Monatsarchive: Juli 2017

Geht wieder los.

Ein Fan des VfL Bochum hat mal festgestellt, dass die Phase vor Saisonbeginn durchaus mit Hoffnung verbunden ist. Wenigstens für die ersten drei Minuten des ersten Spiels. Danach könnten die Ziele eines Fans nachverhandelt werden. Nach dem Auftakt bei der Dortmunder Zweitvertretung bleibt festzuhalten: Wir haben nicht nur die ersten drei Minuten überstanden, sondern halten die Hoffnung worauf auch immer im Hinterkopf. Und wir halten auch nicht alle Plakate hoch. Ganz wichtig in Zeiten von Verallgemeinerungen. Wir helfen aber manchmal schon Stunden vor dem Spiel einem älteren Fan wieder auf die Füße, der über selbige gestolpert ist. Kurz nach Mittag. Aus Gründen, was dessen Begleitung zu der Frage veranlasste, ob er wirklich noch ein weiteres Bier vor dem Spiel trinken wolle.

Wir wissen nun nicht, ob erwähnter Fan überhaupt noch etwas von dem darauf folgenden und sehr spannenden Fußballspiel mitbekommen hat; es geht uns auch nichts an. Vielleicht aber stehen kommenden Sonntag wenigstens vor Spielbeginn andere Getränke auf der Karte.

Exkurs:

Wenn man einem Stadion etwas wünschen könnte, dann würde ich der Kampfbahn Rote Erde in Dortmund einen Standort wünschen, wo es nicht vom direkt angrenzenden Koloss Westfalenstadion erdrückt wird. Die Rote Erde an sich ist schon (immer noch) ein wunderschönes Stadion. Man denkt sich beim Spielbesuch einfach die moderne Tartanbahn nebst Diskuskäfig und mit Flatterband/Zäunen abgesperrten Bereiche weg und ist für neunzig Minuten wieder in einer Zeit angekommen, wo vorrangig entscheidend auf`m Platz war. Auch, wenn man dafür doch etwas weiter weg vom Spielfeld sitzt/steht. Die Tribüne mit ihren Aufgängen und Treppen rechts und links, inklusive sanitär bedingter Geschlechtertrennung (Die bei gestriger Fantrennung natürlich nicht einzuhalten war. Der männliche Rot-Weisse musste also bei den Frauen müssen); die Bänke und die Räumlichkeiten im Tribünenbauch: Einfach schön und gepflegt.

Ebenso alt wie die Tribüne dürften dort auf der Gästeseite die angebotenen Frikadellen im möglicherweise noch älteren Brötchen gewesen sein. Das aber nur nebenbei.

Der schönste Bereich in der Kampfbahn Rote Erde ist für mich jedoch der Eingangsbereich mit seinem schönen Stein, dem Biergarten und der Heimkurve. Wie schön kann doch der Fußball sein, betrachtest Du jenen aus einer Kurve wie dieser unter prächtigen Bäumen. Die nicht nur Schatten spenden, sondern gelegentlich auch das Lied des Windes singen. Ein harmonischer Dreiklang, der dem Fan nicht nur einen schönen Einlass beschert, sondern auch Gelegenheit, um noch lange nach den Spielen unter Gleichgesinnten über das gerade Gesehene zu fachsimpeln. Jedes Stadion sollte einen solchen Biergarten besitzen und über Dächer aus Bäumen verfügen, die im Herbst ein noch schöneres Farbenspiel bieten. Und auch hier: Natürlich ist das Spielfeld weit entfernt. Aber, hier darf man sein. Ich hoffe, der BVB erhält diesen Stadionbereich mindestens so lange, bis das Geld endgültig den Fußball zerstört hat und keine Fans mehr benötigt werden.

Während der neunzig Minuten gestern blieb aber keine Zeit mehr, sich weiter in düsteren Gedanken rund um den Fußball abseits des Rasens zu verlieren. Von Beginn an gingen beide Mannschaften trotz der schwülwarmen Witterung ein sehr hohes Tempo. Von Beginn an legte unser RWE eine Leidenschaft zu Tage, die man vielleicht etwas länger nicht mehr gesehen hatte. Manche munkelten sogar, auch sehr viel länger schon nicht mehr. Von Beginn an sorgten zudem beide Fanlager für eine nimmermüde Unterstützung. Es machte Spaß zuzuschauen. Sorgen bereiteten anfangs noch die Standards, lag hier doch unsere Schwachstelle. Aber, Trainer und Mannschaft schienen ihre Lehren aus dem Steinbach Spiel gezogen zu haben: Alles gut, alles schick. Die Roten gingen also durchaus verdient in Führung, um durch einen Elfmeter den Ausgleich zu kassieren. Da keine große Reklamation unsererseits folgte, gehe ich mal von einem berechtigten Pfiff aus. Allerdings hatte der Unparteiische definitiv seine ureigenen Schwachstellen, sorgte er doch auch für manch unerklärlichen Pfiff. Oder pfiff erst gar nicht, obwohl die ein oder andere Dortmunder Hand im Spiel war. Aber, als Gegner des Videobeweises rege ich mich nicht mehr lange darüber auf und habe somit die Tatsachenentscheidung zu akzeptieren. Wenn auch nur lautstark fluchend. Aber, auch das ist ja Fußball. Noch darf man fluchen.

In der zweiten Halbzeit wurde das Spiel noch intensiver als es eh schon war. Den Einsatz nun hauptsächlich an unserer neuen Nummer 10 mit Namen Pröger festzumachen täte den anderen Spielern natürlich unrecht, aber was er alleine für ein Lauf- und Grätschpensum abgeliefert hat: Chapeau! Ich wäre tot umgefallen, jede Sauerstoffmaske käme zu spät.

Ach, Herr Siewert: Das war übrigens Hafenstraßenfußball, wie wir ihn verstehen und meinen!

Kein Ball wurde verloren gegeben. Der Pröger also kein „Dröger“ sondern vielleicht der so erhoffte Gute. Alle liefen weiter und auch der schnelle Rückstand nach der Pause tat dem Einsatz und Willen keinen Abbruch. Das war aber auch ein schönes Gegentor. Die Weitschüsse, sie gehören noch lange nicht auf das Abstellgleis. Abgezogen und einmal oben in den Winkel gedonnert. Fußball, Du kannst so herrlich sein, selbst bei einem Gegentor. Das Spiel also weiter gallig und voller Spannung; gelegentlich bildeten sich gar Rudel, nur um sich dann wieder das Wasser zu teilen.

Dazu diese kleinen zwischenmenschlichen Szenen, die zeigen ob man eine Mannschaft auf dem Platz sieht oder nur Angestellte: Die Art, wie ein Spieler nach einer guten Situation gefeiert wurde; die Geste von Benni Baier nach seinem Ausgleichstor in Richtung Daniel Engelbrecht. All das tat gut und führte letztendlich zu einem mehr als verdienten 2:2 Endstand. Drei Punkte wären aber unter dem Strich trotzdem verdient gewesen. Hier darf ein gewisser Anteil dem Unparteiischen zugesprochen werden. An der Leistung von Rot-Weiss Essen hier und heute gab es jedenfalls nichts zu mäkeln.

Das sahen auch die anwesenden Fans so und verabschiedeten ihre Mannschaft mit langanhaltendem Applaus. Natürlich: Es ist erst der erste Spieltag und nichts darf überbewertet werden. Aber vielleicht ist jetzt erst der Schaden inflationärer Zu- und Abgänge behoben und kann es endlich wieder die Mannschaft des RWE auf dem Feld schaffen, den Verein zu vereinen.

Das gestern war ein guter Anfang. Und wir alle brauchen so dringend auch mal ein gutes Ende. Auf und neben dem Platz.

Nur der RWE!

Das (Fußball-)Buch ihres Lebens

Was als erstes auffällt ist die Haptik dieses Buches: Bedingt durch den stabilen Einband aus fester Pappe liegt es wunderbar in der Hand und klappt sich entsprechend zu (und wieder auf). Alle Bücher sollten sich so anfühlen und in der Hand liegen. Ein geradezu erwärmendes Gefühl. Eine der Autorinnen dieses Buches fand dann in einem „Post“ noch viel passendere Worte:

„Bücher soll man nicht nach ihrem Aussehen beurteilen, sagen sie. So´n Quatsch! Illustration vorne drauf, Konturlack auf dem Titel, Tornetz als Vorsatzpapier, der ganze Einband ein Liebeserklärung der Buchgestaltung an den Fußball“

Es bleibt aber nicht nur bei diesen Liebeserklärungen zur Buchgestaltung. Die Texte als solche sind es auch: Eine Liebeserklärung, Leiden inklusive! Vierundzwanzig sehr intelligente und schreibende (Fußball-) Menschen haben diesmal ihren Intellekt Intellekt sein und das (Fußball-) Herz sprechen, beziehungsweise schreiben lassen. Vierundzwanzig Mal ging es um das Spiel ihres Lebens. So erklärt sich auch der Titel des Buches: „Das Spiel meines Lebens“.

Warum das Buch einen so berührt sind bisweilen die Sätze, mit denen das Gefühl Fußball beschrieben wird. Das reine Ergebnis ist eigentlich sekundär, denn fast noch schöner als Fußballgeschichte sind doch Geschichten über den Fußball. Viel interessanter als Statistiken das, was das Spiel an jenem Tag mit den Menschen gemacht hat. Es entspringt diesem Buch das ganz große Gefühl, mit bisweilen ganz viel Hingabe. Der Leser liest von Stellvertreterdramen, Luizidem Vorsterbezustand; wird an Murdo MacLeod und das meinerseits schon vergessene „Silver Goal“ erinnert. Es handelt sogar von Arminia Bielefeld, Holstein Kiel, BFC Dynamo. Von Energie Cottbus, dem FC Carl-Zeiss Jena und nicht von Rot-Weiss Essen. Und von einigen anderen ganz bekannten Vereinen. Aber lest selbst.

Wobei Rot-Weiss Essen tatsächlich einmal erwähnt wird. Auf Seite 263.

Wer aktuell mit vielen Dingen rund um den Fußball dieser Tage hadert, der wird daran erinnert, was den Fußball wirklich ausmacht und warum wir doch immer wieder Tag für Tag auch unseren Verein leben. In diesem Buch dürfen Ball und die Neunzig Minuten endlich wieder glücklich sein. Für einen langjährigen Fan kann dieses Buch möglicherweise zweierlei bedeuten: Es kann einen schönen Abschluss der eigenen Fankarriere bedeuten, indem man sich selbst an die guten Zeiten erinnert und nun den Fußball komplett der Geldgier überlässt. Es kann aber auch einen Neuanfang bedeuten und uns darin ermutigen, dass wir die aktuell eher „kranken“ Entwicklungen im Fußball nicht gewinnen lassen werden.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass man diesem Buch unbedingt einen zweiten und dritten Teil wünscht, und dass das schönste Paar von Berlin auch heute noch das schönste Paar von Berlin ist.

Das Licht am wo auch immer.

Nach der Saison ist vor der Saison. Was bedeutet, dass auch der RWE in absehbarer Zeit wieder in den Ligabetrieb einsteigen wird. Vorbei somit die Zeit der relativen Stille und entspannter Testkicks. Es wird Ernst. Und wir alle wissen, dass mittlerweile mit dem RWE nicht mehr zu spaßen ist. Den Grund kennen wir alle, ist er doch tief in fast zehn Jahren relativ sportlicher Bedeutungslosigkeit verwurzelt. Würde Pöbeln, Häme und Beleidigungen einen Aufstieg herbeiführen, so würden wir heute direkt wieder Bundesliga spielen; das ist ja mal klar.  Aber so einfach ist die Geschichte leider nicht, und das ist eben noch viel klarer. Der Verband aller Verbände rückt von dieser sportlichen Perversion namens Regionalliga nicht ab, und somit hat nicht nur der FC Bayern die Arschkarte und darf als Meister nicht direkt aufsteigen, sondern auch einige Vereine tief im Ligenunterholz darunter. Nun gut, der RWE braucht sich um derlei eigentlich auch noch gar nicht groß zu kümmern: Von einer Meisterschaft war man ebenfalls in den letzten Jahren ziemlich weit entfernt.

Aber, es ist auf jeden Fall gut, sich gegen die derzeitige Regelung zu positionieren, denn eines Tages ist man hoffentlich selbst davon betroffen. Und vielleicht leuchtet das Licht am Ende des so ewig langen Tunnels vielleicht schon in der kommenden Saison ein wenig heller als in den vergangenen Jahren. Es ist nicht nur der überraschende Erfolg im Testspiel gegen den scheinbar übermächtigen BVB, welcher die Hoffnung auf bessere Zeiten bestärkt. Es ist auch den vielen Abgängen geschuldet. Natürlich haben wir einen kleinen Kader und natürlich darf das vermaledeite ewige Verletzungspech nicht weiter wirken. Natürlich war auch das Testspiel in Bocholt kein wirklich guter Auftritt. Aber, diese permanente Fluktuation, diese ach so vielen Neuzugänge; diese spielerischen Enttäuschungen in unseren Trikots: Es wurde ein Schnitt vollzogen, der auf den ersten Blick eher etwas von ausbluten hat, aber auf den zweiten Blick einfach auch Sinn macht.

Es sind Spieler gegangen (gegangen worden), die unseren geliebten Verein einfach nicht weitergebracht haben. Geblieben jedoch ist ein eingespielter Stamm, welcher es nun leichter haben dürfte, gezielt verpflichtete Neuzugänge auf dem Feld zu integrieren. Aber wie geschrieben, immer unter der Prämisse, dass das Verletzungspech sich in der kommenden Saison einfach mal von der Hafenstraße fernhält.

Was leider aber auch geblieben ist, ist der gefühlte Fakt, dass alle anderen Vereine die Saison bei Null Punkten beginnen, unserer RWE die seine jedoch bei Minus was auch immer Punkten. Immer mal feste drauf auf das, was man doch eigentlich liebt. Immer kräftig dagegen anstänkern, dessen Fan man doch eigentlich ist. Fairerweise muss man sagen, dass es sich ja immer noch einigermaßen die Waage hält. Geduld ist schwer. Geduld nach nun fast zehn Jahren bisweilen unerträglich schwer. Aber noch einmal die Bitte: Kein Aufstieg wurde jemals durch Beleidigungen erreicht. Einen Aufstieg erreicht man nur zusammen.

Wir alle können dieses so lang ersehnte Ziel nur zusammen erreichen. Und das können wir, auch wenn wir inhaltlich trotzdem nicht immer einer Meinung sind. Das muss auch gar nicht. Der Fan darf seine Meinung haben. Der Verein natürlich auch seine. Der Ultra hat seine Meinung. Der Hool auch und der Meckeropa sowieso. Aber wir haben doch alle zusammen eines gemeinsam. Einen großen gemeinsamen Nenner: Wir alle haben Rot-Weiss Essen und Rot-Weiss Essen hat uns. Vielleicht können wir uns erst einmal auf diesen gemeinsamen Nenner verständigen und gucken mal, was in den ersten Spielen so geht. Das große Ziel können wir eh nur gemeinsam erreichen. Vielleicht aber noch eher zusammen.

Zusammen.

Der Mann mit dem Koffer. Oder auch: Wo war Frank Kontny?

Keine Angst:  In den folgenden Zeilen ist nicht von Rainer Calmund die Rede. Auch wenn ein solch Aktenkoffer inklusive Treffpunkt „Eiscafé La Perla“ durchaus eine Rolle in einem Film über einen sportlichen Seelenfänger der Wendezeit hätte spielen können.

Das besagte Eiscafé befindet sich in Essen Altenessen, existiert also wirklich und die (gute) Seele, um die es hier geht, nimmt einen gefangen. Aber in einer Art und Weise, die nicht nur das eigene Rot-Weisse Herz aufgehen, sondern auch Zeit und Raum vergessen lässt. Es ist gar nicht so einfach, einen Termin mit Günter Barchfeld zu bekommen, denn sein Leben ist nicht nur ein Gleichklang mit seiner Frau, sondern auch ganz eng mit den Terminen der  RWE Kicker verknüpft. Sofern diese denn an der Hafenstraße stattfinden. Doch am vergangenen Samstag machte sich der Tross des RWE auf in das Trainingslager und Günter Barchfeld fast zeitgleich auf den Weg in eben jenes Eiscafé. Er muss frühzeitig vor Ort gewesen sein, denn als wir kamen, war ein Eisbecher ebenso Geschichte wie die einzige Meisterschaft unseres Vereins.

Das Handy zusammengeklappt und folglich ein anderes Gespräch für unser Gespräch beendet, kam Günter Barchfeld sofort zur Sache und stieg ein mit dem Pokalfinale 1994 in Berlin: Im Zuge des Lizenzentzugs gab es wohl auch zwischenmenschliche Probleme innerhalb des Vereins, die darin gipfelten, dass in Berlin in zwei Hotels abgestiegen wurde: Mannschaft und Trainer nebst Verantwortliche auf der einen Seite, und wohl Frank Kontny nebst auch scheinbar Verantwortlichen auf der anderen Seite. Auf jeden Fall: Frank Kontny war weg und zudem in Ungnade beim amtierenden Trainer Wolfgang Frank gefallen. So sagt es die Legende. Nichtsdestotrotz  wollten nun alle anderen Spieler endlich wissen, wie es sich denn so aufläuft am bisher größten Spiel nach 1955. Aber, die Mannschaftsaufstellung gab es erst um halb fünf und zudem war der Kaffee schon kalt. Was einen weiteren Einsatz für Günter Barchfeld bedeutete: Heißer Kaffee musste her!

Während nun draußen im Olympiastadion die Feierlichkeiten vor dem Spiel begannen, die Hymne gespielt und DFB unfreundliche Banner einkassiert wurden, versuchten in den Katakomben die „Physios“ des RWE, Ingo Pickenäcker über anderthalb Stunden für das Spiel fit zu bekommen. Der Erfolg dieser Bemühungen eher suboptimal, denn Ingo Pickenäcker wurde schon in der 39. Minute durch Roman Geschlecht ersetzt. Zudem brachte es Günter Barchfeld um die ersten zwanzig Minuten des Endspiels, denn einer musste das herumliegende Verbandsmaterial in der Kabine ja entsorgen. Erspart bleib ihm dadurch immerhin die Führung der Werderaner. Das Ende des Spiels ist allgemein bekannt, was die Essener Mannschaft aber nicht davon abhielt, nun auf Partymodus umzuschalten. Und womit? Mit Recht! Dumm nur, dass man sich auch noch den Rolf Töpperwien mit in den Bus geholt hatte, machte er doch nun Stress und drängelte auf eine rasche Fahrt zum Hotel. Schließlich war das aktuelle Sportstudio seinerzeit noch wirklich wichtig.

Mit im Bus übrigens auch der verlorene Sohn Frank Kontny. Die Mannschaft hatte dafür gesorgt, quasi gegen den Willen des Trainers. Aber, es ging alles gut in den neunzig Minuten, die der Bus vom Stadion zum Hotel benötigte.  „Haben sich nicht an die Köppe gekriegt“, so Günter Barchfeld. Dass die innerstädtische Fahrt überhaupt an Dauer fast biblische Ausmaße annahm war der Tatsache geschuldet, dass die Mannschaft am „Kuhdamm“ den Bus verließ, um mit den Fans zu feiern und zu tanzen. In Zeiten permanenter Unzufriedenheit und ständiger Motzerei in den (a)sozialen Netzwerken heutzutage ein kaum mehr vorstellbarer Akt des gemeinsamen Miteinanders. Fußball war damals toll. Auch ohne Lizenz. Wir hielten zusammen. Der Rest des Abends war eine einzige große Sause und die „Kobra“ Jürgen Wegmann sorgte dankenswerterweise auf Bitten ständig für frisches Bier. Am nächsten Tag empfingen wieder viele Fans ihren RWE auf dem Kennedy Platz. Essen war Rot-Weiss.

Im darauffolgenden Jahr fiel diese tolle Mannschaft von Rot-Weiss Essen auseinander.

Ein frischer Kaffee wurde gebracht, und wir waren plötzlich in der Kindheit von Günter Barchfeld, aufgewachsen in der Wildstraße 4 in Vogelheim. „Vattern“ war eigentlich schuld daran, dass „Dicken“ (so nannte Vattern Berchfeld seinen Sohnemann Günter) ziemlich früh mit dem RWE konfrontiert wurde, lagerten doch im heimischen Keller die Trikots und Materialien der damaligen Spielergeneration in der Nachkriegszeit. Und so verwundert es nicht, dass der junge Günter schon 1946 im zarten Alter von zwölf Jahren mit seinem RWE das erste Mal zu einem Auswärtsspiel fuhr. Fahren durfte, in der hintersten Reihe sitzend! Was für eine unfassbar lange Zeit in Rot-Weiss.

Günter Barchfeld war an diesem Nachmittag wie ein guter Stürmer, somit kaum zu stoppen. Das ganze Spielfeld der vergangenen siebzig Jahre wurde beackert und so verwundert es nicht, dass wir ohne Vorwarnung in den wilden Siebzigern ankamen. In einer Zeit, in der es schon Abschlussfahrten nach Mallorca gab. Eigentlich hatte Günter Barchfeld Schicht auf seiner Zeche, doch Willi Lippens tat im Mannschaftskreis folgendes kund: „Wir nehmen keinen von der Presse mit, Günter muss mit“. Und so bekam Günter auf dem kurzen Dienstweg einige Tage frei und konnte die Mannschaft in das Hotel Bali auf Mallorca begleiten. Im Gepäck übrigens auch über hundert Fans der Kicker vonne Hafenstraße. Und was soll man schreiben? Es goss scheinbar weniger in Strömen als das es Alkohol floss. Aber wenn es darauf ankam, waren alle RWE Spieler stets wie aus dem Ei gepellt. Oder frisch geföhnt. Als sie dann Freitag Mittag wieder in Essen ankamen, legte sich Günter Barchfeld erschöpft hin und wurde erst Samstag Vormittag wieder von seiner Frau geweckt. Schließlich stand das gemeinsame Frühstück an.

Müßig zu erwähnen, dass Günter Barchfeld auch 1955 in Hannover zugegen war. Anhand des Fotos vom Niedersachsenstadion an jenem Tag konnte er genau zeigen, wo er und seine Freunde („Wir sind immer zu zweit oder dritt gefahren“) im weiten Rund standen. Zurück in Essen war er übrigens erst am Folgetag und somit fast zeitgleich wie die Meistermannschaft. Auf die Frage, wo er denn dann die Nacht vom 26. auf den 27. Juni 1955 verbracht habe, kam lakonisch nur: „Keine Ahnung“.  Dann ist das einfach mal so. Schließlich war man Fan eines Deutschen Meisters! Wen interessiert da schon eine Nacht.

Ach, es machte so viel Spaß, diesem so sympathischen Mann zuzuhören. Wir erfuhren, dass die Familie von Christoph Metzelder von Haus aus RWE Fans waren, und das mit Wolf Dieter Ahlenfelder an der Pfeife selten ein RWE Spiel verloren wurde. Und das es nachher immer in die so sehr vermisste Stadionkneipe ging. Also mit dem Herrn Ahlenfelder jetzt. Von einer Fahrzeugkontrolle in Verbindung mit Dieter Bast war auch noch die Rede, aber bevor ich das hier falsch wiedergebe, lassen wir diese schönen Zeiten einfach mal so stehen.

Dort in Essen, wo Günter Barchfeld nun mit Frau Helma lebt, wohnen in unmittelbarer Nachbarschaft laut seiner eigenen Einschätzung 95,5 % Schalker. Aber, so seine Erfahrung: „Man kann mit ihnen sprechen, es gibt mit den Leuten keine Probleme“. Schon zu seiner Zeit unter Tage kam ihm dieses Schalke in Gestalt eines Kollegen in die Quere. Man wusste sich aber auch da schon zu einigen: „Spielte Schalke zuhause, hatte der Kollege frei. Spielte der RWE anne Hafenstraße, hatte ich frei“.

Eine Fanta muss es nun sein, denn die Herzoperation 2001 inklusive künstlicher Herzklappe erfordert aktive Gegenmaßnahmen. Auch hier spielte der Verein eine große Rolle, denn von allein hätte Günter Barchfeld die seinerzeitige Kurzatmigkeit kaum ernst genommen. Man war halt lange unter Tage. Auch wenn massiv Pyro im Stadion gezündet wird, benötigt Günter Barchfeld seine zusätzliche Fanta, da ihm dann die Luft zu knapp wird. Vielleicht das ein Beleg dafür, dass Pyro bisweilen schön anzuschauen ist, aber doch eine gesundheitliche Gefährdung darstellen kann. Eine Gefährdung also derer, die uns allen sicher ganz viel bedeuten.

Einen Wunsch hat Günter Barchfeld, dessen Lieblingsspieler Penny Islacker, Willi Lippens und Frank Kurth sind (der Trainer seines Herzens übrigens Hans-Werner Moors) dann doch noch an unseren aktuellen Trainer Sven Demandt: Er möchte zuhause bitte mit drei Stürmern spielen. Ist hiermit weitergegeben. Wobei ich mich gerade frage: Haben wir überhaupt drei Stürmer im Kader? Egal, tut hier nichts zur Sache.

Das waren sie im Groben, die neunzig  Minuten mit Günter Barchfeld. Ich hätte diesem wundervollen Menschen ohne Ende weiter zuhören können (Er hatte übrigens nur Augen für meine Frau, erzählte immer nur in ihre Richtung, welch Charmeur). Günter Barchfeld geht es gut, er ist mit sich und seiner Rot-Weissen Welt im Einklang; sorgt sich ansonsten stets um das Wohl seiner lieben Frau. Und er ist optimistisch, was die kommende Saison angeht. Der gestrige Erfolg gegen Borussia Dortmund dürfte ihn darin bestärkt haben. Darauf einen frischen Berliner und nur der RWE!

Günter Barchfeld klappte seinen Klappkoffer zu und machte sich auf den Weg nach Hause. Was für eine schöne Zeit.