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Der sechzigste Geburtstag

Walter Ruege wird heute sechzig Jahre jung und sitzt gefühlt seit ebenso vielen Jahren am Mikrofon der Hafenstraße. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag lieber Herr Ruege. Als kleines Geschenk und Dankeschön (auch an die Fahnengirls) das siebte Kapitel. Später hoffentlich auch noch die drei Punkte, die diesen runden Ehrentag ziemlich rund machen würden. Ich bin überzeugt, die Mannschaft möchte Sie heute auch gerne beschenken.

Weil wir Fahnengirls statt Cheerleader haben. Und Walter Ruege.

Der Fußball dieser Tage lebt ja nicht immer nur von der Konstante, es müssen stetig Neuerungen her. Stadionsprecher werden zu Marktschreiern, die Stadionmusik wird zur Krachorgie. Das Stadion soll nicht mehr Stadion, sondern eine Event Location für die ganze Familie werden. Sofern Stadionkapazität und Familienbudget das überhaupt hergeben.

Wie wohltuend das Prozedere vor Spielbeginn an der Hafenstraße. Im neuen Stadion Essen nicht anders als im guten alten Georg Melches Stadion. Allgemeinen als „RWE Countdown“ bekannt, werden eine halbe Stunde vor Anpfiff rot-weiße Gassenhauer gespielt. Zudem sorgt Walter Ruege seit über sechsunddreißig Jahren ruhig und mit angenehmer Stimme am Mikrofon für die nötigen Informationen. Was man halt so braucht als Fan vor dem Spiel.

Seltene Ausflüge in die Moderne inklusive „Animationsversuche“ werden Walter Ruege schnell verziehen und galant überhört. Man möchte ihn in den Arm nehmen, verkündet er hörbar mitleidend die Tore für den Gegner, oder Ungemach auf den Rängen. Die Hafenstraße ohne ihn? Unvorstellbar. Ebenso unvorstellbar auch eine Hafenstraße ohne die Fahnengirls.

Unter dem Dach des AWO Fanprojektes zuhause, bilden die Fahnengirls stets vor Spielbeginn und zur Halbzeit den optischen Höhepunkt auf dem Rasen. Sie schwenken zum Rhythmus der Lieder ihre Fahnen in den Vereinsfarben. Nichts dramatisches also mag man denken. Aber zum Glück eben auch keine opulente Choreografie „Poms“ schwenkender Sportlerinnen in kurzen Röcken. Bei allem Respekt für die sportliche Leistung dieser, aber das passt nicht zur Hafenstraße. So weißt Du als Fan, was Dich erwartet. Wenigstens vor dem Spiel. Diese angenehme Konstante. Was auch besser ist, denn das danach gebotene ist meistens nicht zielführend, dem nächsten Spielbesuch freudig entgegenzusehen.

Vielleicht nehmen wir auf den Rängen das Wirken der Fahnengirls so selbstverständlich dar, so dass es uns erst wieder bewusst werden würde, sollten vor einem Spiel mal keine Fahnen geschwungen werden. Der Fan, das Gewohnheitstier. Das die Fahnengirls übrigens bei Wind und Wetter auf dem Platz stehen, während man gefühlt keinen Fan vor die Tür jagen möchte, kommt noch bewundernd hinzu.

Pokalfinale. 94. Kapitel. 93.

Rot-Weiss Essen stand am 15. März 1994 um 13.04 Uhr endgültig als frischgebackener lizenzloser Zwangsabsteiger fest. Dieses teilte das ständige, natürlich neutrale Schiedsgericht des Deutschen Fußballbundes dem Anwalt des RWE, Dr. Reinhard Rauball (Seit November 2015 kommissarischer Präsident des Deutschen Fußballbundes) mit. Zwar wurde die Lizenz schon im November 1993 entzogen, aber die Hoffnung und Einspruchsfristen sterben bekanntlich zuletzt. Die verbleibenden Spiele bis Saisonende wurden in Gänze für den jeweiligen Gegner gewertet. Weiterhin wurde Rot-Weiss Essen kompromisslos an das Tabellenende und die ganzen, schönen Punkte auf Null gesetzt. Jeder Verkehrssünder würde weinen vor Freude, an der Hafenstraße aber flossen einmal mehr Tränen der Verzweiflung, der Wut und Trauer. Besonders bitter, hatte der RWE in diesen Jahren eine richtig gute Mannschaft zusammen. Ein Team im eigentlichen Sinne zudem!

Als Baumeister kann getrost ihr Trainer Jürgen Röber bezeichnet werden; zudem mein persönlicher Lieblingstrainer bei RWE. Jürgen Röber hat neben Fachkompetenz auch eine ziemlich mitreissende, begeisternde Art; beherrscht Teambuilding. Sympathisch obendrein. Leider bat Jürgen Röber einen Monat später am 13. Dezember um seine Vertragsauflösung. Gerüchten zufolge wollte er die Hafenstraße und seine Mannschaft eigentlich nicht im Stich lassen, wohl wissend, welche Truppe er beisammen hatte. Vielmehr erhoffte er sich, so dass Gerücht weiter, durch eine eventuell anfallende Trainerablöse doch noch dem Verein die Lizenz erhalten zu können. Soweit die Gerüchteküche. Ist auch nur ein Fünkchen Wahrheit an diesem Gerücht dran, so bestätigt dass den Eindruck, den ich aus der Ferne von Jürgen Röber als Mensch habe. Dass er allerdings schon am 15. Dezember für eine neues Engagement beim VfB Stuttgart unterschrieb, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie: Der damalige Vorsitzende des DFB-Ligaausschusses Gerhard Mayer-Vorfelder hatte sich in seiner Eigenschaft als Präsident des VfB kurz zuvor von seinem Meistertrainer Christoph Daum (Die Älteren unter uns werden diesen Trainer noch kennen) getrennt und stand ohne Mann an der Seitenlinie da. Zur richtigen Zeit in der richtigen Verhandlung also.

Zurück aber zu den harten Fakten des endgültigen Aus aus dem März 1994: Netterweise durfte der RWE aber das mittlerweile erreichte DFB Pokalfinale in Berlin gegen den SV Werder Bremen spielen. Im Falle eines Pokalsieges hätte der Verein dann auch als drittklassiger Regionalligist im Europapokal der Pokalsieger antreten dürfen. Man hätte auch die Erlöse aus dem Husarenritt Pokal einbehalten können und damit die Strafe finanziell begleichen können. Hätte, hätte…. Pokalfinale als lizenzloser Zweitligist mit toller Mannschaft also erreicht. Doch wie kam es dazu?

Zunächst einmal mit einem Freilos. Wie auch für 11 Erstligisten, 12 weitere Zweitligisten und 28 Amateurvereine. Freilose sind eine tolle Sache: Kein Stress, kein Pokalaus, kein anderes Bier. Einfach lässig Weiterkommen. In der zweiten Runde, noch als lizensierter Zweitligist, ging es am Mittwoch, 25. August 1993 nach Bocholt an den Hünting. Der 1.FC Bocholt war ein ziemlich schwerer Brocken bei seiner bis heute vorerst letzten Teilnahme am DFB Pokal und verlangte den Rot-Weissen alles ab: Mit 3:2 konnte der RWE sich in die dritte Hauptrunde retten. Diese bescherte ein Heimspiel gegen den Ligarivalen FC St. Pauli. Ausgetragen wurde das Spiel am 10. September 1993. Und das Flutlicht leuchtete bei Abpfiff, denn das Pokalspiel ging über 120 Minuten. Endergebnis wieder 3:2 für den RWE. Erste Euphorie machte sich breit.

Die nächste Runde war offiziell keine Runde mehr, sondern schon ein Finale: Das Achtelfinale stand an und bescherte einen Gegner aus der direkten Nachbarschaft: Der MSV Duisburg gab sich am Mittwoch, 27. Oktober 1993 um 20.00 Uhr die Ehre und mit ihm eine picke-packe volle Gästetribüne. Das Flutlicht leuchtete an diesem Tage schon weit vor Anpfiff in das herbstliche Georg-Melches Stadion. Wieder fielen viele Tore, wieder traf der Gegner zweimal. Doch der RWE traf an jenem Mittwoch Abend gleich vier Mal in einem packenden Pokalspiel. Faszination und Mythos Hafenstraße lebten dieser Tage so intensiv wie nie. Auch deshalb war der dann bald folgende Lizenzentzug ein Stich in das Herz all derer, die es mit dem Verein hielten. Auch heute noch wird dieser Lizenzentzug als der tragischste erlebt und seine Konsequenz als unverhältnismässig. Sogar Landesvater Johannes Rau hatte eine Bittschrift an den DFB mit unterschrieben.

In der Liga also nunmehr ohne sportlichen Antrieb, höchstens noch mit dem allerletzten Fünkchen Resthoffnung Einspruch, fokussierte sich bei RWE nun alles auf das Viertelfinale im Pokal: Die Lizenzlosen hatten am Dienstag, 30.11.1993 um 17:30 Uhr im Schneetreiben bei Carl Zeiss Jena anzutreten. 5240 Fans waren im Wintersportparadies Ernst-Abbe-Sportfeld zu Gast. Trainer auf Seiten der Jenaer der Mann mit der spitzen Zunge, Hans Meyer. Gehen Sie davon aus, dass ihm dieses Spiel viele Nerven gekostet haben dürfte. Nach regulärer Spielzeit stand es Null zu Null, und das Elfmeterschiessen stand an. Aber diese Mannschaft meisterte auch diese Prüfung: Beim Stande von 6:5 für den RWE hielt Frank Kurth den Elfmeter eines später nicht ganz unbekannten Bernd Schneider. Der Rest war Jubel und Halbfinale. Der Rest war aber auch das letzte Pokalspiel für Jürgen Röber als Trainer von Rot-Weiss Essen, da das Halbfinale erst im März 1994 ausgetragen werden sollte.

Halbfinale. Dienstag 08. März 1994 um 20:15 Uhr. Der Gegner an der Hafenstraße wieder ein Zweitligist. Tennis Borussia Berlin hieß der Kontrahent und ebenfalls Zweitligist. Übrigens in der späteren Abschlusstabelle ebenfalls als Absteiger auf Platz 17 gelistet. Allerdings sportlich. Hier also auch der Pokal das Pflaster für die Seele. Wenige Fans begleitete TeBe an die Hafenstraße; die Osttribüne also auch fast komplett in heimischer Hand. Auf der Bank der Essener nun der viel zu früh verstorbene Wolfgang Frank anstelle des Neuschwaben Jürgen Röber. Und auch die verlustige Westkurve wurde mittels Stahlrohrtribünen wieder temporär errichtet, um das Fassungsvermögen zu erhöhen. Die Emotionen kochten unter dem Eindruck der letzten Wochen und Monate über, und so wurden die eigenen Helden nicht nur angefeuert, sondern immer wieder lautstark die Meinung über den DFB und seine zu harte Entscheidung kundgetan. Hier und heute reichten zwei Tore um das Endergebnis zu ermitteln: Mit 2:0 gestaltete der RWE dieses Halbfinale erfolgreich gegen Berliner um nach Berlin zu fahren. Trotziger Stolz nach Abpfiff. Feiern mit Würde und immer noch Tränen der Wut.

Einen Tag später konnte Werder Bremen unter Otto Rehhagel auswärts bei Dynamo Dresden ebenfalls mit 2:0 gewinnen und so stand die Finalpaarung fest: Rot-Weiss Lizenzlos Essen traf auf den SV Werder Bremen. Viele Essener machten sich am 14. Mai 1994 auf den Weg gen Berlin. Vielleicht auch schon einen oder mehrere Tage früher. 15.000 Karten gab es wie immer offiziell für jeden Verein. Euphorische sprachen von 35.000 Rot-Weissen, sachliche von 20.000 und nüchterne von 15.000. Und doch gehörten die Sympathien im Stadion zumeist dem RWE. Der neutrale Zuschauer hält halt immer irgendwie zum „Underdog“ und auch die Bremer Fans zeigten sich solidarisch gegen den DFB, feierte es sich doch so schön zusammen. Der DFB selbst hingegen zeigte sich in seiner Großmut eher wie die SED bei einem Aufmarsch und ließ alle regimekritischen Plakate und Banner entfernen. Die Stimmen waren allerdings gut geölt und so lederte es sich lautstark von den Rängen immer wieder gegen die Granden der Führungsspitze. Auch eine Autobesatzung aus Nordhorn war in Berlin und verbrachte die Nacht nach dem Spiel in selbigem. Keimzelle der kleinen Reisegruppe der Heideweg in Nordhorn, wo am Rande eines Eintracht Spiels die Fahrt beschlossen wurde. Ich zog seinerzeit noch das heimische Empfangsgerät vor.

Rot-Weiss Essen bot einen packenden Pokalfight, verlangte Otto Rehhagel und seinen Spielern alles ab. Werder in der ersten Halbzeit 2:0 in Führung gegangen, konnte sich seiner nie sicher sein und musste in der 50. Minute den Anschlusstreffer hinnehmen. Bis zur 88. Minute hofften alle RWE Fans auf den Ausgleich und eine mögliche Sensation, ehe ein Handelfmeter alle Hoffnungen zerstörten. Pokalsieger also der SV Werder Bremen. Moralischer Sieger aber in allen Belangen Rot-Weiss Essen! Sowohl auf dem Platz, wie auch auf den Rängen und tags drauf auf dem Kennedy Platz in Essen. Die Lizenz verloren, aber nie aufgegeben. Den Stolz behalten und Ehre gewonnen. Was eine Mannschaft in dieser Saison.

Ballhalter gegen Zuhälter.

Der Anrufbeantworter blinkte. Diesen abgehört, berichtete eine sonore, sympathische Stimme davon, den Artikel gelesen zu haben. Und wer auch immer nun diese Nachricht abhören würde:  Er (der Anrufer) könne noch einige kleine Geschichten zu dem Buch beitragen. Man ahnt, dass eine solche fast geheimnisvoll wirkende Nachricht für den Moment die in etwa zeitgleich stattfindende Pressekonferenz an der Hafenstraße in den Hintergrund rücken ließ. Es galt einen Anruf zu tätigen.

Mein Informant kam gleich zur Sache und wir gerieten unvermittelt in den Strudel des Essener Rotlichtmilieu  Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts: Protagonist der Anekdote ein gewisser Harry de Vlugt, zwischen 1972 und 1975 an der Hafenstraße unter Vertrag. Harry de Vlugt, uns von Karsten Kiepert näher vorgestellt, hatte seinerzeit ja nicht nur Schlaghosen an, sondern auch einen besonderen Schlag bei den Frauen. Ein Weiberheld eben, so der Zeitgenosse am anderen Ende der Leitung amüsiert und fast bewundernd. Was so ein richtiger Lebemann jener Tage war, der hatte Kontakte. Viele Kontakte. So auch, wie es sich für einen rot-weißen gehört, in das Rotlicht- statt königsblaue Milieu. Und die dort aktiven Zuhälter waren nicht nur fußballbegeistert, sondern fast davon besessen; wollten sich endlich auf dem grünen Rasen messen. Eben gegen jene Mannschaft des RWE. Der allseits bekannte Harry  de Vlugt wurde also dazu auserkoren, seiner Mannschaft diesen Wunsch nahezubringen. Die ausgelobte Summe für das Spiel „Rot-Weiss Essen gegen Zuhälter“ sollte 10.000 DM für die Mannschaftskasse betragen. Was somit natürlich auch Willi Lippens vollends überzeugte, so der Zeitgenosse und ehemalige Aktive.

Natürlich handelte es sich in gewisser Weise ja auch um Schweigegeld, denn die Verantwortlichen jene Tage wussten nicht von dieser Aufbesserung der Mannschaftskasse, geschweige denn von dem halbseidenen Sparringspartner. Und so kam es, dass eines Tages mehr auffällige Fahrzeuge als sonst an der Hafenstraße parkten. Klunker und Nerz waren sonst nicht wirklich im Essener Norden zuhause. Dem absurden Spiel des Jahrhunderts stand nun nichts mehr im Wege. Außer dem Zufall in Form von Paul Nikelski! Paul Nikelski, Geschäftsführer; Herz und Seele des Vereins, radelte am Trainingsplatz vorbei und sah seine Spieler scheinbar in Vorbereitung auf ein Spiel. „Das könnt Ihr nicht machen“, so seine Reaktion darauf, als er zerknirscht in die Faktenlage eingeweiht wurde. Und da Nikelskis Wort seinerzeit mehr Gewicht hatte als Tim Wiese aktuell Muskelmasse, gab es kein Spiel Ballhalter gegen Zuhälter. Die 10.000 DM jedoch, die durften ohne Gegenleistung an der Hafenstraße verbleiben.

Was für eine Anekdote. Eigentlich kaum vorstellbar. Aber man kann sich das Szenario durchaus irgendwo um 1973 an der Hafenstraße und bei Rot-Weiss Essen vorstellen. Wenn nicht dort, wo auch sonst?

Einen weiteren bleibenden Eindruck hinterließ das Ablösespiel von Lambert Rondhues, welches am 1.August 1957 zwischen dem RWE und Eintracht Nordhorn im Georg Melches Stadion ausgetragen wurde. Auch hier wusste der Zeitgenosse von zu berichten. Unter anderem davon, dass der „Boss“ an jenem Tag kaum zu halten war. Auch wenn sich drei bis vier Nordhorner ihm in den Weg warfen, er war zu wuchtig an diesem Abend. Er hatte ja auch etwas gut zu machen. Der RWE gewann bekanntermaßen mit 6:1 und wie damals üblich, wurde nach dem Spiel gemeinsam gegessen. Diesmal in der uns allen so bekannten Haupttribüne des Georg Melches Stadions. Den älteren Essenern ist nun vor allem der Eintracht Spieler Bernd Busch in Erinnerung geblieben, denn es gab unter anderem Kartoffeln. Was so ein richtiger Grafschafter ist, der liebt Kartoffeln. Und so war vor Bernd Busch keine Kartoffel an diesem Abend sicher. Er bekam sie alle! Sein Einsatz an der Gabel auch heute noch legendär.

Da mein „Informant“ und Zeitgenosse noch viel mehr solcher Geschichten zu erzählen hat und einen kennt, der seinerseits zeitgenössisches Bild- und Zeitungsmaterial hat, werde ich ihn besuchen. Es wäre eine Sünde, wenn nicht. Apropos Sünde: Hat jemand zufällig auch Informationen zu dem Spiel gegen die Vertreter des „Sündenpfuhls“, welches nicht stattgefunden hat?

Der längste Torjubel unserer üppigen Pokalhistorie.

Wann immer der wunderbarste Verein der Welt, nachfolgend RWE genannt, mal wieder in der ersten Hauptrunde des DFB Pokal mitspielen darf, kommen sofort Erinnerungen an dieses eine Spiel hoch. Ja, an dieses eine Spiel! Und dann auch noch gegen diesen einen Gegner. Wohl denen, die an diesem spätsommerlichen 13. September 1992, im Georg Melches Stadion zugegen waren.

An diesem Sonntag wurde übrigens schon die zweite Hauptrunde im laufenden Wettbewerb gespielt, in welcher uns der benachbarte, in inniger gegenseitiger Abneigung verbundene, FC Schalke 04 als Gegner, und als Bundesligist natürlich haushoher Favorit, zugelost wurde. Die erste Runde überstand der RWE trotz seines Daseins als Oberligist (seinerzeit Drittklassig) überraschend souverän. Was vielleicht daran lag, dass die Roten sich in der ersten Hauptrunde über ein Freilos freuen durften. Ohne ein solches wäre die zweite Runde wohl ziemlich unwahrscheinlich gewesen.

Das hat bei Anpfiff aber wohl kaum einen im Stadion interessiert. Dieses war natürlich ausverkauft und zwar wie folgt: Die Westkurve stand zwar noch, aber sie war schon gesperrt. Der Spielstand wurde auf ihr noch manuell angezeigt. Legendär der jubelnde Fan mit der schwarzen Zwei auf weißer Pappe. Er rannt auf dem Kamm der Westkurve hin und er rannte her. Bekam sich kaum wieder ein.

Die Nordtribüne war in diesen Jahren noch komplett den Heimfans vorbehalten und nun also auch Standort derjenigen, die zuvor in der Westkurve den sogenannten „harten Kern“ bildeten. Zudem jetzt mit vielen anderen RWE Fans unter einem Dach versammelt. Der Atmosphäre tat das natürlich keinen Abbruch, das Gegenteil war der Fall. Man sprach von „Mythos Hafenstraße“.

Die Ostkurve somit über die komplette Breite der Gästeblock. Bei diesem Spiel auch geradezu logisch, liegen doch beide Stadien gerade einmal zehn Kilometer Luftlinie voneinander entfernt, sind Essen und Gelsenkirchen Nachbarstädte und eben auch ziemlich beste Feinde. Die Hafenstraße sicher auch ein unruhiges Pflaster vor, während und nach diesem Spiel. Auch, da es der geneigte Gästefan nach Spielschluss ziemlich eilig hatte, flott aus dem Stadion und zurück über die eigene Stadtgrenze zu kommen. Bliebe also noch die Haupttribüne. Da hat sich in all den Jahren höchstens die Bestuhlung verändert. Das Georg Melches Stadion meldete also ausverkauft und über die genaue Zuschauerzahl streiten Historiker wohl noch heute.

Das letzte Spiel beider Rivalen gab es erst zwei Spielzeiten zuvor; die einen stiegen auf und die anderen ab. Wem nun welches Schicksal ereilte, bedarf sicher keiner weiteren Erklärung. Die Dummen sind doch irgendwie immer wir. Bis zu diesem Tag, so der Plan. Denn der Pokal, das war und ist doch dieses Dingens mit seinen eigenen Gesetzen. Diese wollte der Oberligist nun so auslegen, so dass es der Bundesligist war, der sich den Pokalgesetzen zu beugen hatte. Entsprechend couragiert gingen die rot-weissen zu Werke und wurden in der 26. Minute mit dem Führungstreffer belohnt. Allerorten war von einer verdienten Führung zu lesen. Für diese sorgte Predrag Crnogaj.

Wurde im Anschluss an dieses Spiel fast jeder Junge im Essener Norden Jörg getauft, und wird „Taufpate“ Jörg Lipinski auf Lebenszeit mit dem 2:0 von Rot-Weiss Essen gegen den FC Schalke 04 in Verbindung gebracht, so tun wir uns mit der Huldigung von Predrag Crnogaj zu Unrecht ungleich schwerer. Schließlich ließ es sich erst mit der Führung im Rücken immer selbstbewusster aufspielen, so dass die Schalker auch in der Folgezeit kein Mittel fanden, um das Abwehrbollwerk RWE zu knacken.

Zu Predrag Crnogaj gibt es übrigens einen Vermerk auf der, von ETB Fans betriebenen, Seite „Lackschuh-Power“: „Predrag Crnogaj erlebte während seiner aktiven Karriere ein Wunder: Er spielte bei Rot-Weiss Essen UND war erfolgreich! Predrag Crnogaj gewann mit RWE nämlich 1992 die deutsche Amateurmeisterschaft“ Da die „Lackschuhe“ natürlich für dauerhaften sportlichen Erfolg stehen, sei ihnen dieses herrliche Bonmot gegönnt.

Zurück zum Spiel: Der viel zu früh verstorbene Charly Neumann war nun mit zunehmender Spieldauer an der Seitenlinie gefragt, lagen die Nerven der Fans aus der Nachbarstadt blank und wurden mit zunehmender Spieldauer immer blanker. Schalke rannte immer wieder Richtung Essener Tor, erhöhte minütlich den Druck und auch Torwart Jens Lehmann wartete nicht mehr vor dem Tor, sondern wollte weiter vorne mitmischen. Doch, was ihm einige Jahre später in so ziemlich letzter Minute im kleinen Revierderby bei Borussia Dortmund gelang, ging an diesem 13. September 1992 zwar nicht in die Hose, aber direkt in das eigene Tor.

Die neunzigste Minute war angebrochen, weiter Abschlag des Essener Torwarts und Publikumsliebling Frank Kurth. Jens Lehmann, komplett allein in der eigenen Hälfte, versuchte den Ball zu stoppen, um sofort den Gegenangriff einzuleiten. Dieses Unterfangen misslang jedoch, der Ball prallte ab, was der heranstürmende Jörg Lipinski sofort ausnutzte. Samt Ball stürmte Lipinski Richtung verwaistes Gästetor. Da sich kein Schalker mehr die Mühe machte, ihn zu verfolgen und Jens Lehmann in Gedanken sicher schon woanders war, stoppte Jörg Lipinski den Ball vor der Torlinie, riss die Arme hoch und gönnte den vor Freude eskalierenden Fans der Rot-Weissen einen der längsten Torjubel in der Geschichte des Fußballs. Nach fünf Sekunden wurde es dann aber doch Zeit, sich umzudrehen und den Ball vorschriftsgemäß über die Linie zu bringen.

Der Rest war Jubel. Sehr großer Jubel. Das es bis zum heutigen Tage nie wieder ein Pflichtspiel der beiden Rivalen gab, das konnte sich an diesem so wundervollen 13.September 1992 wohl kein Fan vorstellen. Dreiundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit.