Monatsarchive: Oktober 2015

Abstiegskampf

Ich gehe einfach davon aus, dass kein Vertragsspieler von Rot-Weiss Essen gerne verliert. Und ich gehe weiter davon aus, dass ein jeder Vertragsspieler von Rot-Weiss Essen bereit ist, alles für seinen Arbeitgeber zu geben. Denn dieser finanziert seinen Lebensunterhalt und könnte Sprungbrett sein für höhere sportliche Weihen oder andere interessante Angebote. Also unterstelle ich keinem Spieler Absicht und schon gar nicht würde ich mir anmaßen, nun wüste Beleidigungen in Richtung Spieler oder sportlicher Leitung loszulassen. Es bringt nichts. Rein gar nichts!

Die heutige Niederlage bei einer durchaus bezwingbaren Alemannia aus Aachen bringt uns aber etwas ganz anderes: Seit heute Nachmittag steckt die sportliche Leitung und Mannschaft von Rot-Weiss Essen mitten im Abstiegskampf. Und zwar schon ziemlich tief. Es ist mir deshalb wichtig, dass zu betonen und explizit darauf hinzuweisen, da es schon viele Mannschaften in der Historie des Fußballs gab, die bis kurz vor Saisonende ziemlich lässig mit dem Abstiegskampf umgegangen sind, um dann scheinbar plötzlich und unerwartet doch abzusteigen.

Also nach oben haben wir ja nun Geduld und sind ja bereit, einen Weg mitzugehen, der etwas länger dauern könnte, bis er sportliche Früchte trägt. Aber der Weg noch tiefer ist definitiv keine Option und den gilt es mit Wille, Einsatz und vor allem harter Arbeit zu vermeiden. Und wer dazu nicht bereit ist, oder nicht Willens, Teil einer Mannschaft zu sein, die für sich und den Verein Rot-Weiss Essen alles gibt, der darf gerne gehen. Mag hart klingen, ist aber der einzige Weg, um Rot-Weiss Essen auf eine Einheit zu reduzieren. Gerne auch auf den Rängen. Wir können ja nun nicht einfach die Saison beenden, aber manchmal wünschte man sich diese Option, um schlimmeres  zu verhindern.  Es geht doch um unseren Verein.

Europapokaaaaaal, Kapitel 64.

Am Anfang steht ja immer die Recherche. Und da galt es zunächst dreimal zu stutzen! Der Fakt: Rot-Weiss Essen spielte anno 1955, als erster Deutscher Teilnehmer überhaupt, im Achtelfinale des neugeschaffenen Europapokal der Landesmeister gegen die „Hibs“ von Hibernian Edinburgh aus Schottland.

Die Stutzer: Ein Pokalwettbewerb nach heutigen Massstäben startet doch erst gar nicht unter zweihundervierundfünfzig teilnehmenden Mannschaften inklusive dreizehn vorheriger Qualifikationsrunden. Und doch ging es damals direkt mit den Achtelfinals in Hin- und Rückspiel los? Des Rätsels Lösung: Es nahmen nur sechzehn Mannschaften an dieser Erstausgabe eines Wettbewerbes für die amtierenden Meister Europas teil. Viele Meister befanden diesen Wettbewerb als einfach nicht attraktiv genug. Ob nun aus sportlicher- oder finanzieller Sicht sei dahingestellt. Für einen Nostalgiker jedoch noch ein Europapokal der Landesmeister und nicht die heutige aufgeblähte Geldmaschine der UEFA.

Warum aber spielte der RWE dieses erstmalige und einzigartige europäische Erlebnis nicht gegen den FC Aberdeen als amtierenden Meister aus Schottland? Stutzer zum Zweiten! Aber auch hier gibt es eine schlüssige Lösung: Die Klubführung des FC Aberdeen gehörte eben zu denjenigen Vereinen, die die Idee eines Europapokals einfach nicht als attraktiv genug befanden und verzichteten somit dankend auf die meisterliche Teilnahme. Ob man sich in Aberdeen aus heutiger Sicht noch darüber ärgern sollte oder muss? An der Dominanz von Celtic und den Rangers hätte es sicher nicht viel geändert. Trotzdem bedeutete die Teilnahme für die Hibs (Allein dieser Spitzname schafft ja schon Sympathien) eine außerordentlich respektable sportliche Geschichte, da die Mannschaft schließlich erst im Halbfinale an Stade Reims scheiterte. In der eigenen schottischen Liga jedoch, da traf sich Hibernian weiter mit dem Lokalrivalen, den Hearts; eben jenem FC Aberdeen, oder den beiden Vertretern aus Dundee auf Augenhöhe. Der Rest vom schottischen Fest ist und bleibt  sportlich unerreichbar und ist als „Old Firm“ in Glasgow allseits bekannt.

Was aber ewig auf der grünen Seite von Edinburgh haften bleiben wird ist das Privileg, einmal auf Europäischer Ebene gegen Rot-Weiss Essen spielen zu dürfen. Ein Gefühl, welches sonst wohl nur noch der SV Hönnepel-Niedermörmter zu beschreiben weiß. Nun aber noch Stutzer Nummer drei: Wenn Rot-Weiss Essen als Deutscher Meister den DFB vertreten durfte, was machte dann der 1.FC Saarbrücken ebenfalls in diesem Teilnehmerfeld? Brüder im Geiste, was den finanziellen- und sportlichen Niedergang betrifft, wurden beide Vereine doch erst Jahrzehnte später. Auch hier fand sich schnell eine Lösung: Der 1.FC Saarbrücken durfte als Vertreter des 1955 noch autonomen Saarlands am Europapokal teilnehmen. Zugelost wurde den Saarländern der AC Milan, der dann auch die nächste Runde erreichen konnte.

Der 14. September 1955 wurde also ein weiterer Meilenstein in der rot-weissen Vereinsgeschichte. Das erste und bislang einzige Heimspiel auf europäischer Ebene stand an. Übrigens streiten sich die Gelehrten auch heute noch, ob an der heimischen Hafenstraße oder am Uhlenkrug der Lackschuhe im Essener Süden gespielt wurde. Unstrittig leider die Kulisse auf VfL Wolfsburg Niveau der heutigen „Königsklasse“: Lediglich Fünftausend Fans wohnten dieser, von dem Niederländer Jan Bronkhorst geleiteten, Begegnung bei. Der neue Wettbewerb sorgte eben nicht sofort für kollektive Begeisterung! Und die Schotten geizten zudem nicht mit Toren, sondern erzielten derer gleich Vier. „Hibs,hibs hurra“ möchte man da schreiben. Mit Null zu Vier endeten die ersten neunzig Minuten in diesem Wettbewerb sehr ernüchternd, daran konnte im Anschluss auch kein Stauder etwas ändern.

Das Rückspiel musste aber trotzdem noch gespielt werden, und Edinburgh ist sicher auch immer eine Reise wert. Der Spielort in Edinburgh selbst ist unstrittig, es war die Easter Road, an welcher knapp einen Monat später, am 12. Oktober 1955, aufgelaufen wurde. Der Engländer Arthur Ellis leitete das Spiel, welches unser RWE hochachtungsvoll unentschieden gestalten konnte. Es endete 1:1 und für das historische Tor aus Essener Sicht sorgte Fritz Abromeit. Fritz Abromeit ist keiner der bekannteren Namen aus diesen großen sportlichen Jahren. Er stand zwar im Pokalfinale, jedoch nicht in der Meisterelf. Kein Stammspieler, aber in seiner ganzen Karriere zwischen 1942 und 1957 ausschließlich für unseren wunderbaren RWE am Ball. Sofort einsatzbereit, wenn ein anderer Spieler ausfiel. Und auf ewig der Schütze des einzigen Europapokaltreffers in der Geschichte von Rot-Weiss Essen. Also natürlich doch ein ganz großer!

Die Lösung aller Probleme.

Es knirscht wieder gewaltig im Gebälk des Hauses RWE. Wobei wir in den letzten Tagen einmal mehr erleben, noch immer kein stabiles Haus zu besitzen, in dem wir alle zusammen unter einem Dach leben. Unter welchem wir uns auch fetzen können, unterschiedlicher Meinung sind und sein dürfen; nur um am Ende eines Tages doch wieder gemeinsam „nur der RWE!“ zu sein.

Wir sind sportlich doch schon seit Jahren eher ein Kartenhaus und auf einer Finanzierung Aufstieg gebaut, die so wackelig ist, wie ein uralter Tisch in einer noch älteren Kneipe. Und weil nun das Kartenhaus in sportlicher Sicht aktuell erstaunlich schnell in sich zusammengefallen ist; wo auch noch andere Vereine am Tisch wackeln; zudem die eigenen Mannschaft nur selten einen Stich bekommt, oft durchgemischt wird und vielleicht die Pärchen nicht zueinander passen, herrscht mal wieder dicke Luft.

Und direkt gehen wir alle wieder den eigenen Weg, um mit der Situation fertig zu werden. Annähernd damit klar zu kommen. Leider finden wir einfach, und das schon länger, nicht mehr den richtigen Weg. Ein Spieler, der noch auf dem Feld in Lotte zu den (wenigen) Guten gehörte, beendete seinen Dienst am Verein scheinbar mit Abpfiff und kassiert dafür nun einen Anpfiff. Öffentlich. Beides eigentlich Dinge für die „Interne“. Fast zeitgleich äußerte der Vereinsboss im Interview, ganz entspannt zu sein. Ein gefundenes Fressen und Startsignal für einige, in den Kommentarspalten wieder wüst in die Tasten zu hauen. Lösungsansätze waren natürlich keine darunter.

Vielleicht etwas ungeschickt, dann entspannt zu sein, wenn mal wieder verloren wurde und der Fan selbst höchst angespannt ist. In der ureigenen Kernkompetenz und mit Blick auf den Gesamtverein, dessen kleiner Teil ja nur diese eine, unsere, Mannschaft ist, aber völlig zurecht. Uns geht`s so gut wie noch nie! Gerne aber werden dann natürlich die mehrmaligen Verweise seinerseits im Interview, mit der sportlichen Situation unzufrieden zu sein, überlesen: Verloren! + Entspannt? = Gibt verbal auf die Fresse! Das blöde ist: Es ändert nichts daran.

Es änderte auch nichts daran, Sonntag direkt nach dem dritten Gegentor fluchtartig und wutentbrannt das Stadion in Lotte verlassen zu haben. Zuhause angekommen fragte die eine Tochter, ob ich denn nun kein RWE Fan mehr sei, da wir wieder verloren haben. Welch eine Frage eigentlich. Und noch erstaunlicher eigentlich die eigene Antwort, die da lautete: „Heute nicht mehr, aber morgen…morgen natürlich wieder“. Es gab also für einen kurzen Moment die unbewusste Option, einfach mit dem Verein Schluss zu machen. Was für herrliche Aussichten: Einfach nicht mehr in diesem Kartenhaus Rot-Weiss Essen zu leben. Frei von den Zwängen der fast schon zwanghaften Sehnsucht Aufstieg.

Frei aber auch von dieser verpesteten Aura, die gerade online unseren Verein umgibt. Dort also, wo sportlicher Frust anonym gerne mal in Hassbotschaften umgemünzt wird. Als ob man sich dadurch besser fühlt; ein Spieler schneller läuft oder der sportliche Erfolg auch nur eine Tag früher erreicht wird. Das Gegenteil wird eher der Fall sein. Und genauso wenig wird kein einziger Spieler durch sicher nur lieb gemeinte Mitteilungen am Trainingsplatz motiviert werden. Es führt eher zu noch mehr Druck. Zu noch mehr Blei in den Beinen und somit zu noch schlechteren Leistungen. Ist ein ziemlich beschissener Kreislauf, in welchem wir uns da schon wieder bewegen. „Kenn ich nur frohe Stunden…“ Selbst unser Vereinslied kommt regelmässig wie Hohn und Spott daher. Dem Oppa dagegen, dem geht`s richtig gut: Er hat es schließlich schon „geschafft“ und lässt es sich ohne den Verein da oben so richtig gut gehen.

Gut gehen! Es sollte uns allen gut gehen. Aber, es geht uns nicht gut. Wir leben eine Partnerschaft, die nun schon seit vielen Jahren, rein sportlich betrachtet, eine ziemlich freudlose ist. Normalerweise dauern derlei Beziehungen nicht sehr lange, und erfolgt schnell die notwendige Trennung. Da wir uns aber nicht trennen wollen und können, bleibt nur folgende Lösung, um alle Probleme mit einem Schlag zu beenden: Wir lösen unseren RWE einfach auf. Simsalabim und weg bist Du!

Kein RWE, keine sportliche Frustration. Kein Grund mehr, verbal zu eskalieren; Spieler und Trainer vom Hof zu jagen. Keine Niederlagen mehr gegen Kray, kein Hass mehr auf Schalke, keine Stadionpossen. Keine verlorenen Wochenenden, leere Portmonees oder der ein- oder andere Stress mit Ordnern und anderen Fans. Was für eine wunderschöne Vorstellung. Oder, vielleicht doch nur eine Horrorvision?

Der Verlust des großen, womöglich größten Teil von einem selbst. Das, was bleibt, wenn auch alles andere einen verlässt. Du mein RWE! Seit wir zwei uns gefunden. Es muss ein jeder für sich selbst entscheiden, aber wir können es drehen und wenden wie wir wollen: Einen sportlichen Erfolg mit eingebautem Aufstieg gibt es nicht durch Wut und Beleidigung. Gibt es nicht durch jährliche Trainerwechsel und schon gar nicht durch zusammengekaufte Spielerkader. Den gibt es nur, wenn in dieser einen Saison einfach alles zusammen passt. Doch diese eine Saison…, die kann schlimmstenfalls ewig auf sich warten lassen. Ich kann sie nicht „herbeiprügeln“, im übertragenen Sinne natürlich.

Also, was tun wir? Auflösen?

Rotwein in Assindia

Von wegen. Es gab geschmacklich mal wieder Lebertran in Lotte. Mit 1:3 ging es nach Hause. Und dabei war Lotte nicht wirklich die bessere zweier schlechter Mannschaften auf einem Boden, der einen normalen Pass kaum zuließ. Und da der Boden so schlecht war, durfte sich auch nicht darauf aufgewärmt werden. Da natürlich beide Mannschaften nun diesen Boden zu bespielen hatten, kamen die Spochtfreunde zu Beginn des Spiels besser darauf zurecht, hatten scheinbar die langen Stollen geschraubt, während die Roten gefühlt noch in Badelatschen unterwegs waren und Halt suchten.

Die Folge war der schnelle Rückstand. Rot passte sich Grün dann doch mal langsam in Sachen Standfestigkeit an, Blau war zunächst nicht weiter zwingend gefährlich, und so ging es auch mal Richtung Tor der Gastgeber, ohne dass unsererseits wirklich gefährliche Torszenen entstanden. Gefährlich, um bei der Begrifflichkeit zu bleiben, wurde es aber immer dann, wenn das hoppelnde Etwas namens Ball nicht den Mitspieler, sondern den Fuß des störenden Gegners fand.

Schon vor Beginn sorgte die heutige Aufstellung wieder für ein leichtes Raunen im digitalen Auditorium. Vielleicht bin ich da zu naiv, denn es interessiert mich eigentlich nicht wirklich, wer von Beginn an spielt, da ich einfach erwarte, dass der Trainer weiss, was er da macht und die Startformation auf dem Platz meinen Verein verkörpert. Also vertraue ich einfach. Nun, einige Stunden später verstehe ich die Aufregung, auch wenn ich dabei bleibe, dass Negationen vor Anpfiff keinem weiterhelfen. Einem selber nicht, der Mannschaft nicht, und somit unserem Verein auch nicht.

Und doch ist es vielleicht an der Zeit, einmal zu hinterfragen, warum stets Wechsel in der Startformation vorgenommen werden. Zumal nach einem erfolgreich gestalteten Spiel und Spielertypen betreffend, die vielleicht gerade jenen „Hafenstraßenfußball“ verkörpern, den wir auf den Tribünen verstehen.  Aber, es ist so wie es ist, und dann ist es eben so. Halbzeit. Und auf der Tribüne wurden immer mehr rot-weiße Schals gezückt und umgebunden. Warum sollte man auch nicht dort sitzen dürfen, geht doch nur um Fußball.

Recht flott waren unsere Spieler wieder aus der Kabine und somit auf dem Platz, sie wollten sicher viel tolle Atmosphäre und das schöne Wetter mitnehmen. Und auch der Trainer schien in der Halbzeit die passenden Worte gefunden zu haben, denn der RWE kam gut in in die zweite Halbzeit. Kam zu Chancen, und auch der Ball kam nun öfter an. Also da wo er hin sollte. Funkte trotzdem ein Lotter Fuß dazwischen, wurde es aber direkt gefährlich. Warum die Spochtfreunde dann zumeist in Überzahl Richtung Essener Tor agieren konnten, erschloss sich mir nicht wirklich.

Die Bemühungen auf Seiten des RWE wurden aber zunächst einmal belohnt, denn der auch schon in der ersten Hälfte sehr gute Kevin Behrens traf zum Ausgleich und verkühlte beim anschliessenden Torjubel fast seine Zunge. Es liegt mir eigentlich fern, hier Spieler zu benennen, da ich mir eine spielerische Bewertung eigentlich nicht anmaße und zutraue. Aber, hebt man Kevin Behrens heraus, muss und darf man auch Jeffrey Obst kritisieren. Oft bedurfte es der Hilfe eines Mitspielers, den Ball zu klären, was dann Kräfte bündelte, die anderswo fehlten, und führte sein individueller Fehler zu des Gegners erneuter Führung.

Gerade für so talentierte junge Spieler fehlt nun die „Zwote“, in welcher Spielpraxis und Selbstvertrauen; aber auch mal Gelegenheit zur „Einkehr“ geboten werden könnte. Die paar Förderspiele können einen qualitativ hochwertigen Unterbau, zudem in einer Liga und somit im Wettkampf aktiv, meines Erachtens nicht ersetzen. Ist schon blöd, ich weiss: Man wünscht der Liga der Ersten, die dortigen gegnerischen Zweitvertretungen mögen ganz schnell aufgelöst werden, und jammert aus sportlichen Gründen zum Zwecke einer robusten Ausbildung der eigenen Zwoten nach. Ist auch egal, verloren wurde heute trotzdem, und zu allem Überdruss verletzte sich erneut Marwin Studtrucker. Unser Mann für das Verständnis vom Hafenstraßenfußball. Gute Besserung an dieser Stelle.

Neben der Enttäuschung bleibt die Erkenntnis, dass Geduld ein manchmal ziemlich schweres Los sein kann, uns aber auch nichts anderes übrig bleibt als uns eben zu gedulden. Dabei sollten wir aber auch nicht vergessen, nun stets hinter uns zu gucken: Nach unten gehen mehr Vereine durch, als der eine, der oben in die Relegation passt. Es ist noch nicht das Abstiegsgespenst, welches zu spüren ist. Aber, es sind auch schon lange keine „frohe Stunden“ mehr. Und doch bleibt es unser Verein. Immer!

Kompensatorisches Schreiben zur Erstellung einer Leseprobe ohne aktuellen Bezug.

Weil wir tatsächlich einmal Moderne waren, Teil 1.

Je weiter man die Stufen bis unter das Tribünendach erklomm, desto schwerer wurden auch die Beine. Das lag nun nicht an mangelnder körperlicher Konstitution, sondern eher daran, dass die Stufen scheinbar anders ausgelegt waren oder vielleicht doch schon ausgetreten. Es lief sich nie flott hinauf; die in die Jahre gekommene „Haupt“ verlangte den Beinen ganz schön was ab, um nach oben zu kommen. Dort angekommen aber; vielleicht ganz am Rande des „A“- oder alternativ „D-Block“ stehend, den Blick zurück, offenbarte sich folgendes: Eine Sitzplatztribüne, die in ihrer Schönheit, subjektiv betrachtet natürlich, einzigartig war.

Ja, auch Tribünen können schön sein und uns Fans mit ihren Gegebenheiten und Formen betören. Das mag durchaus seltsam anmuten, ist aber so. Die Haupttribüne war nicht gerade, somit prinzipiell auch keine Gerade. Sanft geschwungen kam sie daher. So sanft, dass der Schwung kaum auffiel, stand man relativ mittig auf der Tribüne. Es fiel dann erst so richtig auf, stand man auf einer der beiden äußeren Zugänge zu den schon erwähnten Außenblöcken A oder D und blickte in die Gegenrichtung. Dort stehend bekam auch der Vorplatz seine eigentliche Dimension. In früheren Zeiten gab es dort sogar eine temporäre Vortribüne, die meines Wissens als Block E das Fassungsvermögen des Georg-Melches Stadions erhöhte und somit mehr Fans die Möglichkeit bot, das Spiel und damalige Stars sitzend zu verfolgen. Auf- und Abstiege inklusive!

Alternativ fand auch ein Einsatzwagen der Polizei dort Platz. Wunderbar veranschaulicht in der ebenso wunderbaren WDR Dokumentation älteren Datums „Immer Ärger mit den Jungs aus der Westkurve“ aus dem Jahre 1975. Dank dieser Dokumentation wissen wir übrigens auch: „Wenn wir nach Schalke gehen, kriegen wir die Hucke voll“ und „Wir kamen in Bochum an, was haben wir gekriegt? Dicke Augen!“ Letzteres Statement übrigens von einem Fan, der durchaus Ähnlichkeit mit dem jungen Peter Lohmeyer haben könnte (Der allerdings sein Fußballherz ziemlich unglücklich verlor, wie sicherlich bekannt sein dürfte. Das aber nur nebenbei).

Der Vorplatz hatte auch deshalb viel Platz davor, da maximal und im optimalsten Falle 4.500 Fans von dort ihre Plätze einnahmen, sich verköstigten und während der Pause die Beine ver- und anderes austraten. Dies übrigens in Sanitärräumlichkeiten, die bis zum Abriss nicht viel verändert wurden. Dieser „klorale“ Charme hätte auch keine großartige Renovierung verdient gehabt, weil einzigartig. In der Tat: Die Fans mussten die Tribüne über fünf Treppenaufgänge von unten betreten. Den übliche Zugang zu einer Tribüne namens „Mundloch“ gab es nicht, denn das Innere der Tribüne bestand aus 2.000 Quadratmeter verbautem Raum, verteilt über 3 Stockwerke. Dazu aber mehr in Teil Zwei.

Einen schmalem Zugang gab es dann doch, und zwar jenen aus der heute so schmerzlich vermissten Stadionkneipe. Ganz zeitige Kneipengänger fanden sich ab und an unverhofft auf der Tribüne und somit im Stadion wieder. Ohne Karte vielleicht, aber sicher mit Fahne. Das Pendant zu diesem schmalen Zugang auf der anderen Seite der Tribüne war der zur Geschäftsstelle und für die Presse. Die Journalisten übrigens hatten Arbeitsplätze, deren Beinfreiheit es nicht einmal in die Holzklasse einer Billigfluggesellschaft geschafft hätte. Dafür durften sie aber auf einer Tribüne arbeiten, die bei Eröffnung als die modernste und innovativste ihrer Art gefeiert wurde. Es war also eine Ehre, dort zu arbeiten. Auch wenn das dann beruflich auf dem Rasen erlebte nicht immer wirklich innovativ war. Ziemlich gegen Ende ihrer Zeit bekam die Tribüne auf dem mittleren Treppenaufgang auf etwa vierzig Stufen die Meilensteine und Erfolge von Rot-Weiss Essen aufgeklebt. Eine schöne Idee. Und immer der Verweis darauf, wer wir wenigstens mal waren. Zukünftige Erfolge werden dann auf der neuen „Haupt“ verewigt.

Unser geistiges Auge blickt nun aber nach oben und sieht dort eine wunderbare, trägerfreie Konstruktion, welche sich über die gesamte Breite der Haupttribüne erstreckt und siebzehn Meter nach vorne ragt. Trägerfrei errichtet im Jahre 1956: Das kann nur ein Kind, beziehungsweise Dach des Wirtschaftswunders sein. Oder einfacher gesagt: Eine architektonische Meisterleistung. Schließlich wurden bis dato die meisten Tribünendächer noch mit Sichtbehinderung in Form von Stützpfeilern oder ähnlichen Trägervorrichtungen gebaut. Und sicher nicht in einer solchen Dimension. Leider nagte der Zahn der Zeit natürlich auch an diesem Dach und die Tribüne wäre spätestens 2016 aus Sicherheitsgründen endgültig und komplett gesperrt worden, da sich vermehrt kleine Betonteile lösten und eine größere Gefahr für die Zuschauer darstellten als manch Spieler, Trainer oder Verantwortliche. Mehrere Gutachten bestätigten diesen traurigen Fakt. Also den der baulichen Substanz.

An diesem Dach befestigt Lautsprecher, die taten, was Lautsprecher an der Hafenstraße tun mussten: Den Opa anspielen und mit den ersten Takten von „Adiole“ die Mannschaft und Tore ankündigen. Danach war die schlechte Tonqualität nicht mehr wichtig, die Fans zeichneten direkt für den weiteren Gesang verantwortlich. Und die Torschützen für die gegnerische Mannschaft, die wollte man schließlich wirklich nicht hören. Sehr interessant auch die Seitenverkleidung der Haupttribüne: Die Tribünenseite zur Hafenstraße war weniger verkleidet als ihr Gegenstück Richtung „West“. Vielleicht stiegen die Glaspreise während der Bauarbeiten, wehte der Wind aus Richtung Westen stärker oder gab es einen anderen triftigen Grund für diese Unregelmässigkeit.

Wie dem auch sei: Diese Tribüne war einzigartig, ist in Worten eigentlich kaum zu beschreiben und war das Herzstück unseres Vereines. Sie war aber auch der Grund für die späteren, ständigen wirtschaftlichen Probleme an der Hafenstraße 97a. Auch das leider Fakt. Lange haben wir Fans den Stadionneubau gefordert, aber ich glaube, wir haben seinerzeit völlig ausgeklammert, dass auch unsere geliebte „Haupt“ einem dringend erforderlichen Neubau zum Opfer fallen wird. Mir ging es jedenfalls so. Aber auch dann gab es noch Fans, die sich ihrerseits direkt für den Erhalt der Tribüne engagierten und versuchten, diese unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Ziel war, die Räumlichkeiten weiter vielfältig zu nutzen. Das es nicht zu Denkmalschutz reichte, sehen wir bei jedem Heimspiel. Und vielleicht ist es auch gut so, dass Andenken stets zu bewahren, anstatt eines Tages festzustellen, dass es inhaltlich und finanziell doch nicht gereicht hätte, diese Tribüne weiter mit Leben zu füllen.

Umso schöner, dass es die Initiative immer noch gibt, dass es Fans gibt, die sich darum bemühen, unsere Identität zu bewahren. Danke dafür!