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Nordwesttrilogie. Teil 2.

Ach, ich bin ja immer so zwiegespalten: Zum einen liebe ich das große Kino RWE mit vollem Stadion und sportlichen Erfolgen. Es war ja auch wirklich an der Zeit. Andererseits gibt es da aber auch diese kleinen Kammerspiele, zumeist als Vorbereitungsspiele bekannt. Irgendwo im Nirgendwo steigt man nach langer bis längerer Fahrt aus, um bekannte Gesichter in überschaubarer Zahl zu begrüßen, und sich schon alsbald an der Gastfreundschaft „kleinerer“ Vereine zu erfreuen. Zumeist gibt es noch schöne Platzanlagen mit ganz besonderem Charme als Zugabe und spätestens nach einer Platzumrundung wird man von mindestens einem oder einer Einheimischen angesprochen. Nicht selten verbunden mit der Einladung auf ein Kaltgetränk.

Fußball ist für einen Verein wie Rot-Weiss Essen somit wohlwollend konträr: In der Vorbereitung das laue Sommerlüftchen und entspannte Miteinander, in der Liga hingegen ab sofort wieder gegnerische Fans en Masse und der jeweilige Ordnungsdienst und Polizeiapparat. Will sagen: Vorbereitung ist schon geil! Zumal, wenn sie dann auch noch im Nordwesten unserer Republik stattfindet. Ziemlich hinter Nordhorn in Emden, Weener und in Holthausen-Biene. Den Auftakt der Nordweststory Freitagabend in Emden noch am heimischen Stream verfolgt und aufgrund Leistung und Ergebnis wohlwollend abgenickt, ging es nicht allzu viele Stunden später über die alte B70 gen Norden. Der „Friesenspieß“ aka A31 wurde wohlweislich gemieden, verhieß doch der Ferienanfang im Lieblingsbundesland NRW zu viele Mitbewerber auf gerader Strecke. Somit ging es also nicht nur vorbei am Stadion des zukünftigen Kontrahenten aus Meppen, sondern auch an der Meyer Werft.

Und dann war sie auch schon erreicht, die hochherrschaftliche Kommerzienrat-Hesse-Straße mit dem Enno-Beck-Platz des TuS Weener am Straßenrand. Ich kenne mich jetzt in Groundhopping Kreisen nicht so aus, aber mit einer überdachten Tribüne versehen, dürfte der Enno-Beck-Platz durchaus schon als Stadion durchgehen. Dieses Spiel in Weener verdankt Rot-Weiss Essen nicht zuletzt einem berühmten Sohn der Stadt: Eberhard Strauch hat zwischen 1972 und 1977 seine Fußballstiefel an der Hafenstraße geschnürt. Fünf Jahre RWE und vier davon im Verbund mit Willi Lippens, das dürfte für ein ganze Leben reichen. Und war sicher auch der Grund dafür, dass unsere geliebte Ente zugegen war, um gemeinsam mit Eberhard Strauch als Schirmherr der Begegnung Rheiderlandauswahl gegen Rot-Weiss Essen zu fungieren.

Im Rahmen der Belastungssteuerung ließ RWE extra für dieses Spiel sieben U19 Spieler einfliegen, während den Herren Profis lediglich ein karges Nachtlager in der Jugendherberge von Leer zugestanden wurde. Den Stadionsprecher in Weener jedoch dürfte die Kadererweiterung kalt erwischt haben, denn keiner der jungen Spieler stand schlussendlich auf der vorab gedruckten Spielerliste. Dafür kennen wir aber  nun die Heimatvereine der Spieler aus der Rheiderland-Auswahl. Und was soll man schreiben: SV Ems Jemgum, Teutonia Stapelmoor oder SV Wymeer-Boen liest sich doch allemal schöner als Gelsenkirchen! Man hätte sich auch so richtig heimisch fühlen können auf dem Enno-Beck-Platz, aber „Uschis Imbiss“ am Spielfeldrand hatte ausgedient und wurde durch einen modernen Imbisswagen ersetzt.

Wie nach Spielende zu erfahren war, wurde die Rheiderland-Auswahl auch deshalb ins Leben gerufen, um verdiente Spieler der Region zu würdigen, die sich schon im Herbst ihrer Karriere befanden. Und die wollten es noch einmal wissen und machten es der „Jugend forscht“ Truppe von Rot-Weiss Essen so richtig schwer. Schwer zu kämpfen hatte auch die Ersatzbank am Spielfeldrand, die gefühlten siebenundachtzig Mitglieder der RWE-Jugendherbergstruppe mussten schließlich auch den Statuten entsprechend untergebracht werden. Übrigens sind ja Fußballer, die gerade nicht spielen, sich aufwärmen oder trainieren ein Phänomen: Man schleppt sich geradezu von einem Ort zum anderen, nur um sich dann schnell wieder hinzuflegeln. Der Fußballer im Ruhemodus ruht tatsächlich und ausdauernd. Am liebsten mit Beine hoch.

Diejenigen auf dem Feld kamen im Laufe der neunzig Minuten noch zu einem deutlichen 5:0 Erfolg für unseren RWE. Sportlich möglicherweise ein Muster ohne Wert, inhaltlich aber eine ganz tolle Begegnung, die ich jederzeit direkt wieder besuchen würde. Und wenn es nur der herrlichen Bratwurst wegen ist. Vergesst Wattenscheid als Titelträger des goldenen Senfordens am Bande: Die Wurst in Weener ist besser. Und dann war da noch der ältere RWE Fan, dessen Vita aufhorchen ließ: Er war schon 1955 bei der Meisterschaft in Hannover dabei, lebt nun im nahegelegenen Ihrhove und wünschte sich nichts sehnlicher als ein gemeinsames Foto mit Willi Lippens. So seine Bitte vor dem Spiel, die mir ehrlicherweise erst kurz vor Spielende wieder einfiel. Aber es gab Entwarnung, denn stolz berichtete er mir davon, schon jemand anderes mit Kamera gefunden zu haben, der seinen Fotowunsch realisieren konnte. Gottseidank, dass hätte ich mir nie verziehen. Gerne hätte ich aber noch herausgefunden, ob sein getragenes Baumwolltrikot lediglich ein Replikat aus dem Fanshop war odertatsächlich dem Meisterjahr entsprungen. Wir werden es wohl nie erfahren. Lerneffekt einmal mehr: Die Fans von Rot-Weiss Essen sind überall verteilt!

Die Möwen flogen über das Feld, die Seeluft war schon zu riechen und überhaupt: Es war schön in Weener. An Tagen wie diesen braucht es eben kein großes Kino.

„Die Luft des Meisterschafts Finales atmen die Bergeborbecker zum ersten Male!“

Die heutige Überschrift ist Seite Vier der einen Tag nach dem Endspiel von Hannover erschienenen Sonderausgabe zur Deutschen Fußball-Meisterschaft 1955 entnommen. Sozusagen eine Überschrift auf Leihbasis. Einunddreißig Seiten umfasst diese im Original vor mir liegende Sonderausgabe und will mit Samthandschuhen angefasst werden. Zweiundsechzig Jahre ist eine lange Zeit. Sowohl für vergangene Meisterehren, als auch für eine Zeitschrift. Das Titelbild übrigens erweckt den Eindruck, die Roten Teufel hätten in grasgrüner Kluft versucht, die Meisterschaft in die Pfalz zu holen. Tatsächlich jedoch war die Druckmaschine auf Rot-Weißer Seite, denn:

Fünf Minuten vor Spielbeginn betreten die beiden Endspielteilnehmer, der Vizemeister des Vorjahres, 1.FC Kaiserslautern, in „Schalke Blau“, der erstmalige Finalist Rot-Weiss Essen in seiner Vereinskluft, das mit mehr als 75.000 Zuschauern bis auf den letzten Platz gefüllte „Niedersachsen-Stadion“. Ein Jubelsturm empfängt sie – (Seite 23)

Die Lauterer also in Königsblau. Selbst schuld. Auf exakt einunddreißig Seiten nun lassen Herausgeber Gerhard Bahr und seine Redakteure Vorrunde, Rückrunde und eben jenes für uns so bedeutende Endspiel Revue passieren. Auch der Amateurmeisterschaft wurde eine Doppelseite gewidmet. Auch so ein Wettbewerb, in welchem der RWE sich sehr gut auskennt. Lange Rede, kurzer Sinn: Hinein in das Heft der schönen Erinnerungen; erschienen am 27.Juni 1955…..

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Diametral abkippender Sechser.

Zu Beginn möchte ich dem neuen Ehrenmitglied bei Rot-Weiss Essen, Otto Rehhagel, für die heutige Überschrift danken. Diese Begrifflichkeit erwähnte Herr Rehhagel im Zuge seiner Rede anlässlich besagter Beförderung. Herr Rehhagel ist eine Type im Fußball; und wenn man ihn heutzutage ab und an auf der Tribüne an der Hafenstraße erlebt, so zeigt er dort immer noch mehr Emotionen, als Dr. Uwe Harttgen Gesichtsausdrücke hat. Ein Fußballer durch und durch.

Trotzdem bin ich zugleich auch etwas froh, dass der Fußballlehrer Rehhagel auf der Tribüne und nicht mehr am Spielfeldrand sitzt. Also bei RWE jetzt. Weil, da sitzt ja nun ein neuer Trainer. Der Jungspund Jan Siewert. Gerade erst zum Mann gereift. So der erste Tenor im Plenum Forum. Nun sind einige Tage seit Amtsantritt vergangen und man wird das Gefühl nicht los, als ob an der Hafenstraße einmal kräftig durchgelüftet wurde. Auf der Jahreshauptversammlung herrschte dagegen ein emotional erstaunlich laues Lüftchen. Es gab von den Mitgliedern also keine Generalabrechnung bezüglich der Norddeutschen, ausser vielleicht in punkto Entlastung. Das deren Herkunft übrigens nicht der Grund für die vergangenen Saison war: Eines Tages wird man es verstehen.

Nun also der Rheinland-Pfälzer aus Mayen. Und mit im Gepäck auch der neue Sportdirektor Andreas Winkler. Im Verein jedoch bestens bekannt. Nicht aus Funk und Fernsehen, sondern diversen Funktionen. Und dieses schon seit über zwölf Jahren. Es ist also davon auszugehen, dass Andreas Winkler weiss, wie die Hafenstraße tickt. Sein Geburtsort war leider nicht zu eruieren, so dass wir noch nicht wissen, welchen Teil der Republik wir dann beschimpfen, sollte die Saison nicht erfolgreich verlaufen. Glaubt man aber den Trainingskiebitzen dieser Tage; hat zudem die ersten Auftritte von Jan Siewert und Andreas Winkler mitverfolgt, so kann es in der kommenden Saison etwas werden mit der Vision Hafenstraßenfußball. Was nicht zwingend die Relegation bedeutet.

Der frische Wind bringt nun aber so viel Wirbel mit sich, so dass aus uns aus der Vorstandsetage von jawattdenn.de folgende sms erreichte:

Puh. Erstes Testspiel gewonnen. Die Trainingskiebitze sind begeistert von den Einheiten. Alle scheinen Spaß zu haben. Holt mal jemand den Fascher zurück, damit mal auf die Euphoriebremse getreten wird.

Wir sind scheinbar so negativ konditioniert, so dass wir bei Spaß an alles denken, aber nicht an unseren RWE. Wir wissen nicht mal, ob unser neuer Trainer nun mit oder ohne diametral abkippenden Sechser spielen lässt. Was ist das überhaupt für ein Gedöns?. Vielleicht aber musste die vergangene Saison einfach sein um nun endgültig ganz von vorne anzufangen. So sollten wir es auch angehen. Ganz von vorn, in Fachkreisen auch 1.Spieltag genannt. Sollten gemeinsam Essen, gemeinsam anfeuern und manchmal auch einsam leiden.

Die vergangen Tage haben deutlich gezeigt. dass die einzige Meisterschaft für unseren Verein immer noch die Nabelschnur bedeutet, welche ihn mit der öffentlichen Wahrnehmung verbindet. Doch sie wird schwach und schwächer, je länger wir in den Niederungen der Ligenpyramide  als Smoothie oder Trinkwasser darben, anstatt einige Etagen höher endlich wieder Fleisch und Fisch zu sein. Um einmal die Ernährungspyramide zu zitieren. Saison Acht nach „Lübeck“. Es nützt ja nix, ich freue mich drauf. In diesem Sinne: Nur der RWE!