Der längste Torjubel unserer üppigen Pokalhistorie.

Wann immer der wunderbarste Verein der Welt, nachfolgend RWE genannt, mal wieder in der ersten Hauptrunde des DFB Pokal mitspielen darf, kommen sofort Erinnerungen an dieses eine Spiel hoch. Ja, an dieses eine Spiel! Und dann auch noch gegen diesen einen Gegner. Wohl denen, die an diesem spätsommerlichen 13. September 1992, im Georg Melches Stadion zugegen waren.

An diesem Sonntag wurde übrigens schon die zweite Hauptrunde im laufenden Wettbewerb gespielt, in welcher uns der benachbarte, in inniger gegenseitiger Abneigung verbundene, FC Schalke 04 als Gegner, und als Bundesligist natürlich haushoher Favorit, zugelost wurde. Die erste Runde überstand der RWE trotz seines Daseins als Oberligist (seinerzeit Drittklassig) überraschend souverän. Was vielleicht daran lag, dass die Roten sich in der ersten Hauptrunde über ein Freilos freuen durften. Ohne ein solches wäre die zweite Runde wohl ziemlich unwahrscheinlich gewesen.

Das hat bei Anpfiff aber wohl kaum einen im Stadion interessiert. Dieses war natürlich ausverkauft und zwar wie folgt: Die Westkurve stand zwar noch, aber sie war schon gesperrt. Der Spielstand wurde auf ihr noch manuell angezeigt. Legendär der jubelnde Fan mit der schwarzen Zwei auf weißer Pappe. Er rannt auf dem Kamm der Westkurve hin und er rannte her. Bekam sich kaum wieder ein.

Die Nordtribüne war in diesen Jahren noch komplett den Heimfans vorbehalten und nun also auch Standort derjenigen, die zuvor in der Westkurve den sogenannten „harten Kern“ bildeten. Zudem jetzt mit vielen anderen RWE Fans unter einem Dach versammelt. Der Atmosphäre tat das natürlich keinen Abbruch, das Gegenteil war der Fall. Man sprach von „Mythos Hafenstraße“.

Die Ostkurve somit über die komplette Breite der Gästeblock. Bei diesem Spiel auch geradezu logisch, liegen doch beide Stadien gerade einmal zehn Kilometer Luftlinie voneinander entfernt, sind Essen und Gelsenkirchen Nachbarstädte und eben auch ziemlich beste Feinde. Die Hafenstraße sicher auch ein unruhiges Pflaster vor, während und nach diesem Spiel. Auch, da es der geneigte Gästefan nach Spielschluss ziemlich eilig hatte, flott aus dem Stadion und zurück über die eigene Stadtgrenze zu kommen. Bliebe also noch die Haupttribüne. Da hat sich in all den Jahren höchstens die Bestuhlung verändert. Das Georg Melches Stadion meldete also ausverkauft und über die genaue Zuschauerzahl streiten Historiker wohl noch heute.

Das letzte Spiel beider Rivalen gab es erst zwei Spielzeiten zuvor; die einen stiegen auf und die anderen ab. Wem nun welches Schicksal ereilte, bedarf sicher keiner weiteren Erklärung. Die Dummen sind doch irgendwie immer wir. Bis zu diesem Tag, so der Plan. Denn der Pokal, das war und ist doch dieses Dingens mit seinen eigenen Gesetzen. Diese wollte der Oberligist nun so auslegen, so dass es der Bundesligist war, der sich den Pokalgesetzen zu beugen hatte. Entsprechend couragiert gingen die rot-weissen zu Werke und wurden in der 26. Minute mit dem Führungstreffer belohnt. Allerorten war von einer verdienten Führung zu lesen. Für diese sorgte Predrag Crnogaj.

Wurde im Anschluss an dieses Spiel fast jeder Junge im Essener Norden Jörg getauft, und wird „Taufpate“ Jörg Lipinski auf Lebenszeit mit dem 2:0 von Rot-Weiss Essen gegen den FC Schalke 04 in Verbindung gebracht, so tun wir uns mit der Huldigung von Predrag Crnogaj zu Unrecht ungleich schwerer. Schließlich ließ es sich erst mit der Führung im Rücken immer selbstbewusster aufspielen, so dass die Schalker auch in der Folgezeit kein Mittel fanden, um das Abwehrbollwerk RWE zu knacken.

Zu Predrag Crnogaj gibt es übrigens einen Vermerk auf der, von ETB Fans betriebenen, Seite „Lackschuh-Power“: „Predrag Crnogaj erlebte während seiner aktiven Karriere ein Wunder: Er spielte bei Rot-Weiss Essen UND war erfolgreich! Predrag Crnogaj gewann mit RWE nämlich 1992 die deutsche Amateurmeisterschaft“ Da die „Lackschuhe“ natürlich für dauerhaften sportlichen Erfolg stehen, sei ihnen dieses herrliche Bonmot gegönnt.

Zurück zum Spiel: Der viel zu früh verstorbene Charly Neumann war nun mit zunehmender Spieldauer an der Seitenlinie gefragt, lagen die Nerven der Fans aus der Nachbarstadt blank und wurden mit zunehmender Spieldauer immer blanker. Schalke rannte immer wieder Richtung Essener Tor, erhöhte minütlich den Druck und auch Torwart Jens Lehmann wartete nicht mehr vor dem Tor, sondern wollte weiter vorne mitmischen. Doch, was ihm einige Jahre später in so ziemlich letzter Minute im kleinen Revierderby bei Borussia Dortmund gelang, ging an diesem 13. September 1992 zwar nicht in die Hose, aber direkt in das eigene Tor.

Die neunzigste Minute war angebrochen, weiter Abschlag des Essener Torwarts und Publikumsliebling Frank Kurth. Jens Lehmann, komplett allein in der eigenen Hälfte, versuchte den Ball zu stoppen, um sofort den Gegenangriff einzuleiten. Dieses Unterfangen misslang jedoch, der Ball prallte ab, was der heranstürmende Jörg Lipinski sofort ausnutzte. Samt Ball stürmte Lipinski Richtung verwaistes Gästetor. Da sich kein Schalker mehr die Mühe machte, ihn zu verfolgen und Jens Lehmann in Gedanken sicher schon woanders war, stoppte Jörg Lipinski den Ball vor der Torlinie, riss die Arme hoch und gönnte den vor Freude eskalierenden Fans der Rot-Weissen einen der längsten Torjubel in der Geschichte des Fußballs. Nach fünf Sekunden wurde es dann aber doch Zeit, sich umzudrehen und den Ball vorschriftsgemäß über die Linie zu bringen.

Der Rest war Jubel. Sehr großer Jubel. Das es bis zum heutigen Tage nie wieder ein Pflichtspiel der beiden Rivalen gab, das konnte sich an diesem so wundervollen 13.September 1992 wohl kein Fan vorstellen. Fünfundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit.

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