Spieler namens Dietmar Kaschollek ist nirgendwo zu finden. Im Kader der Saison 1976/77 finden sich ein Roland Spott, ein Eberhard Strauch und ein Hans Krostina. Um einmal die bekanntesten Spieler von Rot-Weiss jener Saison dagegenzuhalten. Und auch ein Flemming Lund stand im Kader. Wenigstens er müsste doch wissen, was es wirklich mit Scholle auf sich hatte, denn Dänen lügen nicht.

Sind wir also einer Satire aufgesessen? Und warum nur wurde Scholle möglicherweise bei den BVB Fans zur Persona non grata erklärt? Was hat er getan? Ein Fall für Aktenzeichen XY. Für sachdienliche Hinweise sind wir also sehr dankbar, auch wenn wir nicht mehr zu Peter Nidetzky nach Wien schalten können, da in Pension. Und wenn uns Scholle allein nicht schon suspekt genug erscheint: Er hat uns noch ein musikalisches Erbe hinterlassen! „11 Freunde musst Du sein“. Der Titel allein schon ein solcher Affront an den Mannschaftssport Fußball, da drehen sich Sepp Herberger und Sammy Drechsel im Grabe um. Das Lied als solches vorgetragen mit einer Leidenschaft und Klangfarbe irgendwo zwischen einem Pastor am Ende einer zu langen Predigt und einem Schalke Spiel. Man versteht halt nicht viel. Dieses Erbe möchte man eigentlich nicht antreten. Und ist doch voller Geheimnisse.

Wer also hat Dietmar Kalloschek erfunden? Wer weiss etwas? So schreibt uns bitte!

Was ist nur aus dieser Welt geworden!

Der RWE hat wieder verloren. Einige im Stadion haben zudem unser aller Respekt verloren, indem sie nach einer bewegenden Ansprache im Vorfeld der Begegnung Pyro gezündet und Böller geworfen haben. Hättet Ihr diese Scheisse nicht einmal sein lassen können? Nur ein einziges Mal und verdammt noch mal heute? Es gibt keinen Blog mehr zur sportlichen Misere unseres Vereins. Ich mag nicht mehr. Daher nur so viel: Wir stecken mitten im Abstiegskampf! Die erste Halbzeit komplett verschlafen, die zweite dagegen überlegen gestaltet, einen Elfmeter versagt bekommen. Aber, ist ein Elfmeter ausgerechnet bei Rot-Weiss Essen gleich ein Treffer? Mitnichten.

Zwei Punkte nur noch auf den ersten Abstiegsplatz. Zudem ein Spieler Soukou, der scheinbar unsere nächste Baustelle sein wird, anstatt endlich zu liefern. Er, den wir in Zeiten seiner Sperre immer moralisch unterstützt haben wirkt lustlos. Der November ist diesmal ein besonders trister an der Hafenstraße. Ein besonders trister für all das, wofür wir leben. Aber, einem Rot-Weissen können wir heute wenigstens noch etwas Gutes tun: Happo, seines Zeichens wundervoller Präses der noch wundervolleren Uralt Ultras liegt im Krankenhaus. Happo, wir wünschen Dir gute Besserung. Und das Dir Dein feiner Humor ein treuer Begleiter auf dem Wege der Genesung sein wird.

http://video.sport1.de/video/bewegende-worte-gegen-den-terror__0_ap6d0r1i

Auflagenmeister & Zwangsabstiegsweltbester

Es ist nicht das, woran Sie jetzt denken: Rot-Weiss Essen hat natürlich kein Problem mit bewusstseinserweiternden Substanzen und musste diesbezüglich desöfteren einen Entzug antreten. Rot-Weiss Essen hatte seit dem Ende der Ära Georg Melches und irgendwie auch mit Inbetriebnahme der Haupttribüne stets ein monetäres Problem. Spielerverkäufe stopften immer mal wieder die dringendsten Löcher, zumeist auf Kosten des sportlichen Erfolges.

Der Rote Kontostand zog sich wie ein roter Faden durch viele Jahre der Roten. Alles immer ganz eng auf Kante gestrickt. Und dann kam es öfter als bei anderen Vereinen so, wie es unweigerlich kommen musste (Ich habe mich nun nicht durch die Lizenzhistorie alle anderen Vereine gearbeitet; ich behaupte das jetzt einfach mal so)! Als Verein kannst Du eigentlich nur auf drei Arten absteigen oder während einer laufenden Saison um sportlich erkämpfte Punkte gebracht werden:

1.Du steigst sportlich ab. 2. Schalke manipuliert mal wieder alles und jeden und 3. Der DFB entzieht Dir die Lizenz oder manch wichtigen Punkt. Oder abwechselnd Punkt und Lizenz im Paket. Obendrauf dann noch den Abstieg als Extraprämie. Und natürlich gibt Dir der Deutsche Fußball Bund dann für die darauffolgende Saison auch noch mehr Auflagen mit, als jede Hotelkette auf Mallorca in ihrem Bestand hat.

Soweit also die Szenarien, die Rot-Weiss Essen als treu ergebenes Verbandsmitglied immer mal wieder in Anspruch genommen hat. Seit den achtziger Jahren haben wir uns den Entzugsmeistertitel mit folgenden Leistungen redlich verdient. Aus Platzgründen nachfolgend lediglich die wichtigsten „Titel“ der Zeitleiste. Denn eigentlich sind alle Monate davor und auch danach geprägt von wirtschaftlichem Überlebenskampf. Es ging gelegentlich auf der imaginären Uhr bis kurz vor Zwölf, so dass bangende Fans immer mal Kerzen als Symbol der Hoffnung am Georg Melches Stadion anzündeten. Es heisst wohl nicht umsonst auch „Gott schütze Rot-Weiss Essen“. Eigentlich war es eher stets Viertel nach!

Wirtschaftliche Probleme in der Saison 1983/84 zwangen den Verein dazu, den Essener Jungen und  Borbecker Kobra Jürgen Wegmann an den Reviernachbarn Borussia Dortmund abzugeben. Was aufgrund seiner Torquote dem sportlichen Tafelsilber gleichkam. Die Saison 1990/91 brachte dann endlich den Lizenzentzug. Lange genug hatte man schließlich darauf hingearbeitet. Zudem brachte der Verstoß gegen die Lizenzbedingungen auch gleich einen Zwangsabstieg mit sich.

Wieder über den grünen Rasen sportlich hochgearbeitet; zudem einmal verdient die nördlichen Nachbarn im DFB Pokal ausgekontert, folgte schon 1993/94 der nächste Lizenzentzug inklusive Zwangsabstieg. Diesmal wurden die Lizenzunterlagen gefälscht. Nach dem Motto „Nimm 3 für 2“ gab es noch obendrauf, dass alle Spiele der Saison nur für den Gegner gewertet wurden. Dem RWE selbst waren keine Punkte mehr vergönnt. Und doch schafften es die Mannen um Jürgen Röber bis in das unvergessene DFB Pokalfinale am 14.Mai 1994 in Berlin und wurden gegen Werder Bremen von allen gefeiert. Nicht gefeiert hingegen der DFB. Zu hart die damalige Entscheidung gegen einen Verein, der schon zu Saisonbeginn mit schwerem Auflagengepäck bedacht wurde. Aber auch diese Phase überstand der Verein. Nicht zuletzt einfach nur durch die unglaubliche Treue seiner Fans.

Als nächstes folgte die Phase Kinowelt, die dem RWE keine Blockbuster, sehr wohl aber fast die Insolvenz einbrachte. Auch hier wieder ein monatelanger Kampf gegen das Aus unseres Vereins. Kerzen. Es dauerte bis kurz nach der Jahrtausendwende, als auch der DFB endlich wieder sein gütiges und wachsames Auge auf sein schwarzes Schaf Rot-Weiss Essen warf. Verstoß gegen die Lizenzauflagen für die Saison 2001/02 heuer der Vorwurf und schwups, war wieder mal ein Punkt weg. Danach pendelte es sich sportlich zwischen zweiter Bundesliga und Drittklassigkeit, bis das Lübeck Desaster und der damit verbundene Absturz in die Viertklassigkeit das klamme Finanzkartenhaus erneut zusammenkrachen liess.

Man schleppte sich bis 2010 durch, doch dann war Schluss: Rot-Weiss Essen drohte wieder mal der Lizenzentzug. Da auch die Stadt Essen eine erforderliche Liquiditätsreserve nicht zur Verfügung stellen konnte oder wollte; musste die Vereinsführung einen Antrag beim DFB auf Auszahlung einer Bürgschaft in Höhe von 2,7 Millionen Euro stellen. Gerade dort. Aber auch der DFB verweigerte sich und der RWE konnte diese Summe natürlich auch nicht aufbringen. Da konnten selbst Willi Lippens und Manni Burgmüller in teilweise an Übersprungshandlungen erinnernde Spendenläufe nicht retten, was nicht mehr zu retten war. Es blieb keine Alternative mehr: Der Vorstand von Rot-Weiss Essen meldete Anfang Juni 2010 Insolvenz an. Und keiner wusste in den darauffolgenden Tagen und Wochen, ob unser geliebter Verein überlebt, oder sogar aus dem Vereinsregster gelöscht wird. Verzweiflung, Wut und Trauer bei den Fans, denen der Verlust eines großen Stück Lebens drohte.

Nun wissen wir heute, dass es nicht dazu kam, sondern der Insolvenz ein weiterer Zwangsabstieg folgte und damit die Nordrhein Westfalen Liga das neue sportliche Zuhause sein sollte. Fünfte Klasse, aber überlebt. Es soll das Finanzgebaren so vieler Jahre an der Hafenstraße nicht entschuldigen, aber auch der DFB sollte und muß sich in seinem Strafenkatalog durchaus hinterfragen lassen, ob er nicht manches Mal mit zweierlei Maß misst. Andere Vereine türmen derart hohe Schuldenberge auf, so dass die Titanic unter der Last auch schon vor dem Eisberg untergegangen wäre, und manch kleinem Verein ohne Lobby wird hingegen schon mal recht schnell der Lappen entzogen. Aber wir möchten den weltgrössten Verband auch nicht mit unseren vergangenen Vereinsbefindlichkeiten nerven, dort hat man dieser Tage genug mit sich selbst zu kämpfen. Wie heisst es doch so schön im Volksmund: „Unter jedem Dach ist auch ein Ach!“