Monatsarchive: Mai 2016

Love over Gold

Keine Angst, dieser Titel hat grundsätzlich in keinster Weise etwas mit dem RWE zu tun und auch der „Pilcher Faktor“ steht hier nicht Pate. Ich höre gerade Dire Straits und suchte verzweifelt einen Titel. Das ist alles. Und doch kann der Titel ja ansatzweise mit dem vergangenen Wochenende in Verbindung gebracht werden: Rot-Weiss Essen hat Gold geholt und wird fast mit Liebe überschüttet. Aber auch wirklich nur fast. Eigentlich ist der Pokalgewinn nicht einmal ein professioneller Verband für die erlittene Saisonwunde, sondern höchstens ein laienhaftes Sprühpflaster.

Wahrscheinlich rauchen immer noch die Fanköpfe, wie unsere Mannschaft es geschafft hat, einen Gegner so zu dominieren. Und das, obwohl der Tupperwaler SV aufgrund seiner Aufstiegseuphorie doch mindestens gleichwertig, wenn nicht sogar als leicht favorisiert galt. Dass nun Daniel Grebe nicht wieder im Einkaufswagen nächtigen durfte: Er wird es verkraften. Und wenn nicht, muss uns das egal sein, denn der 1€ Express machte wieder an der Hafenstraße halt: Titelverteidiger und somit das eine Spiel im kommenden DFB Pokal nebst „Bonizahlung“ gesichert. Meine Wunschgegner: die Eisernen aus Berlin oder der VfL Bochum. Aber noch kurz zurück zum Spiel: Ist das schon die berühmte Handschrift eines Trainers? Oder doch der Druckausgleich einer Mannschaft mit durchaus kompetenten Fußballern, aller Abstiegssorgen entledigt? Man weiss es nicht. Sven Demandt wirkt übrigens für mich auf den ersten Blick nun auch nicht wie ein asketischer Trainer Marke Tuchel; sondern könnte durchaus einem Schimanski Tatort früherer Jahre entsprungen sein.

Das Abseitstor war kein Abseits und zweimal war auch Glück mit im Spiel, dass der WSV seinerseits nicht ein Tor bejubeln konnte. Fußball mit all seinen Facetten eben. Das drumherum passte einmal mehr. Natürlich wird der latent geäußerte Vorwurf, der RWE hätte an diesem Samstag einen Heimvorteil gehabt, nicht von der Hand zu weisen sein. Diese Kritik bitte aber unverzüglich und direkt an den Verband weiterleiten, der die ganze Organisation schlicht dem RWE überlassen hat. Wir wollten kein Heimspiel, sondern hätten den Pokal auch im Tal geholt!  Unserem Schnapper sollte man derweil ab sofort bei jedem Spiel mit auf dem Weg geben, dass er sich in einem  Pokalfinale befindet!  Jedes Spiel eine solch souveräne und sichere Leistung, und jegliche Torwartdiskussion wäre bis auf weiteres überflüssig. Da der Wuppertaler SV an diesem Tag Lieferando spielte, und Essen kommen ließ, ergaben sich immer wieder Chancen für unser ehemals glorreiches Emblem.

Dreimal wurden die Chancen letztendlich genutzt. Zwei Torschützen zeichneten dafür verantwortlich: Moritz Fritz und „The one and only“ Leon Binder bekamen das Runde in das Eckige. Leon Binder zudem mit einem „Strahl“. Wer nicht genau weiss, was nun ein Strahl ist, der möge sich nicht grämen: Bis vor einiger Zeit kannten wir auch noch kein „durchgesteckt“. Leon Binder hat einfach einmal auf das Tor draufgehalten und den Ball schlicht in die Maschen gedonnert. Soweit die Definition zu „Strahl“. So einen Strahl durfte ich übrigens schon 1979 als Jugendspieler bei Vorwärts Nordhorn erleben: Ich stand positionsgetreu als rechter Verteidiger irgendwo links und drehte mich Richtung eigener Torwart um, als dieser sich zu seinem Abschlag bereit machte. Er schlug also ab, der Strahl traf mich genau auf die Zwölf und ließ mich fallen wie die berühmte Eiche. Die Folge: Kein strahlen vor Freude. Das aber auch nur am Rande.

Heute sind wir schlauer und wissen, dass nun beide Torschützen unseren Verein verlassen werden. Bei Moritz Fritz wussten wir es schon etwas länger; im Falle von Leon Binder hingegen kam die Bestätigung erst nach dem Finaltag. Leon Binder war natürlich eine dieser Spielertypen, den die Hafenstraße menschlich und vom Einsatz her dringend benötigte. Es wird endlich wieder Zeit für Identifikation; der vielen Namen sind wir alle mehr als überdrüssig. Heute wurden die ersten Abgänge bekanntgegeben und wir alle so: „Wer?“  Und doch haben Verein und Spieler alles richtig gemacht: Leon Binder muß an seine Zukunft denken und hat anderswo einen Dreijahresvertrag angeboten bekommen, den er an der Hafenstraße aktuell kaum bekommen hätte. Danke Leon!

Wir halten also fest: Auch der RWE 2015/16 kann durchaus und erfolgreich Fußball spielen. Ungewohnt beides. Die vergangene Saison war schon eine denkbar schlechte. So viel schlechter Fußball in diesen wunderbaren Trikots. So viel gegen- statt miteinander. Auf so vielen Ebenen. Und dann kommt dieses Finale des kleinen Mannes. Ruhrpott statt Ronaldo. Volles Stadion und eine „Tapete“, die mich dankbar und ermutigt zugleich stimmt. Sprachlos macht. Diese aktuell zu Ende gegangene Saison hat uns alle an den Abgrund geführt und doch gerade noch davor bewahrt. Nun sollte viel geredet werden im Hause Niederrheinpokalsieger 2016. Es geht nur miteinander.

Und die Playlist wurde auch geändert: Nun gibt es Iron Maiden mit „Run to the Hills“

 

 

 

 

 

 

 

Weil wir das Glück hatten, einen Georg Melches zu haben!

Spricht man von Rot-Weiss Essen, landet man unweigerlich nach kurzer Zeit auch bei Georg Melches. Sieht man Fotos aus aus der erfolgreichen Zeit rund um Meisterschaft und Pokalsieg, kommt man auch nicht an Georg Melches vorbei. Unweit der Spieler ist immer irgendwo auch der Patron mit im Bilde. Optisch erinnert der Georg Melches dieser Zeit an eine Mischung aus Heinz Erhardt und meinem Opa. Nun kennen Sie natürlich meinen Opa nicht, aber stellen Sie sich ihn optisch in etwa so wie Georg Melches oder Heinz Erhardt vor. Und mit Zigarre. Allen drei gleich aber ihre sympathische, ein wenig listige Ausstrahlung.

Zurück aber zu Georg Melches: Geboren am 24. August im Essener Norden als Sohn eines Betriebsführers, der auf der Zeche Emil – Emscher in Lohn und Brot stand. Die schulische Laufbahn des jungen Georg Melches fand eigentlich auch schon im Dunstkreis der Hafenstraße statt: Volksschule Vogelheim; Gymnasium Borbeck und Realgymnasium Altenessen. Der nächste Schritt war dann sicher kein leichter und definitiv kein schöner, denn Georg Melches zog in den ersten Weltkrieg. Dies übrigens freiwillig. Und es dauerte vier lange Jahre, bis er wieder unversehrt nach Hause kam. Vier lange Jahre in den Kriegswirren unterwegs, seine Familie zurücklassend.

Und auch die Familie, die er mit anderen bereits am ersten Februar 1907 in Essen Vogelheim gründete: Georg Melches war bereits in jungen Jahren ein begeisterter Liebhaber der Fußlümmelei, wie der Fußball seinerzeit oftmals despektierlich  genannt wurde. Und weil er so begeistert war, gründete Georg Melches mit seinen Freunden einen Fusionsverein. Denn sie führten die bestehenden Vereine SC Preußen und Deutsche Eiche zum SV Vogelheim zusammen. Deutsche Eiche, ein an sich schon recht merkwürdiger Vereinsname und sicher eine Herausforderung für Fangesänge. Aber das nur am Rande erwähnt. Den heutigen Namen Rot-Weiss Essen bekam der Verein dann fünf Jahre nach dem ersten Weltkrieg mit auf seinem weiteren Vereinsweg. Anteil daran hatte eine weitere Fusion, diesmal mit dem Turnerbund Bergeborbeck.

Drei Jahre zuvor, also 1920, begann neben dem Hobby Fußball auch der berufliche Ernst des Lebens: Nach zwei Praktika in Schacht und Kokerei öffnete der Betrieb „Koksofen und Gasverwertung AG“ Essen seine Tore für den ehrgeizigen Georg Melches. Dort brachte er es innerhalb acht Jahren auf den Stuhl des Direktors, den er die nächsten zehn Jahre nicht verließ. Also im übertragenen Sinne jetzt. 1938 schien auch beruflich eine Fusion den Firmennamen zu verändern: Aus „Didier – Kogag“ wurde Didier – Kogag – Hinselmann. Der Direktor fusionierte nicht, nahm höchstens zu und hieß bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1959 weiter Georg Melches. Insgesamt also einunddreißig Jahre als Direktor bedeuteten auch einunddreißig Jahre Kontakte in die Spitzen von Wirtschaft und Politik. Heute würde man Netzwerk dazu sagen.

Georg Melches konnte seinen Spielern Arbeitsplätze verschaffen, an denen nicht viel geschafft werden musste, sondern sich auf das Kicken konzentriert werden konnte. Auch die legendäre Südamerikareise wurde nur durch die weltumspannenden Kontakte von Direktor und Firma ermöglicht. Der Macher der er war, zeigte sich auch in seinem Verein stets in der Pflicht. Georg Macher. Im Verein, für den zu Beginn fast nur Schüler, Bergleute und Zechenangestellte gegen die handgenähte Kugel traten, besetzte er die Positionen des Mittelstürmers und mit nachlassender Kondition die eines Verteidigers. 1927 hing er seine Fußballschuhe an den Nagel. Was nicht bedeutete, dass er sich nun aus dem Vereinsleben verabschiedete. Mitnichten und gänzlich ohne Neffen, denn administrativ war Georg Melches natürlich auch schon länger in seinem Verein tätig: Schriftführer, Geschäftsführer, Fußballobmann, Finanzobmann.

Nahezu die ganze Palette dessen, was ein Verein an Ehrenamt zu bieten hat, wurde von ihm parallel oder nacheinander ausgeführt. Rot-Weiss Essen war Georg Melches und Georg Melches war Rot-Weiss Essen. Das wirklich interessante aber ist die Tatsache, dass er nicht einen Tag als Vereinsvorsitzender fungierte. Vielleicht benötigte er den Vereinsvorsitz auf dem Papier auch deshalb nicht, da er wusste, stets auch so dem Verein vorzustehen. Um aber seine Leistung schon recht früh zu würdigen, ernannte der Verein seinen „Patron“ bereits 1950 zum Ehrenvorsitzenden auf Lebenszeit mit Sitz und Stimme im Vorstand. Und dieser Ehrenvorsitzende sollte ja bekanntlich noch mit tollen Erfolgen für seine Pionierarbeit und Engagement im Essener Norden belohnt werden.

Finales

Die Saison als solche ist ja bereits abgehakt und das Statement dazu an anderer Stelle bereits kundgetan. Wir befinden uns also im Landeanflug auf das Europapokalfinale 2016 gegen den Wuppertaler SV. Ausgetragen wieder in Essen. Essen könnte doch eigentlich direkt als ständiger Austragungsort bestimmt werden. Das Berlin des kleinen Mannes sozusagen. Die Klagen des Finalgegners  über eine Bevorteilung des RWE kann aktuell auch in keinster Weise nachvollzogen werden: Waren doch Fans und Mannschaft des RWE in der vergangenen Saison nicht wirklich eine Einheit und konnte zu kaum einem Zeitpunkt ein wirklicher Heimvorteil generiert werden; irgendetwas war doch immer. Und jammern gilt schon mal gar nicht, wenn man als Wuppertaler SV plötzlich und unerwartet in fast doppelter Anzahl zum heimischen Zuschauerschnitt auswärts anrücken möchte. Dann sollte man eher die vielen unbekannten eigenen Mitreisenden fragen, wo sie denn sonst so stecken. Punkt! Finalort? Nicht unsere Entscheidung, nicht unser Problem. Auch für den abermals letzten Platz beim ESC trägt der RWE keine Verantwortung und selbst der Preisverfall in der Causa Milch kann uns nicht angelastet werden. Das aber nur am Rande.

Rot-Weiss Essen hatte schließlich eine ziemliche Kacksaison und somit seine eigenen Probleme. Der Gewinn im Niederrhein- Europapokal könnte da ein wenig Balsam auf die Wunden bedeuten. Mit den allseits bekannten Folgen DFB Pokal und Erstrundenfestpreis. Wie schon im Finale des letzten Jahres sehe ich beide Endspielgegner auf gleicher Höhe mit Vorteilen sogar auf Wuppertaler Seite. Kommen diese doch mit der Euphorie eines Aufsteigers; sind nunmehr also auf gleicher (Ligen-)Höhe und haben definitiv die aktuell breitere Brust als die tabellarischen Hühnerbrüste der Hafenstraße. Aber vielleicht liegt genau darin der Vorteil des RWE: Wir haben endlich nichts mehr zu verlieren, wurde doch der Abstieg so gerade eben noch verhindert. Der Druck also genommen, es kann Fußball gespielt werden. Zudem möchten sich Abgänge sicher doch als Gewinner verabschieden. Und, dessen kann sich die Mannschaft sicher sein: Auch für uns auf den Rängen stellt der Pokal in seiner Endphase mittlerweile den (leider wohl einzigen) Höhepunkt einer jeden Saison da. Und somit sind wir wie ein gutes Steak auf den Punkt genau fertig, um mit Anpfiff um 17:00 Uhr auch alles dafür zu geben, dass es zur Titelverteidigung kommen wird. „Rot-Weiss Essen Du bist mein Verein, RWE so soll es immer sein“. Die Saison und alles andere gewesene komplett ausblenden für dieses eine letzte Spiel.

Danach hoffentlich zusammen feiern. Und dann miteinander reden. Aber auch mal durchatmen und gut durchlüften. Sehr gut durchlüften. Für die dann kommende Saison benötigen wir richtig frischen Wind in der Bude. Auch wenn das Gemecker spätestens dann wieder losgehen wird, sickern weitere Verpflichtungen durch oder wird das neue Trikot vorgestellt. Da uns diese unselige Relegation zur Dritten Bundesliga ja leider noch länger erhalten bleibt, als uns allen lieb ist, haben wir Fans wohl nur die Möglichkeit, uns in Gelassenheit zu üben. Und damit meine ich nicht nur uns in Essen, sondern wohl so ziemlich alle Fans, die sich einem Verein in der Viertklassigkeit verpflichtet fühlen. Es wurde noch kein Aufstieg erzwungen, sondern dazu gehört eine richtige Mannschaft; ganz viel Glück; Mut und Miteinander. Eine Truppe die Erster wird und genau weiß: Erst nach der Relegation können wir Helden sein, ansonsten sind wir nur die „DFB Deppen“, die nicht mal auf den Meistertitel einen heben können, da irgendwie doch nichts erreicht. Um aber überhaupt „Relegationsberechtigter“ zu werden, bedarf es eben jener Gelassenheit und noch mehr Geduld. Über Jahre. Schließlich wollen einige andere auch durch dieses vermaledeite Nadelöhr. Lotte zum Beispiel einmal mehr, denn ich hoffe ja, dass der SV Waldhof sich aktuell durchsetzen wird.

Vielleicht liegt der Wunsch nach Geduld und Gelassenheit auch ein wenig in der eigenen Krebserkrankung begründet. Eine solche Diagnose verschiebt die Dinge von jetzt auf gleich in einer Intensität, wie sie hoffentlich so vielen wie möglich erspart bleibt. Es ist grad nicht wichtig, in welcher Liga mein Verein spielt. Ich möchte ihn einfach nur spielen sehen, denn dann weiss ich, dass ich noch die Kraft dazu habe, einem Spiel beizuwohnen. Es ist jetzt der alleinige Wunsch, endlich operiert zu werden um genesen zu können. Dies in Ruhe und Gelassenheit. Aber in der Gewissheit, doch niemals alleine zu sein. Und auch Rot-Weiss Essen muss endlich sportlich genesen dürfen; braucht Zeit und Freunde, die zusammenstehen. Ihn nicht alleine lassen. Erst dann können jene Kräfte und Energien entstehen, die es bedarf, dass eine Mannschaft erfolgreich spielt und folgenreich die Sympathien der vielen so sehr enttäuschten rot-weißen zurückerobern kann. Ein beschwerlicher und langer Weg der sportlichen Genesung liegt an; aber wenn wir nicht den ersten Schritt machen und nur meckern, können wir auch gleich aufgeben. Aufgeben jedoch ist einfach nicht das Ding eines RWE Fans, auch wenn es bisweilen den Anschein hatte. Emotionen können wir hingegen sehr gut. Und auch die gilt es wieder wachzurütteln. In der vergangenen Saison waren so viele einfach nur müde ob der gebotenen Leistungen. So viele „Veteranen“, die einfach nicht mehr konnten und wollten. Die Ära Harttgen und Fascher; auch sie steckt noch in den Vereinsknochen, ist nicht so leicht abzuschütteln.

Wo wir aber gerade auch beim Thema Relegation sind und waren: Bis heute habe ich alle Spiele dieses sportlichen Irrsinns am heimischen Empfangsgerät verfolgen können und bin bisweilen entsetzt über die gebotenen Leistungen. Eine Relegation erzeugt einen so unmenschlichen Druck auf Spieler, Verantwortliche und Fans, so dass ein Spiel im eigentlichen Sinne kaum mehr möglich ist. Mit Ausnahme der Kickers aus Würzburg vielleicht, die zur Relegation kamen wie die Jungfrau zum Kinde und entsprechend befreit aufspielen konnten. An diesen zwei Spielen hängen Existenzen, Zugehörigkeiten und sogar Vereinsschicksale; glaubt man den aktuellen Nachrichten aus Nürnberg und Duisburg. Die TV Quoten mögen gestimmt haben, aber auf dem Felde herrschte bisweilen blanke Angst. Ergo: Auf- und Absteiger müssen klar definiert werden und Meister aufsteigen. Nur so kann sportlicher Erfolg oder Misserfolg einer Saison fair quittiert werden.

Übrigens nehmen wir in der kommenden Erstrunde des DFB Pokals nur Gegner und Fans ernst, die wie schon Düsseldorf und nun auch Tupperwal mit eigens kreierten „Anti-RWE“ Shirts anreisen. Wir brauchen das einfach. Sieht ja auch gut aus, so ein einheitlicher Gästeblock. Nur der RWE!

 

 

Das Gesetz der Trägheit

Ungekannte Gefühle machten sich vor diesem Spiel breit: So etwas wie Vorfreude schlich sich ein. Tatsächlich: Ich freute mich auf das Spiel des RWE gegen den Nachbarn aus Oberhausen. Aber warum eigentlich? Vielleicht weil es bis auf weiteres der letzte Besuch sein dürfte, oder weil sich die sportliche Situation etwas entspannt hatte? Auf die Freunde vor Ort oder auch darauf, Fritz Herkenrath zu Ehren applaudieren zu dürfen? Zwei Tage danach gibt es keine Antwort mehr auf diese Frage, denn die eigenen Mannschaft hat einmal mehr und diesmal so richtig ohne Ansage enttäuscht. Vor dem Spiel jedoch ging es nach Monaten mal wieder mit der „RWE Hit Mix CD“ an Bord auf die Reise gen Glutofen Essen. Lautstark mitgesungen wurden etliche Fanbusse eines benachbarten Bundesligisten  überholt. Denn sie wissen nicht was sie tun!

Warum nun schon um 13:00 Uhr angepfiffen werden musste, konnte nicht so richtig in Erfahrung gebracht werden; der guten Laune rund um das Stadion tat es aber scheinbar keinen Abbruch, sollte doch der endgültige Klassenerhalt ( Für temporäre Leser: tatsächlich Klassenerhalt, nicht Relegationsplatz oder dergleichen!) hier und heute gesichert werden. Nur unsere Mannschaft jedoch, die hat davon leider nicht viel mitbekommen! Würde man von Stehgeigern oder von Sommerfußball sprechen, so würde man jeden Stehgeiger und jeden Sommerfußballer prinzipiell beleidigen. Welch blutleere und fast pomadige Vorstellung in der ersten Halbzeit. Zugegebenermaßen von beiden Mannschaften! Vielleicht hatte ja doch die ungewohnte Anstoßzeit inklusive ebenso ungewohnt hoher Temperaturen seine Finger mit im Spiel. Das war bei allen schlechten Spielen in dieser schlechten Saison definitiv die schlechteste Halbzeit. Paradox wirkte im Verhältnis dazu die nimmermüde und durchgängige Anfeuerung von der „West“.

Mit dem Ende der torlosen ersten Halbzeit rissen die schlechten Nachrichten allerdings noch lange nicht ab: Denn es folgte ja tatsächlich noch eine zweite Halbzeit, die es zu überstehen galt. Hätte man abstimmen lassen, ob weitergespielt oder das Spiel zur Halbzeit als beendet gewertet werden dürfte, so hätten sich die allermeisten der geduldigen  Zuschauer sicher für das sofortige Ende entschieden. Natürlich wurde die zweite Halbzeit gespielt; lag der Fokus zudem immer noch auf die Beruhigung der Seele durch die möglichen drei Punkte auf dem Platz. Wenn die erste Halbzeit nun überhaupt eine sportlich verwertbare Erkenntnis brachte, dann die, wie wichtig ein Benjamin Baier aktuell für unser Spiel ist. Jemand der wenigstens einmal aus der zweiten Reihe den unverhofften Schuss ansetzt, und auch mal die eigenen Mitspieler wachrütteln kann. Dem neuen Trainer jedoch wurde endgültig und deutlich deutlich vor Augen geführt, auf welches Abenteuer er sich mit der aktuellen Mannschaft eingelassen hat.

Der Nachbar aus Oberhausen, selbst auch in dieser ersten Halbzeit nicht die hellste Kerze auf der Spieltorte konnte in der zweiten Halbzeit gar nicht mehr anders, als die Essener Trägheit mit Toren zu bestrafen. Endlich wurde das Betteln erhört, in Rückstand zu geraten. Blitzsauber wurde zweimal die Abwehr ausgehebelt und an Heimann vorbei eingeschoben beziehungsweise reingestochert. Man lacht an der Emscher wahrscheinlich noch immer darüber, wie simpel das an diesem Samstag möglich wahr. Vielleicht war es Galgenhumor, oder die Freude an einem wirklich gelungenen, neuem Lied auf der Tribüne: Die „West“ sang unverdrossen weiter, es kamen keine Schmähungen gegen die eigene Mannschaft, die es ansonsten schon bei wesentlich  besseren Leistungen und Rückstand gegeben hätte. Das Werfen von Gegenständen sollte trotzdem und überhaupt endlich einmal unterlassen werden! Wir sind nur noch auf Bewährung auf den Tribünen! Eine Atmosphäre also , die in der Beziehung zwischen den Geschehnissen auf Rasen und Tribünen einem Verwirrspiel glich.

Es wurde also nichts mit dem vorzeitigen Klassenerhalt. Wie dumm auch von uns Fans, das von der aktuellen Mannschaft zu erwarten. Wie dummdreist aber auch von nicht einmal einer Handvoll trunkener und scheinbar von Sonnenstich  geplagten Besuchern die Aktion, die Würde eines gegnerischen Spielers anzutasten. Das geht in keinster Weise und wurde entsprechend im Spielverlauf von Leon Binder kommentiert und geregelt. Eine bedauernswerte Randnotiz, die im Spielverlauf außer den Beteiligten selbst wirklich kaum einer mitbekommen hat. Ich denke, dann hätte es einen größeren Aufschrei gegeben. So jedenfalls war der Weg frei für den Berichterstatter der RevierSport, den RWE einmal mehr unter Generalverdacht zu stellen.

Rot-Weiss Essen benötigt in der kommenden Saison nicht nur endlich wieder eine Mannschaft, die diesen Namen und unser Trikot auch verdient; sondern auch eine Berichterstattung, die sich mit Fakten und Fußball beschäftigt, anstatt in Boulevard Manier Geschehnisse oder Gesagtes aus dem Zusammenhang zu reißen und auf mögliches Fehlverhalten einiger weniger zu warten. Wir sind nicht doof, wir Fans wissen doch, dass der RWE nicht sonderlich gut gelitten ist im Hause RevierSport. Wir wollen keine Hofberichterstattung, denn das ist auch keinem zuträglich! Aber ich glaube, Verein, Fans und natürlich auch auch Medien ihrerseits haben ein Recht auf eine gegenseitig faire Behandlung. Auf gut recherchierte Beiträge, deren Inhalte den Sachverhalt erzählen und nicht auf eine reisserische Überschrift, der kaum  wirkliche Fakten folgen, dafür aber Klicks generieren . Wenn in längst vergangenen Tagen vielleicht mal Fehler auf beiden Seiten gemacht wurden, dann ist es an der Zeit, nun einen Punkt zu setzen. In Münster zum Beispiel hat diese Form der Berichterstattung leider auch Überhand genommen, was die Preußen gar zu einem offenen Brief veranlasste. Weniger ist manchmal mehr! Die WAZ Essen kann es doch auch, berichtet sportjournalistisch und den Tatsachen geschuldet. Und das sicher nicht nur, weil die West ihren Namen trägt.

Diesen finalen Punkt können wir alle ja bald auch endlich unter die aktuelle Saison setzen. Gottseidank. Nie zuvor habe ich so viele Fans so müde erlebt. Veteranen in Rot und Weiß, der ständigen Enttäuschungen überdrüssig. Vielleicht kann ja  kommenden Samstag endlich der Klassenerhalt geschafft werden und dann das Endspiel im Europapokal der Landesmeister gegen den Wuppertaler SV die Saison wenigstens auf Papier und Konto halbwegs noch retten. Nur der RWE!

Srivaddhanaprabha

Weit nach Mitternacht noch Udo Lindenberg zu hören, dass geht nur mit einem Pils dabei und hört sich allein von seinen Texten schon nach Kneipe an. Melancholie macht sich breit. Melancholie kann ich gut. Pils habe ich auch noch. Zeit und Muße also, die Dinge der letzten Tage einmal zu sortieren. Gestern haben wir die traurige Nachricht bekommen, dass Fritz Herkenrath bereits am 18. April dieses Jahres im Alter von 87 Jahren verstorben ist. Geboren in Köln, feierte Fritz Herkenrath seine größten sportlichen Erfolge hier an der Hafenstraße in Essen. Ein tadelloser Sportsmann alter Schule; Schultätigkeit nach der Karriere. Die Meistermannschaft von 1955 nun vollzählig versammelt im Himmel; hier unten auf Erden kann jetzt keiner mehr davon erzählen. Wir zehren nunmehr endgültig von den Erinnerungen an längst vergangene, sportlich so erfolgreiche Tage. Niemals jedoch werden wir diese Fußballer vergessen, die unserem Verein so viel Gutes beschert haben. Auf ewig werden wir hoffentlich ihr Andenken bewahren und ihnen Samstag gedenken.

An der Hafenstraße dieser Tage ist es momentan relativ ruhig geworden. Die Kommentarspalten schwappen nicht mehr über vor Verzweiflung, Wut und dem Strafbestand der Beleidigung. Sieben Punkte aus den letzten drei Spielen sorgten für eine kaum mehr gekannte Entspannung des rot-weißen Herzmuskel. Wir alle hatten den Rubikon Richtung Abstiegspanik gefühlt längst überschritten; normal war doch keiner in den letzten Wochen und Monaten unterwegs. Wir wussten und wissen alle: Ein Abstieg diese Saison und den Mythos können wir uns definitiv von der Backe putzen. Sieben Tage, vierundzwanzig Stunden Angst. Das zehrt an den Nerven. Das kostet Kraft. Unbezahlter Bluthochdruck vom Feinsten. Fan eines aktuell mäßig begabten Viertligisten zu sein geht an die Substanz, und ist unter dem Strich doch so viel mehr wert, als ein Ausscheiden im Halbfinale der Champions League. Ich möchte nicht tauschen. Nie mehr!

Ziemlich zeitgleich bejubelt gefühlt die ganze Fußballwelt die erste Meisterschaft des bis dato relativ unbekannten Vereins Leicester City aus England. Diese leider nicht auf dem grünen Rasen, sondern erst einen Tag später auf dem Sofa errungen. Chelsea sei Dank. Warum aber dreht die ganze Fußballwelt nun frei und mutiert zu Füchsen, obwohl aus Tradition eher den Reds zugetan? Auch Leicester City ist kein Verein mehr alter Prägung und hat mit Vichai Srivaddhanaprabha einen Milliardär als Eigentümer. Formal also nicht wirklich viel anderes als in den Akten Hopp,Mateschitz oder Abramowitsch zum Beispiel. Im diesjährigen Ranking, die finanzielle Kaderschwere betreffend, rangieren die „Foxes“ in England auf Platz 12 und 127 Millionen Euro in den Beinen. Was übrigens und interessanterweise in Deutschland den monetären Platz 7 einbringen würde. Insgesamt wird der Kader momentan auf 300 Millionen britische Pfund taxiert. In etwa also dem Börsenwert von ISDT.

Ich glaube, die Freude mit und am „Meister Leicester City“ liegt einem ganz anderem Faszinosum zugrunde: Nämlich dem der Meisterschaft und dem Wettkampf, der zur selbigen führen kann. Oder eben auch nicht. Auch in Leicester wird nicht mit Peanuts bezahlt, aber hier hat sich eine Mannschaft gefunden, die fast abgestiegen, ein Miteinander entwickelt hat, welches finanzielle Schwergewichte auszuhebeln verstand und der Basis endlich wieder die Hoffnung zurückgeben konnte, dass Fußball Wettbewerb und nicht nur Scheckheft ist. Der britische Fan war es leid, immer nur die selben Vereine um die Meisterschaft spielen zu sehen. Und man kann es auch nachvollziehen. Was wäre hierzulande wohl los, würden der 1.FC Köln, die SG Eintracht Frankfurt oder unser aller Rot-Weiss Essen in einem Par­force­ritt sondergleichen die Meisterschale holen?  Die Sympathien aller wären für ein Jahr gesichert.

Vielleicht geht es auch noch ein Stück weiter: Karl-Heinz Rummenigge zum Beispiel will Setzlisten und somit die altbewährten Wettbewerbe quasi am Nasenring durch die imaginäre Arena ziehen. Nee, er kann sich seine Setzlisten sonstwo hinstecken! Gewinner wird nur, wer die Wettbewerbe annimmt,  übersteht und nicht plant. Leicester City hat den Wettbewerb angenommen und diesen gewonnen. Das wohl die einmalige Faszination aktuell um einen Meistertitel in England. Rot-Weiss Essen muss noch viel trainieren um eines Tages überhaupt in den Wettbewerb um die deutsche Meisterschaft einsteigen zu können. Aber wir würden dann keine Setzlisten, sondern Gegner wollen.

Samstag nun aber erst einmal Oberhausen der Gegner. RWE gegen RWO. Bis auf weiteres das letzte Spiel in einem Stadion, gilt es ja alsbald den eigenen Wettbewerb anzutreten und natürlich zu gewinnen.

in memoriam

Was für eine schöne Zeit im Leben all derer, die es besonders zwischen 1953 und 1955 mit dem RWE gehalten haben. Es ging allerorten nach der faschistischen Apokalypse und deren heftigen Nachwehen wieder aufwärts. Langsam aber stetig. Das Ruhrgebiet als Keimzelle des wirtschaftlichen Aufschwungs explodierte förmlich, und der Fußball gehörte zum Alltag wie die Arbeit, Familie, Tauben und das Bier. Fußball war der gemeinsame Nenner Freizeit unter dem Strich harter Arbeit.

Der Nachbar Schalke hatte seine beste Zeit bereits hinter sich, und so dachte man sich wohl in Essen, dass es an der Zeit wäre, sich selbst an die Spitze zu begeben. Die Fakten sind bekannt: Pokalerfolg 1953, maßgebliche Beteiligung am WM Titel 1954 und die Meisterschaft 1955. Dazwischen hatten die Spieler des RWE aber noch einen ganz besonderen Titel erworben, für den es keinen Pokal oder Schale geben mochte, aber weltweite Anerkennung. Prädikat „Ausgezeichneter Botschafter für den deutschen Fußball“ und zwar mit Sternchen. Im April 1954 nun brach ein großer Rot-Weisser Tross gen Argentinien auf, um für die nächsten Wochen Südamerika und die USA zu bereisen um dort Fußball zu spielen.

Ob der Verein nun dazu eingeladen wurde, oder ob die Reise vom Verein ausging, so genau lässt sich dieser Fakt nun nicht mehr eruieren. Und auch die Zeitdauer der Reise schwankt ein wenig zwischen acht oder 9½ Wochen (Nicht zu verwechseln mit gleichnamigen Hollywood Desaster). Ziemlich sicher aber trugen die internationalen Kontakte des sportlichen Ehrenvorsitzenden und beruflichen Direktors Georg Melches einiges dazu bei, dieses herausragende Unternehmen und eine logistische Meisterleistung erst möglich zu machen. Es galt sich also für lange Zeit von den Liebsten daheim zu verabschieden. Fußballer wurden zu Botschafter ihres Landes. Und sie machten ihren Job gut, denn auch heute noch gibt es nur Gutes über diese lange Reise zu lesen.

Fakten über die Anreise, oder wer sich nun mit wem das Zimmer teilte, haben wir jetzt nicht. Was wir aber wissen ist, dass unser Lokalmatador Helmut Rahn zu der Zeit in der Nationalmannschaft keine großen Leistungen ablieferte, so dass er eigentlich kaum mit einer Nominierung für die baldige WM rechnete. Sehr wohl auf dem Zettel von Sepp Herberger stand aber Torhüter Fritz Herkenrath. Dazu später mehr. Das pulsierende Leben der Metropole Buenos Aires erreicht und sicher mit großen Augen bestaunt, ging es auch schon auf den grünen Rasen, da wo wirklich wichtig ist. Es war der 25. April 1954 und mit Independiente Buenos Aires wartete der erste Gegner auf Georg Melches Reisegruppe. Gespielt wurde im Stadion von Club Atlético Huracán; 25.000 Zuschauer sahen einen 3:1 Erfolg des RWE. Helmut Rahn zauberte erstaunlich gut aufgelegt und wurde so zum Liebling der Massen.

Und so kam es nur einen Tag später zu einem  Angebot des direkten Rivalen von Independiente aus dem Verwaltungsgebiet  Avellaneda! Der Racing Club legte Helmut Rahn und Penny Islacker ein Angebot vor, bei welchem auch Jahrzehnte später noch Spielerberater, Gaby Schuster, Bianca Illgner oder Mama Lasogga Schnappatmung bekommen hätten. Da war alles dabei, was das monetäre Herz begehrt: Bargeld, berufliche Existenz und kompletter Umzug für die Familie. Das Herz für Heimat, Pott und Verein war aber größer, beide lehnten die Angebote dankend ab. Ebenfalls umworben in diesen Wochen die Spieler Herkenrath, Webers und Termath. Und weiter ging die wilde Fahrt: Es war Mittwoch, der 28. April 1954, als der RWE bei San Lorenzo (Bekannt aktuell auch als Verein des Papstes) trotz spielerischer Überlegenheit vor 60.000 Cuervos mit 1:2 unterlag. Knapp eine Woche später, es war Dienstag, der 4. Mai 1954 kam es dann zu einem Treffen der besondren Art: Der komplette Tross wurde in einer Art Sonderaudienz für knapp dreissig Minuten vom argentinischen Präsidenten Juan Perón empfangen. Über das mitgebrachte Gastgeschenk in Form einer handelsüblichen Grubenlampe war der Präsident scheinbar so erfreut, so dass der Reistross aus dem Pott mit seiner präsidialen Maschine Richtung Montevideo abheben durfte.

Kinder des Ruhrgebietes also nun in Uruguay gelandet. Und schon am Abend des selben Tages musste die Mannschaft wieder auf dem Rasen ran. Und da ein Helmut Rahn dort besser aufgehoben ist, als in präsidialer Umgebung, legte er wieder so richtig los und steuerte zwei Tore zum 3:0 Erfolg gegen den Club Atlético Peñarol bei. Das dritte Tor der Essener vor 23.000 Zuschauern erzielte dem Penny sein Knie Islacker. Zwei Tage weiter, heutige Fußballer dürften aufheulen und mit der Gewerkschaft drohen ob der unzumutbaren Belastung, kam es wieder in Argentinien zum Rückspiel gegen Independiente Buenos Aires. Die Rot Weißen gewannen diesmal gegen Rot-Weiss mit 4:2. Angepfiffen wurde am 6.Mai 1954 zudem erst um 22.00 Uhr. Ganz schön stressige Reise bis dahin. Zumal es drei Tage später zur Abwechslung mal wieder in Uruguay galt, gegen den Ball zu treten. Die bisherigen Spiele liessen aufhorchen und nun wollte sich gar eine Nationalmannschaft mit den Pottpöhlern messen: Über 80.000 Zuschauer feierten ein 5:1 von Uruguay über den RWE. Die Sportgeschichte schrieb den 9.Mai 1954. Was auch immer sich Georg Melches in den Planungen mit seinen internationalen Kontakten dabei gedacht haben mag, aber der folgende Trip dürfte für die damaligen Spieler sicher noch härter gewesen sein als für heutige Fans ein Spiel der eigenen Mannschaft. Und das soll was heißen!

Die folgenden Zeilen berichten von zwei Tagen ohne Fußball, aber mit viel Reise. Am 13.Mai 1954 startete die achtunddreißig Stunden dauernde Reise in einem Pullmann Zug Richtung Santiago de Chile. Ohne Platzreservierung. Aber damals gab es auch noch kein Internet, da konnte das schon mal vergessen werden oder sich schwierig gestalten. Die Zugfahrt ging im Anschluss quer durch die Anden weiter, links und rechts der Strecke nicht viel Abwechslung in Flora und Fauna. Der iPod war noch nicht erfunden und auch WhattsApp konnte noch nicht für Kontakte außerhalb der Abteile sorgen. Es galt also gutes Sitzfleisch zu beweisen bis zur Station Rico in Norden Chiles. Wir schreiben nun schon den 15.Mai 1954 und der Pullmann wird gegen eine Chartermaschine getauscht. Flugziel die Hauptstadt Boliviens, La Paz. An dieser Stelle unterbrechen wir kurz die Schreibtätigkeiten und halten uns die Karte Südamerikas vor Augen, um einen Eindruck davon zu bekommen, was für eine Reise der RWE da unternommen hatte. Das hat schon Groundhopper Qualitäten.

Auch hier das Ziel der achtunddreißig Stunden natürlich die neunzig Minuten, für die wir fast alles geben. Und die Männer damals gaben noch so viel mehr. Am 16.Mai 1954 also gegen den Hauptstadtverein Club Bolívar. 3.658 Meter über dem Meeresspiegel steckten nicht nur die Reisestrapatzen in den Knochen, sondern hisste auch die Lunge eines jeden einzelnen die weiße Fahne, so das die Spieler des RWE alle zehn Minuten einen kräftigen Atemzug aus der Sauerstoffflasche zu sich nahmen, um den Abpfiff ohne Kreislaufprobleme zu erleben. Man kann sich vorstellen, wie froh alle gewesen sein dürften, am Abend im Hotelzimmer die Beine hochlegen zu dürfen.

Einen Tag später, also am Montag, 17.Mai 1954 klingelte am Empfang im Hotel der Rot Weissen das Telefon. Der Portier nahm ab und am anderen Ende der Welt meldete sich ein gewisser Sepp Herberger. Seines Zeichens amtierender Bundestrainer. Laut Information des Kicker war des Grund dieses Ferngespräches, den Torhüter des RWE, Fritz Herkenrath zur Rückkehr zu bewegen, um aktiv in die WM Vorbereitungen eingreifen zu können. Der fliegende Pädagoge sollte scheinbar die Nummer Eins im Tor des baldigen Weltmeister Deutschland werden. Doch Fritz Herkenrath lehnte ab, so vielfältig und überwältigend für ihn die Eindrücke und südamerikanische Lebensweise, und blieb!

Auch der Name Helmut Rahn fiel in jenem Telefonat. Seine Leistungen bleiben der Heimat nicht verborgen und der Chef plante insgeheim wohl doch wieder mit dem Boss. Und so kam es nicht mehr ganz überraschend, dass Helmut Rahn dann doch am 19. Mai 1954 die vorzeitige Heimreise antrat. Die Heimreise ähnlich umfangreich wie der Trip nach La Paz. Über Lima, Panama, Miami, London, Brüssel und Frankfurt ging es quasi direkt in die Sportschule Grünwald zur weiteren Vorbereitung auf die WM. Ein wenig Zeit bekam unsere zukünftiger Weltmeistertortorschütze aber auch noch für seine Familie. Welch große Geste.

In der Folgezeit, und bis zum 8.Juni 1954 standen für die zurückgebliebenen, also eigentlich ja alle, noch weitere Begegnungen in Peru, Ecuador, Kolumbien, Costa Rica sowie Venezuela auf dem Programm. Der Zugwart von Rot-Weiss Essen dürfte aus dem berühmten letzten Loch gepfiffen haben, denn es gab viel zu waschen. Die Trikots zudem aus schwerer Baumwolle, der Trikottausch noch unbekannt. Was folgte waren nun Klima- und Perspektivwechsel. Die Essener Reisegruppe machte rüber in die Vereinigten Staaten von Amerika. Hier bleib man zwei weitere Wochen, und spielte natürlich auch im Land der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten Hafenstraßenfußball.

Gegner am 9.Juni 1954 war die Mannschaft mit der kryptischen Buchstabenfolge DAFB. Der, die oder das DAFB unterlag dem RWE ziemlich deutlich mit 1:9. Gibt man heute die Buchstaben in dieser Reihenfolge in eine Suchmaschine ein, wird als erstes eine „Dover Air Force Base“ gelistet. Vielleicht also war es wirklich ein Spiel gegen die Betriebsmannschaft jener Militärbasis, was das hohe Ergebnis erklären könnte. Vielleicht ist DAFB aber auch die Abkürzung für ein Collage Team. Wir wissen es nicht und werden es auch vielleicht nie erfahren. Sicher ist aber der nächste wichtige Meilenstein dieser bedeutenden Reise eines ebenso bedeutenden Fußballvereins: Mannschaft, Trainer und Funktionäre kehrten am 23.Juni 1954 nach langen, und sicher auch beeindruckenden Wochen nach Essen zurück.

Von ihren jeweiligen Gastgebern, der Presse, Familie und Fans als eben jene ausgezeichneten Botschafter für Verein, Stadt und Land gefeiert, die sie waren. Und abends gab es als Zugabe sicher nicht nur Stauder und Kotelett von der so lange wartenden Liebsten. Und was machte derweil Helmut Rahn? Dessen Geschichte ist ja nun mehr als bekannt: Die WM läuft bereits seit dem 16. Juni 1954 und überschneidet sich also mit der Rückkehr des RWE. Und am 4. Juli 1954 kommt dann eben dieser Helmut Rahn aus dem Hintergrund und schiesst! Nach Monaten ohne Pause.