Wir denken selten an das, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt (Arthur Schopenhauer)

Ich kann nicht für Fans von hochklassigen Vereinen sprechen. Ich kann das nicht einmal für die vielen Fans von Rot-Weiss Essen. Ich kann einfach nur meine viertklassigen Gedanken niederschreiben. Und die drehen gerade emotional so ziemlich am berühmten Rad. Rational betrachtet machen wir gerade alles richtig. Am vergangenen Donnerstag wurden jetzt sogar Reisende aus den benachbarten Niederlanden daran gehindert, in unsere Grafschaft Bentheim einzureisen, sofern sie denn keinen triftigen Grund vorweisen konnten. Zwischen Nordhorn und Denekamp herrscht normalerweise mehr zwischenmenschlicher Verkehr als in jedem Puff der Republik, das zur Erklärung!  Diesen zu unterbinden zeigt einmal mehr den Ernst der Lage und ist auch richtig so. Irrational betrachtet jedoch fehlt uns gerade so ziemlich alles, was unser Leben als Fan ausmacht. Dabei ist übrigens ein schönes Phänomen zu beobachten: Je mehr uns der Alltag momentan im direkten Miteinander an Distanz auch abverlangen mag, umso mehr steigt die emotionale Bindung zu unserem Verein. Also zu Rot-Weiss Essen. Ich denke, dass renommierte Robert Koch-Institut käme zu der selben Erkenntnis, würde sie diesbezüglich Untersuchungen anstellen.   

Auch der allerletzte Fan, der sich in den Kommentarspalten vergangener Tage selbst nach knappen Erfolgen noch hämisch über den Verein ausgelassen hat, dürfte langsam aber sicher verspüren, dass ihm etwas ganz wichtiges im Leben fehlt. Was zuvor im normalen Ligabetrieb so nicht zugegeben werden konnte, galt es doch in erster Linie zu lästern und kundzutun, was für Schwachmaten da Saison für Saison auf dem Feld herumstolpern. Keine Liga, kein pöbeln! Tut uns anderen natürlich auch mal gut. Man kann einen Verein übrigens auch mögen, ohne ihn runterzumachen. Das aber nur so am Rande. 

Unseren stolzen Verein Rot-Weiss Essen besuchen diese Saison bislang durchschnittlich aktuell 10.934 Fans. Unser Verein lebt von diesen Fans. Lebt von den Tageseinnahmen (abzüglich der Dauerkarteninhaber*innen). Lebt davon, was die Fans im Fanshop und an den diversen Tresen an Geld lassen, um sich ihr eigenes Stadionerlebnis zu schaffen. Natürlich lebt ein Verein wie RWE auch von der Unterstützung der Sponsoren, ohne Zweifel! Aber hier an der Hafenstraße zählt und zahlt der Fan noch! Das ist nicht zu vergleichen mit dem Zirkus Bundesliga, wo der Fan oftmals zum Kunden deklariert wird, und ansonsten gerne seinen Mund oder Feindbild zu halten hat. Hier in der Regionalliga lebst Du nicht nur Deinen Verein, sondern dieser lebt auch durch Dich und Deinen Besuch. Das schafft schon mal eine Nähe, die vielen Vereinen speziell der ersten Bundesliga abhanden gekommen ist. 

Zudem bin ich sehr erschrocken darüber, wie schnell das finanzielle Kartenhaus dort im Verbund „Verein und Übertragungsrechte“ zusammenzubrechen droht. Ganz wichtig auch die Botschaft handelnder Personen: Während zum Beispiel bei unserem RWE recht schnell alle Beteiligte Kurzarbeit und Gehaltsverlusten zugestimmt haben, um Verein und Arbeitsplätze zu retten, liest man recht wenig darüber in den oberen Etagen. Im Gegenteil, wird doch eher Rettungsschirm an Rettungsschirm herbeigerufen, um den Bumms am Laufen zu halten. Dumm nur, dass den Bumms wohl kaum einer sehen will, findet dieser zwar am TV, aber in leeren Stadien statt. Hier überschätzt sich der Bundesliga Fußball meines Erachtens gerade gewaltig. Der wirkliche Fußballfan guckt lieber im Stadion Rot-Weiss Essen gegen den „1.FC Wenauchimmer“ als beispielsweise die TSG Hoffenheim gegen den 1.FC Köln als Geisterspiel am Bildschirm. 

Und weil der RWE eine solche Anziehungskraft auf den Fan hat; im hiesigen Fußball immer noch eine gute und emotionale Adresse darstellt, ist er auch ständig mit dabei, wenn in Funk und Fernsehen von den wirtschaftlichen Problemen der Vereine die Rede ist. Marcus Uhlig dürfte sich mittlerweile den Mund fusselig geredet haben, um das Dilemma Corona für den RWE erklärt zu bekommen. Auch dem RWO sein Hajo Sommers in diesen Tagen ein gern gesehener Interviewpartner mit guten Ansichten. Gute Ansichten, die aber immer dann an die Grenzen stoßen, wenn es wirklich um eine Entscheidung geht. Wenn es wirklich um den Tag X geht, an dem die Saison für beendet erklärt wird.

Und nun sitzen wir hier und schreiben auf teurer Tastatur einen Text über unsere Vergangenheit, damit ich den Frust verlier. Ich möcht wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut. Denn RWE find man bekanntlich im Dreck und Heimspiele sind aus Dreck gebaut. 

ja gut, dass war jetzt die Abwandlung von Marius Müller-Westernhagens „Mit 18“. Aber genau so sieht es doch aus. Wir haben Frust ob der Situation, möchten wieder für unseren Verein singen, diesen malochergeprägten und eingetragenen Verein. Aber keiner kann uns sagen, wann wir uns an der Hafenstraße 97a wiedersehen. Ich glaube, dass ist etwas, was am meisten an uns nagt: Es fehlt nicht am Bewusstsein daran, dass alle Maßnahmen aktuell wichtig und richtig sind. Es fehlt an der für uns einzig wirklich wichtigen Entscheidung: Was ist mit der aktuellen Saison? Wer erklärt sie endlich für beendet? Und zu welchen Bedingungen? Wer hat die Lösung parat um allen Vereinen auch nur annähernd gerecht zu werden? 

Gibt es überhaupt eine gerechte Lösung? Oder, ist eine sportliche Lösung überhaupt wichtig, wenn zigtausende Menschen um ihr Leben kämpfen? Ist es vielleicht sogar anmaßend, seinen eigenen Verein über die Belange der Allgemeinheit zu stellen? 

Ich weiss es nicht mehr, zu schwierig eine passende Antwort. Was ich aber in den letzten Wochen gespürt habe ist, einmal mehr zu empfinden, wie sehr ich Rot-Weiss Essen liebe. Der RWE ist Teil meiner Familie. Ich kann nicht ohne, mag mir das auch gar nicht vorstellen. Die Spiele fehlen; die Menschen fehlen. Wir haben aktuell doch nur den Verein als solches. Und den dürfen wir nicht auch noch verlieren.  Ich habe solch eine Sehnsucht nach der Hafenstraße. Aber, ich halte das aus! 

Wenn ein Verein unkaputtbar ist, dann wohl Rot-Weiss Essen. Eher friert die Hölle zu, als das Corona Helmut Rahn vom Sockel holt. Aber wir sollten trotzdem auf unseren Verein aufpassen. So als ob er Teil unserer Familie wäre. Denn eigentlich ist er das ja auch. Seit 1907.

Frohe Ostern. Bleibt gesund. Und bitte bleibt zuhause!

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